Warum die aufgeflogene „Operation Gold“ zu Händen die CIA trotzdem ein Erfolg war

Am 22. April 1956 entdeckten sowjetische und ostdeutsche Behörden den Berliner Spionagetunnel. Die „Operation Gold“ war eine der aufwendigsten Spionageaktionen im Kalten Krieg. Ein sensationeller Fund wirft ein neues Licht auf das Geheimdienstprojekt.

Audioplayer wird geladen

Erfolge wollen gefeiert werden – vor allem, wenn es sich um wahre Triumphe handelt. Genau einen solchen Sieg errangen DDR und Sowjetunion am frühen Morgen des 22. April 1956: Am südöstlichsten Zipfel West-Berlins fanden sie einen Tunnel auf ostdeutschem Gebiet, vollgestopft mit modernster Abhörtechnologie. Gebaut hatte den Stollen der US-Geheimdienst CIA, um unterirdische Kommunikationskabel anzuzapfen.

Nur einen Tag später fand eine internationale Pressekonferenz vor Ort statt, und in den folgenden Frühlingswochen überschlug sich die kommunistische Propaganda geradezu. Die drei West-Sektoren der geteilten Stadt standen als „Agenten-Nest“ da, aus dem heraus der „friedliebende Warschauer Pakt“ unterminiert würde. Fürwahr ein Triumph.

Was lag also näher, als ein Album mit den eindrucksvollsten Aufnahmen aus dem Tunnel anzulegen? Eine Art „Coffeetable-Book“, das man Vorgesetzten und Kollegen mehr oder minder unauffällig vorführen konnte? Dass die DDR-Staatssicherheit ein solches Fotobuch zusammenstellen ließ, ist seit Jahrzehnten bekannt; es ist in den Beständen der „Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe“ überliefert, die direkt dem Chef des SED-Geheimdienstes unterstellt war. Dieses Album umfasst 26 Seiten und 59 einzelne Bilder; die Erläuterungen auf stabilem grauem Karton schrieb jemand mit weißem Stift von Hand.

Lesen Sie auch

Das Original wird heute im Alliiertenmuseum Berlin gezeigt; ein Scan ist auf der Website des Bundesarchivs verfügbar. Dort kann man auch lesen, dass der damals zweite Mann der Stasi, Erich Mielke, dieses Album am 25. April 1956 an den faktischen SED-Chef Walter Ulbricht schickte – nicht ohne ihn zu bitten, es bei der nächsten Sitzung zurückzugeben. Mielke hatte Ulbrichts Vertrauen, während Stasi-Chef Erich Wollweber vom Kreml ernannt worden war.

Doch bei diesem Album handelte es sich nicht um die einzige derartige Dokumentation. Der rührige Verein Berliner Unterwelten legt zum 70. Jahrestag der Entdeckung des Tunnels einen Bildband vor, in dem ein weiterer, bislang vollkommen unbekannter Fotobericht des Tunnels abgedruckt ist (Dietmar Arnold / Helmut Müller-Enbergs: „Operation Gold. Der Spionagetunnel in Berlin“. Bebra-Verlag. 224 S., 24 Euro).

Lesen Sie auch

Dieser Report umfasst auf 121 Seiten 108 durchgezählte sowie sieben weitere Bilder. Ferner sind die Erläuterungen sehr viel umfangreicher und mit Maschine geschrieben. Erstellt wurde diese Fassung offenbar 1956/57 von Mitarbeitern des Instituts für Kriminalistik der Humboldt-Universität Berlin; sie griffen dabei zurück auf das Material einer Kommission aus sowjetischen und ostdeutschen Experten, also sicher Geheimdienstmitarbeitern, die unmittelbar nach der Entdeckung des Tunnels gebildet worden war. Empfänger war Karl Maron, seit 1955 DDR-Innenminister.

Vor dem Reißwolf gerettet

Wem der eisenharte Kommunist dieses Album zeigte, bleibt unbekannt. Jedenfalls befand sich die Dokumentation Ende 1989 in einem Bestand des Ministeriums des Inneren der DDR, der als „nicht mehr benötigt“ vernichtet werden sollte. Ein ungenannt bleibender Mitarbeiter „brachte es jedoch nicht übers Herz, diese Rarität der Vernichtung anheimzugeben“, schreiben die Autoren des Bandes, Unterwelten-Chef Dietmar Arnold und der Geheimdienstexperte Helmut Müller-Enbergs. Also steckte er das Album „in einem unbemerkten Moment kurzerhand in seine Aktentasche“. Viele Jahre später kam dieses einzigartige Stück an das Vereinsarchiv der Berliner Unterwelten – und jetzt an die Öffentlichkeit. Der sensationelle Fund lenkt zum 70. Jahrestag der Entdeckung das Augenmerk auf eine der spannendsten Geheimdienstoperationen im Deutschland des Kalten Krieges.

Schon im von den Siegermächten aufgeteilten Wien hatte der britische Geheimdienst Bodenkabel abgehört, über die sowjetische Dienststellen kommunizierten – diese Operation lief sogar bereits seit 1948 und bis zum Rückzug aller Besatzungstruppen im Zuge der Neutralisierung Österreichs 1955. Daher lag es nahe, eine ähnliche Aktion im gleichfalls unter den vier Mächten aufgeteilten Deutschland zu versuchen, konkret: in Berlin.

Lesen Sie auch

Ernst wurde das Vorhaben im Spätsommer 1953. Die Briten und ihre US-Kollegen erfuhren, dass die Sowjets drei Fernmeldekabel der alten Reichspost mit den Nummern 150, 151 und 152 für sich nutzten. Aus alten deutschen Unterlagen wussten die Geheimdienstler, dass diese drei Stränge im Ortsteil Altglienicke im sowjetischen Sektor unter der Schönefelder Chaussee verliefen – nur wenige hundert Meter vom Ortsteil Rudow im US-Sektor entfernt. Mit einem rund „1800 Fuß“ langen Tunnel könnte man sie erreichen und anzapfen. Die Idee hatte Charme: Am 20. Januar 1954 genehmigte CIA-Direktor Allen Dulles das Vorhaben.

Welches freilich bereits vor Baubeginn verraten war. Denn bei den britischen Partnern arbeitete als stellvertretender Chef der zuständigen „Sektion Y“ in London ein gewisser George Blake. Beim Geheimdienst MI6 glaubte man, dass der Sohn einer Niederländerin und eines Ägypters mit britischem Pass ein Doppelagent sei – ein entlarvter sowjetischer Spion, der unter der eigenen Kontrolle stand. Tatsächlich jedoch war Blake ein Dreifachagent: ein entlarvter sowjetischer Spion, der sich im Auftrag des KGB als von den Briten kontrolliert ausgab, tatsächlich aber weiter für Moskau arbeitete. Nach ersten Hinweisen ab Herbst 1953 übergab der Verräter mit dem Decknamen „Diomid“ am 12. Februar 1954 die vollständige Tunnelplanung – also mehr als ein Jahr, bevor im Frühjahr 1955 die Anzapfung der drei Fernkabel gelang.

Der Bau des Stollens war eine logistische Meisterleistung: Zuerst wurde das notwendige Grundstück gepachtet, um dort angeblich eine Radarstation zu errichten. Dann wurde, 2,80 bis fünf Meter unter der Oberfläche, der 436 Meter lange Tunnel gegraben, abgestützt durch 948 Rundbögen aus fünf Millimeter starkem Stahlwellblech; die innere Höhe betrug 1,94 Meter. Jeder der Rundbögen bestand aus fünf Segmenten, die nach entsprechendem Vortrieb von knapp einem halben Meter mit der bereits bestehenden Röhre verschraubt wurden. Etwa ein Achtel des Aushubs blieb, in Säcken verpackt, zur Stabilisierung der Wände im Stollen.

Nach Fertigstellung des Tunnels und erfolgter Anzapfung (die Angaben in verschiedenen Geheimdienstunterlagen weichen deutlich voneinander ab) konnten etwa 368.000 sowjetische Telefongespräche mitgeschnitten werden, dazu 18.000 Magnetbänder voller Fernschreiben. Die auf Russisch geführte Kommunikation wurde vollständig transkribiert und ausgewertet, weitere etwa 75.000 Gespräche auf Deutsch nur bei offensichtlicher Bedeutung.

Obwohl man in Moskau wusste, was geschah, speisten die Sowjets in die abgehörten Leitungen keine Desinformation ein. Im Gegenteil: Der KGB hielt seine Kenntnisse gegenüber dem Nachrichtendienst der Roten Armee, dem GRU, strikt geheim; deshalb benutzten Sowjetgeneräle die vermeintlich sicheren Kabel ohne jede Einschränkung für ihre vertrauliche Kommunikation. Der Grund war einfach: Die CIA hätte wohl aufgrund anderer Quellen jede noch so aufwendig gestrickte Desinformationskampagne rasch aufgedeckt – und damit wäre unweigerlich Blake ins Visier geraten, die extrem wertvolle KGB-Quelle in London.

So erfuhren die Briten und Amerikaner aus ihrer „Operation Gold“ genannten Abhöraktion unzählige hochgeheime Informationen: über die bevorstehende Aufstellung der Nationalen Volksarmee der DDR 1955, über die Konkurrenz zwischen militärischen und Politoffizieren in der sowjetischen Armee oder über den XX. Parteitag der KPdSU einschließlich der bis dahin unvorstellbaren Kritik Nikita Chruschtschows an Josef Stalin – was als eigene Sondermeldung mit der Überschrift „Chruschtschow verunglimpft Stalin“ weitergegeben wurde. Das Material gewährte zudem Einblicke in die Aufstellung sowjetischer Nuklearwaffen in der DDR und die Vorbereitung der Bodentruppen des Ostblocks im Falle eines Angriffs auf den Westen und viele andere Themen. So wurde auch bekannt, dass die Sowjets ihrerseits von Potsdam aus ein Kabel abhörten, das die USA zur Kommunikation benutzten.

Der KGB wartete auf eine „günstige“ Gelegenheit

Allerdings sollten aus dem Leck natürlich nicht endlos Informationen an die Gegenseite im Kalten Krieg gespült werden. Also wartete der KGB auf eine „günstige“ Gelegenheit, um den Stollen vermeintlich „zufällig“ zu entdecken und das dann propagandistisch zu nutzen. Sie ergab sich am 16. April 1956: Nach heftigen Regenfällen in der Region Berlin liefen viele Schächte mit Telefon- und Telegrafenkabeln voll. Vom 17. bis zum 22. April waren zwei der drei angezapften Fernkabel zeitweise außer Betrieb; die Abhörspezialisten der CIA registrierten, dass sowjetische Nachrichtensoldaten und ostdeutsche Posttechniker versuchten, die Verbindungen wiederherzustellen.

Genau um 0.50 Uhr am 22. April bemerkte der Beobachtungsposten auf der Radarstation, dass auf der Schönefelder Chaussee im Abstand von je einem Meter gegraben wurde. Gegen zwei Uhr morgens stieß man auf die Anzapfkammer, in der sicherheitshalber ein Mikrofon installiert war. Um 2.10 Uhr waren russische Stimmen zu hören: Die Sowjets hatten den Tunnel entdeckt.

Ganz nebenbei entlarvt Mitautor Müller-Enbergs den im vereinigten Deutschland jahrelang hofierten Ex-Stasigeneral Markus Wolf posthum als Lügner. Dessen verschiedene, stets dramatische Geschichten über die angebliche Entdeckung des Tunnels sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurden. Leider fehlt weiterhin eine seriöse Biografie dieses begnadeten Selbstdarstellers und DDR-Verteidigers.

Kaum weniger spannend als Bau und Nutzung des Tunnels ist, was nach seiner Entdeckung daraus wurde. Etwa drei Monate dauerte die Propagandakampagne von Sowjets und SED, dann verloren beide das Interesse an dem Coup und zerstörten die Röhre auf ihrer Seite der Grenze; Blechteile der Abstützung wurden auf einem Truppenübungsplatz der NVA weiterverwendet, wo sie 2012 wieder auftauchten. Auf West-Berliner Seite verlangte das Bezirksamt Neukölln von mehreren Eigentümern des Grundstücks nacheinander, die Reste der Röhre auf eigene Kosten beseitigen zu lassen – weil keine Baugenehmigung vorgelegen hatte. Glücklicherweise geschah nichts, und so konnten nach dem Fall der Mauer unter dem ehemaligen Todesstreifen zwei Reste der Röhre geborgen werden.

Mit der Veröffentlichung der bislang unbekannten Dokumentation für DDR-Innenminister Maron und den kenntnisreichen Aufsätzen von Helmut Müller-Enbergs und Dietmar Arnold dürfte die Erforschung der „Operation Gold“ vollendet sein. Die CIA war übrigens mit der sowjetischen Propaganda gar nicht unzufrieden: Zwar ging die teure Aktion nicht mehr weiter, aber dafür konnte man dem Kongress in allen Details zeigen, wofür das viele Geld für den Geheimdienst ausgegeben wurde. So gesehen war der Spionagetunnel erfolgreich gescheitert.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.

Source: welt.de