Chemiedreieck: Mission Substanzerhalt

Von der Auslastung der Anlagen der SKW Stickstoffwerke Piesteritz können andere Chemiestandorte derzeit nur träumen. Die Düngemittelproduktion des ostdeutschen Herstellers läuft zum Start in die Vegetationsperiode auf vollen Touren. Zum Vergleich: Der Verband der Chemischen Industrie Nordost veranschlagt die Auslastung in der ostdeutschen Chemieindustrie aktuell auf magere 72 Prozent. Das ist ein Niveau, auf dem die meisten Anlagen nicht wirtschaftlich betrieben werden können.
Die beiden Ammoniakanlagen von SKW Piesteritz im Agrarchemiepark in Lutherstadt Wittenberg sind dagegen voll ausgelastet. Die Nachfrage nach Stickstoffdünger aus der Landwirtschaft ist hoch, auch weil die Blockade der Straße von Hormus und die geltenden Zölle auf Billigimporte aus Russland das Düngemittelangebot verknappen.
Bei einem Besuch von EU-Agrarkommissar Christophe Hansen und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) herrschte trotzdem keine Feierlaune. Denn die steigenden Kosten im Rahmen des Europäischen Emissionshandels setzen dem Standort zu. Soll es mit der energieintensiven Düngemittelproduktion in Wittenberg weitergehen, müssen kurzfristige Entlastungen her, forderte Geschäftsführer Carsten Franzke.
Dow schließt Anlagen, Domo ist gerettet
An anderen Standorten im mitteldeutschen Chemiedreieck droht ebenfalls die Substanz wegzubrechen. Der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical schließt bis 2027 zwei Anlagen in der Region. Am traditionsreichen Standort der ehemaligen Buna-Werke in Schkopau haben mindestens drei weitere Unternehmen angekündigt, Anlagen dichtzumachen. Im größten ostdeutschen Chemiepark in Leuna drohte zuletzt noch ein zentraler Baustein aus dem Stoffverbund zu brechen. In letzter Minute wurden die Anlagen der insolventen Domo Caproleuna gerettet.
Der Substanzerhalt an den ostdeutschen Chemiestandorten ist nicht nur politisch von großer Bedeutung. Nach der Wende sind milliardenschwere Subventionen in ihre Privatisierung geflossen. In Sachsen-Anhalt hängt fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung an der Chemie. Insgesamt sind in Ostdeutschland mehr als 60.000 Menschen in der Chemie- und Pharmaindustrie beschäftigt.
Damit die Transformation des Chemiestandorts gelingt, müssen aber auch Investitionen in die Zukunft wie die gut 1,5 Milliarden Euro schwere Bioraffinerie des finnischen Konzerns UPM in Leuna gestärkt werden. Wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen am Standort sind für den Erhalt der Substanz und Investitionen in die Zukunft gleichermaßen die Voraussetzung.