Kolumne „Hanks Welt“: Mein Chatbot liebt Maß und Mitte

Die Demokratie sei in Deutschland gefährdet, so hören und lesen wir es täglich. Deshalb gibt es unzählige Initiativen, deren Ziel es ist, die Demokratie zu fördern. Allein das Großprojekt „Demokratie leben“ von Bundesbildungs-, Familien- und Seniorenministerin Karin Prien (CDU) verteilt im laufenden Jahr knapp 200 Millionen Euro an 3000 Initiativen.

Der warme Geldsegen hat eine riesige Demokratieförderindustrie entstehen lassen, die gerade laut aufjault, weil Frau Prien überprüfen lässt, ob das Geld auch seinen Zweck erfüllt – und nicht einfach nur Aktivisten und Stiftungen aller Art auf Dauer alimentiert.

Sollte es bei diesen Demokratieinitiativen zum Beispiel darum gehen, der AfD das Wasser abzugraben, hätte man sich das viele Geld sparen können. Denn seit Jahren ist keine Partei so erfolgreich im Maximieren von Wählerstimmen wie die Truppe um Weidel und Chrupalla. Ähnliches gilt für die Linke mit Heidi Reichinnek & Co. Die Ränder wachsen, sie sind sichtbarer, lauter und selbstbewusster geworden.

Wenn zwei einander recht geben

Ketzerisch lässt sich fragen: Ist die zunehmende Präsenz extremer Positionen wirklich ein Symptom der Gefährdung – oder nicht vielmehr ein Ausdruck funktionierender Freiheit? Demokratie hieße dann: Jeder darf sagen, was er denkt, auch und gerade dann, wenn es anderen missfällt. Die Förderprogramme verfolgen ein anderes Ideal. Sie setzen nicht auf maximale Pluralität, sondern auf eine Stärkung der Mitte – jener schwer zu definierenden Zone des Ausgleichs, die politisch stets beschworen, aber selten präzise beschrieben wird.

Gruppen neigen zu Extremen. Im Kollektiv verschieben sich die Maßstäbe. Wir urteilen extremer, als es jeder Einzelne ohne die Gruppe täte. Die Gruppe polarisiert und radikalisiert ihre Mitglieder. Woran das liegt? Menschen hungern nach Bestätigung. Wenn zwei einander recht geben, fühlen sich beide sicherer. Schließt sich ein Dritter an, wird es noch besser. So bildet sich eine Bestätigungskaskade, die wiederum bei allen zur Verfestigung ihrer Meinung führt. Jetzt hauen wir auf den Putz – die Älteren unter uns Männern kennen diesen Mechanismus vom Stammtisch.

Heute haben soziale Medien die Bühne ins Unendliche erweitert. Plattformen wie X oder Tiktok verstärken, was Aufmerksamkeit erzeugt. Am Ende kann es passieren, dass einige die soziale Gruppe verlassen, weil ihnen die Radikalisierung der anderen nicht geheuer ist. Die Gruppe wird dadurch zwar kleiner, aber noch radikaler, weil nur die Loyalsten bis zum Schluss bleiben, die sich untereinander bis ins Extrem anfeuern.

Soziale Medien tragen zur Verstärkung extremer Meinungen bei

Soziale Medien verstärken populäre und emotionale Sichtweisen. So entstehen „Rabbit Holes“, Kaninchenbunker, in die sich die Nutzer immer tiefer hineingraben. Je länger sie sich dort aufhalten, um so normaler finden sie die gemeinsam geteilten Ansichten. Wenn viele sich davon überzeugt zeigen, dass Impfen zu Autismus führt, sind bald alle davon überzeugt. Loyalität ersetzt das Argument. Wer andere Ansichten vertritt, gilt alsbald als Verräter und wird zum Feind erklärt.

Halten wir fest: Soziale Medien tragen zur Verstärkung extremer Meinungen bei. Alles ist möglich und auch das jeweilige Gegenteil. Priorisieren gilt als Bevormundung. Ob diese Form der Demokratisierung auch zur Radikalisierung einer Gesellschaft als Ganzer führt, ist damit noch nicht gesagt.

Doch es gibt Korrektive, die anti-extremistisch wirken, also den Mainstream verstärken. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, bekannt für seine Neigung zur Zuspitzung, gab kürzlich in einem „Spiegel“-Interview einen interessanten Hinweis. Er sei in jüngster Zeit milder geworden, bekannte der Ex-Grüne. Bevor er im Affekt einen radikalen Tweet raushaue, frage er bei seiner Künstlichen Intelligenz nach. „Und die ist ziemlich woke“, fügte Palmer hinzu; sie stupse ihn Richtung Maß und Mitte.

Wenn das Denken in Alternativen und Ambiguitäten verpönt ist

Das lässt sich statistisch belegen, wie ich einer Kolumne der „Financial Times“ vom vergangenen Wochenende entnehme. Vergleicht man die politischen und sozialen Ansichten, die in sozialen Medien vertreten werden, mit den Durchschnittsansichten der Menschen, zeigt sich, dass im Netz extrem linke und rechte Ansichten deutlich überrepräsentiert sind. Lässt man dieselben Ansichten auf den Plattformen von ChatGPT & Co. diskutieren, mäßigen sich die Ausschläge signifikant in Richtung der gesellschaftlichen Durchschnittsansichten.

Wie lässt sich das erklären? Künstliche Intelligenz wird von ihrer „Natur“ her auf Moderation und Ausgleich trainiert, orientiert sich am leicht linken, also woken Mainstream der Gesellschaft. KI ist „langweilig mittig“, X ist aufregend und extremisierend. KI simuliert Diskurse, kann Gegenargumente liefern, Perspektiven verbinden und Extrempositionen relativieren. Erst recht dann, wenn man KI in den Fragen (Prompts) dazu explizit auffordert.

Auf den sozialen Plattformen dagegen ist das Denken in Alternativen und Ambiguitäten verpönt, falls es überhaupt bekannt ist. Hier dominiert die Freund-Feind-Dichotomie. Soziale Medien verstärken die Extreme, KI glättet sie. KI würde bestreiten, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus gibt – und damit den Mainstream der wissenschaftlichen und evidenzbasierten Forschung spiegeln, Verschwörungstheorien hingegen tadeln.

Der britische Philosoph Dan Williams hat diesen Unterschied prägnant beschrieben. Soziale Netzwerke seien „demokratisierend“, weil sie vielen Stimmen Raum geben und nur geringe Filter kennen. Künstliche Intelligenz hingegen wirke „technokratisierend“: Sie orientiere sich am Wissen von Experten und etablierten Institutionen. Was die einen als Bevormundung empfinden, erscheint den anderen als notwendige Korrektur.

Glaubt man diesem Befund, müsste der Staat vor allem KI fördern, wenn er die Extreme schwächen wollte. So etwas würde in den Ministerien vermutlich nur zu Kopfschütteln führen, ist aber auch gar nicht nötig und wird besser vom Kapitalmarkt besorgt, der viele Milliarden Dollar in die KI-Entwicklung pumpt.

P.S. Selbstverständlich habe ich meine KI mit der schmeichelhaften These konfrontiert, KI wirke mäßigend auf die Gesellschaft und tauge als Gegengift gegen den Extremismus der sozialen Netzwerke. Der diese Annahme relativierende Widerspruch, den ChatGPT als Antwort anbot, bestätigt die These aufs Schönste: Auch KI sei kein neutrales Medium, sagt meine KI.

Wenn KI-Nutzer nach Bestätigung gieren, bekommen sie genau die Affirmation, die sie verlangen. Man muss schon bereit sein, sich irritieren und korrigieren zu lassen, und die richtigen Fragen stellen. Soziale Medien belohnen Gewissheit. KI kann produktive Unsicherheit auslösen.