„Das wäre menschlicher qua ihn an seinem Gewicht ersticken zu lassen“
„Dort herrschte komplettes Chaos“: Tierärztin Jenna Wallace war kurzzeitig im Retterteam für den Buckelwal. Im Interview erklärt sie ihren Rückzug und erhebt schwere Vorwürfe gegen die neuen Akteure.
Jenna Wallace ist Tierärztin mit Spezialisierung auf Meeressäuger. Nach ihrem Studium an der Oklahoma State University arbeitete sie sowohl in der Kleintiermedizin als auch international mit Walen und Delfinen, etwa im Miami Seaquarium, wo sie mit Orcas und anderen Meeressäugern arbeitete. Dort war sie auch an der Versorgung gestrandeter Tiere beteiligt. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Behandlung schwer erkrankter Meeressäuger sowie auf Fragen der Wasserqualität und Haltungsbedingungen.
In Deutschland kennt man sie erst seit ein paar Tagen, seit sie kurzfristig als Expertin in das privat organisierte Walrettungsteam vor Poel hinzugezogen wurde. Wallace reiste an, um den Zustand des Wals medizinisch zu beurteilen und die Rettungsmaßnahmen fachlich zu begleiten. Die private Initiative hatte sie ins Team geholt, nachdem Wallace in einem Post geschrieben hatte, dass sie noch Überlebenschancen für den Wal sehe. Nach kurzer Zeit zog sie sich jedoch aus dem Einsatz zurück und äußerte deutliche Kritik am Vorgehen vor Ort, vor allem an Danny Hilse, der im Internet als „Danny Firstclass“ auftritt, und an Autor Sergio Bambaren, der als „Walflüsterer“ im Team ist.
Aktuell ist Wallace wieder auf Hawaii, wollte sich eigentlich bis zum Abschluss der Rettungsarbeiten nicht mehr äußern. Sie stehe aber, das betont sie, weiterhin aus der Ferne mit dem Team, Karin Walter-Mommert und „externen Beratern“ in Kontakt. Doch nachdem am Donnerstagmorgen bekannt wurde, dass Media-Markt-Gründer Walter Gunz neue Teammitglieder aus Island einfliegen lässt, äußert sie erneut Kritik, zunächst auf Facebook und Instagram und löschte ihre Postings kurz danach wieder. Es geht insbesondere um Charles Vinick von der Organisation „The Whale Sanctuary Project“. Vinick selbst war an der Auswilderung des Orcas Keiko beteiligt, der durch den Hollywood-Film „Free Willy“ bekannt wurde. Der Wal starb während der Rettungsaktion an einer Lungenentzündung.
WELT: Was kritisieren Sie an den neuen Mitgliedern der Rettungsgruppe?
Jenna Wallace: Charles Vinick hat weder die nötige Expertise noch die erforderlichen Qualifikationen. Das „Sanctuary“, also die Rettungsstation für Wale, existiert so gar nicht, aber es werden seit zehn Jahren Spenden dafür gesammelt. Ich engagiere mich seit Jahren in der Aufklärung über diese Organisation, habe an einem Report mitgearbeitet, der das belegt, und habe ihn auch dem französischen Außenministerium vorgelegt. Die Finanzierung des Projekts ist undurchsichtig, die Trainingsmethoden von Vinick gefährden die Tiere und die Trainer. Sein Fokus liegt ganz klar auf Fundraising, nicht auf Tierwohl.
Das hat sich auch beim Tod von Lolita gezeigt, einem Orca in Miami, mit dem ich gearbeitet habe und für dessen Tod ich persönlich Charles verantwortlich mache. Er hat mit Toki, Kiska, Keiko und mit zwei Orcas in Frankreich Geld gesammelt – Tiere, zu denen er nie Zugang haben wird. Timmy ist jetzt seine neue Einnahmequelle. Egal, ob Timmy am Ende frei im Atlantik schwimmt oder – Gott bewahre – ein anderes Schicksal erleidet: Vinick wird nach meiner Einschätzung seine Beteiligung an diesem Projekt nutzen, um weitere Spenden zu generieren.
WELT: Wissen Sie, wie die Verbindung zur privaten Walrettungsinitiative in Deutschland zustande kam?
Wallace: Nein. Aber ich weiß, dass Charles Vinick sich gerne ins Spiel bringt, wenn große Aufmerksamkeit auf einem Thema liegt – wenn er die Möglichkeit hat, sich an dieser Rettung zu beteiligen, wird es für ihn wieder leichter, Spenden zu sammeln. Paul Watson von Sea Shepherd hat mir gerade eben geschrieben, dass er mir die Rückreise nach Deutschland bezahlen würde, wenn ich jetzt sofort zurückfliege – so sehr wollen alle verhindern, dass Vinick jetzt die Verantwortung übernimmt.
WELT: Planen Sie, wieder zurückzukommen?
Wallace: Man versteht in Deutschland nicht, dass ich auf Hawaii als angestellte Tierärztin arbeite. Ich habe mir freigenommen, um nach Deutschland zu kommen. Doch dann ist tagelang nichts passiert – und als am Montag endlich eine Chance war, den Wal zu befreien, haben Sergio Bambaren und Danny Hilse es ruiniert. Da dachte ich: Ich muss gehen. Ich weiß, es gibt in Deutschland Leute, die wütend auf mich sind, aber würden die ihren Job riskieren? Ich bin als amerikanische Tierärztin hoch verschuldet durch meinen Studienkredit, ich muss eine halbe Million Dollar zurückzahlen, ich kann es mir nicht leisten, meinen Job zu verlieren. Deutschland denkt, ich hätte den Wal im Stich gelassen. Mir geht es um meine Zulassung und meinen Job und darum, verantwortlich gemacht zu werden für die Fehler von anderen oder den Tod eines Tieres oder gar eines Menschen.
WELT: Wie haben Sie die Zusammenarbeit des Teams in Deutschland sonst noch erlebt?
Wallace: Ich kam mit Sebastian Strand (norwegischer Meeresbiologe und Walexperte, der sich auf gestrandete Meeressäuger spezialisiert hat, Anm. d. Red) an, dessen Teilnahme an der Aktion ich mit den Geldgebern organisiert habe – er ist gerade auf dem Weg wieder zurück nach Deutschland. Wir haben gemerkt, dass dort komplettes Chaos herrschte. Sebastian merkte, dass „dieser Danny hier irgendwie das Sagen zu haben scheint“. Uns wurde gesagt, er sei der Anführer der Proteste gewesen, die sich dafür einsetzten, noch eine Rettung zu versuchen. Er hatte sich dann mit Sergio zusammengetan. Sergio hat Ideen von anderen als seine eigenen ausgegeben, und sich widersprochen. Es war wirklich schwer alles. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Rest des Teams arbeitet hart und ist großartig. Am schlimmsten war es, als sie direkt hinter Timmy waren, während der mit der Fluke schlug. Timmy war gereizt und gestresst und die beiden wirklich in Gefahr. Und das gefährdet doch wieder die Rettung – wenn jemand verletzt wird oder es so aussieht, als würde jemand verletzt werden, wird alles gestoppt. Das ist einfach dumm.
WELT: Kann der Wal Ihrer Einschätzung nach noch gerettet werden?
Wallace: Ja. Man hätte gar nicht so früh aufgeben dürfen. Ich sah ein Tier, das leben will, ich war mehrfach bei ihm, auf einem Board und einem Boot, und habe seine Atmung beobachtet. Doch ich bin nicht nach Deutschland geflogen, um zu warten, um nichts zu tun. Ich habe direkt gesagt: Er hat noch Kampfgeist. Ich habe versucht, Ratschläge zu geben. Aber mir wurde gesagt, das Ministerium erlaube keine Änderungen an dem Plan mit dem Netz. Sergio war wiederum dagegen, dass der Wal bei steigendem Wasser selbst schwimmt. Er meinte, er würde stranden und sterben. Dann wollte er eine Kamera einsetzen, die er „Endoskop“ nannte.
Ein echtes Endoskop kostet 50.000 Dollar, er hatte eine billige Spy-Cam. Ich habe davon abgeraten, weil er neben dem Kopf des Tieres im Schlamm eingesunken wäre – und wenn der Wal seinen Kopf bewegt und sich selbst oder Sergio verletzt, hätte das die gesamte Mission gefährdet. Aber er sagte: „Ist mir egal.“ Es geht inzwischen leider zu vielen um sich selbst, nicht mehr um die Rettung. Alle wollen etwas von diesem Wal. Es ist nicht anders als Gefangenschaft. Jeder fragt sich: Was kann ich daraus gewinnen? Das passiert auf allen Ebenen – außer bei ein paar wenigen vor Ort, die sich wirklich kümmern. Mein Herz ist bei diesem Team.
WELT: Haben Sie Geldgeber Walter Gunz Ihre Bedenken mitgeteilt?
Wallace: Gunz ist nicht informiert genug. Ich habe Karin Walter-Mommert meine Recherchen geschickt. Aber ganz ehrlich: Man muss die Probleme rund um das Whale Sanctuary Project nur googeln.
WELT: Hat denn der neue Plan, den Wal mit einer flutbaren Schute in den Atlantik zu ziehen, eine Chance auf Erfolg?
Wallace: An diesem Punkt? Es ist schon fast egal, tut etwas, holt dieses Tier da raus. Es war unerträglich, der Untätigkeit vier Tage lang zuzuschauen. Wenn man nichts tut, wird er auf jeden Fall sterben, also macht jetzt einfach irgendwas.
WELT: Kritiker der Rettungsaktion sagen, selbst wenn der Wal freikommt, wird er in der Nordsee ertrinken.
Wallace: Ja, das ist möglich. Es könnte passieren, dass er untergeht und nicht mehr atmen kann – und dann langsam an Sauerstoffmangel einschläft. Aber ein Teil von mir denkt, dass das menschlicher wäre, als ihn unter seinem eigenen Gewicht ersticken zu lassen und ein Multiorganversagen zu riskieren.
Source: welt.de