Krisenstimmung im Konzern: Absurder Showkampf c/o jener Lufthansa

Lufthansa hat 100 Jahre nach der Gründung eigentlich allen Grund zum Feiern. Es ist der umsatzstärkste Flugkonzern, der nicht in den USA sitzt. Schicksalsschläge wie die Germanwings-Katastrophe haben durch gutes Krisenmanagement keinen Schaden für das Ansehen hinterlassen. Aus der Corona-Krise befreite sich Lufthansa schnell – mit dem Nebeneffekt, dass die Stützaktion für den Staat sogar ein lukratives Geschäft wurde. All das war nicht vorgezeichnet, ist hart erarbeitet und mit dem Namen des Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr verbunden. Er hat mithilfe von Zukäufen ein europäisches Netzwerk der Flugbetriebe im Zeichen des Kranichs geformt.

Doch die Misstöne zum Jubiläum haben auch Gründe. Zur Flotte zählen  immer noch alte Flugzeuge, die nicht nur Kerosinfresser, sondern auch Renditefresser sind. Passagiere mussten zu lange mit altem Gestühl vorliebnehmen, weil sich das komplexe Allegris-Sitze-Projekt verzögerte. Damit ließ sich Lufthansa Chancen auf Zusatzerlöse entgehen. Der Konzern versteifte sich aber auf eine Rahmenerzählung, nach der die – zweifelsohne hoch bezahlten – Mitarbeiter der Kern allen Margen­übels seien. Das hat Abwehrreflexe geweckt. Die vielen Tarifkonflikte haben dazu beigetragen, dass der Kurs der Lufthansa-Aktie nach Corona nie auf einen Höhenflug ging.

Zum Festakt in der verkorksten Jubiläumswoche wurde die Forderung nach einem schärferen Streikrecht beklatscht, da der Arbeitgeber – so die Erzählung – in den Arbeitskämpfen auf die Zuschauertribüne verwiesen sei. Doch danach nahm der offenkundig gar nicht so machtlose Arbeitgeber einer Mannschaft einfach den Ball weg und schickte die Tochtergesellschaft Cityline vorzeitig vom Feld.

Gekniffen sind die Passagiere

Wirklich auf der Zuschauertribüne sitzen Passagiere. Denen dürfte es mittlerweile egal sein, welche Seite zuerst eskaliert hat. Die Kunden wollen einen verlässlichen Flugbetrieb, sonst suchen sie sich eine Alternative. Lufthansa verlangt ihnen aber wieder einmal viel Geduld ab. Der Konzern strickt noch an einem Ersatzflugplan, der verhindern soll, dass nach dem abrupten Cityline-Aus nicht zu viele Reisende stehen bleiben.

Lufthansa ist gut beraten, in den Duellen auch andere Zuschauer nicht zu vergessen. In Portugal zweifelt die dortige Pilotengewerkschaft schon, ob Lufthansa der beste Investor für die Fluggesellschaft TAP sei. Der Chef von Air France-KLM, der Rivale beim Bieten um TAP, erklärt in Interviews, warum Frieden im Unternehmen so wichtig ist.

Wegen der Nahostkrise mit starken Folgen für die Kerosinpreise und Treibstoffversorgung muss Lufthansa kürzen und sparen. Das volle ursprüngliche Angebot wird nicht mehr wirtschaftlich durchführbar sein. Schwer nachvollziehbar ist aber, warum das sofortige Aus für Cityline eine  zwingende Reaktion auf den Irankrieg sein soll, während besonders spritfressende Langstreckenflugzeuge noch einige Monate Gnadenfrist bekommen. Es bleibt der Eindruck einer Retourkutsche für unerwünschte Streiks.

Fragwürdige Strategie

Auf dem Weg zu höheren Gewinnen hat Lufthansa ihr Heil darin gesucht, Angebote in neue Tochtergesellschaften auszulagern. Das senkt zunächst Personalkosten, hat jedoch die Gewerkschaften nachhaltig verärgert. Die Kosten bleiben trotzdem höher als bei manchem Billigrivalen, den Lufthansa auf der Suche nach den besseren Arbeitskräften zumindest aktuell nicht unterbieten will. Die nächste Sparrunde scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Will man dann wieder auslagern, wieder einen Betrieb schließen?

Schon jetzt stellt sich die Frage, wie es auf Kunden wirkt, wenn zwar mehr Passagiere mit Flugzeugen des Lufthansa-Konzerns reisen, aber der Anteil derer sinkt, die in einem Flugzeug sitzen, auf dem auch Lufthansa steht. Besser wäre es, die Kunden so zu begeistern, dass sie gern für einen Lufthansa-Mehrwert bezahlen. Doch aktuell testet Lufthansa lieber, welche Kürzungen in der Flugzeugreinigung Passagiere hinnehmen.

An Marktanteilen gemessen steht Lufthansa gut da, aber unter dem Konzerndach gärt es. Die Tarifkonflikte sind zum absurden Showkampf geworden. Die Gewerkschaftsforderungen vor allem der Vereinigung Cockpit sind völlig überzogen, viele Piloten dürften das wissen. Ausgetragen werden Stellvertretergefechte, in denen es eigentlich um die Konzernstrategie samt Auslagerungen geht. Damit lässt sich kein rechtmäßiger Streik begründen. Über die Strategie ließe sich besser im Aufsichtsrat, wo Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zusammensitzen, diskutieren. Im Mai soll das Gremium einen neuen Vorsitzenden bekommen. Der frühere Eon-Chef Johannes Teyssen hat die Chance, seinen Lufthansa-Einsatz zur Friedensmission zu machen.