Hannover Messe: Industrie gen Selbstfindung

Die Hannover Messe war immer schon eine Art industrielles Kaleidoskop, aber sie war lange nicht mehr so facettenreich wie in der Ausgabe 2026. Es gab Jahre, da stand das Partnerland als große Attraktion im Fokus, dann wieder das Eigentliche, Ingenieurskunst und Technik also. So wie vor zehn Jahren bei der Geburt der Industrie 4.0 auf dem riesigen Gelände der Deutschen Messe.

Und dieses Jahr: Künstliche Intelligenz als großer Veränderer auch in der Industrie, Rüstung als neuer Hoffnungsträger, dazu eine Klientel, die so sehr unter Druck steht, dass Ungeduld und Frust mit Händen zu greifen sind. Der Mehltau, der auf dem Standort Deutschland mit seinen hohen Kosten, seinem fehlenden Tempo und bürokratischen Dickicht liegt, macht ihr zu schaffen. Alles in allem ein wahres Themen-Stakkato. Der Irankrieg und seine Folgen für Lieferketten und Energiepreise noch nicht mal mitgezählt.

Am Ende kommt die Physical AI

Mit geopolitischen Krisen können die Kernbranchen in Hannover, Maschinenbau und Elektroindustrie, seit jeher gut umgehen. Zyklischer Geschäftsverlauf ist ihr Standard. Dass sie nicht besonders energieintensiv sind, macht die Sache leichter, aber große Robustheit ist ihnen so oder so zu eigen. Eine ähnlich große Anpassungsfähigkeit wird hinzukommen müssen.

Nehmen wir KI und alles, was sie mit sich bringen dürfte: Fabriken etwa, die sich selbst steuern, außerdem humanoide Roboter – noch so ein Thema, das eine komplette Messe ganz allein dominieren könnte –, die nicht nur vorgegebene Aufgaben erledigen, sondern selbst entscheiden, was sie als Nächstes tun. Die vermeintliche Krönung der sogenannten Physical AI, der materialisierten Künstlichen Intelligenz.

Produktionsdaten als größter Schatz

Es hieß in Hannover von vielen Seiten, KI passe als neue Schlüsseltechnologie ideal zum größten Schatz der deutschen Industrie: den unzähligen Daten aus der Produktion in Tausenden Unternehmen, die seit der Digitalisierung von Maschinen, Komponenten und Einzelteilen hierzulande gesammelt wurden. Es sei kein Wunder, dass sich amerikanische Techkonzerne sehr für sie interessierten. Diese wüssten zu gut, dass solches Domänen-Wissen wirtschaftliche Macht bedeutet.  Es ist der Anfang von allem.

In der positiven Lesart bedeutet das, dass deutsche Unternehmen einem geradezu goldenen industriellen Zeitalter entgegensehen könnten, wenn sie es schafften, beides zu verbinden: KI und ihr komprimiertes Können in Produktion und Automation. Höhere Produktivität, effizientere Wertschöpfung, technologische Souveränität seien möglich, neue Geschäftsmodelle sowieso. Die werden allerdings schon seit der Vorstellung der Industrie 4.0 in Aussicht gestellt, ohne dass allzu viel daraus geworden wäre.

Die derart skizzierte neue Industriewelt wirkt für Branchen, die in letzter Zeit einiges an Produktionsvolumen, Umsatz, Marktanteilen und Arbeitsplätzen eingebüßt haben, fast zu schön, um wahr zu sein. Zumal es  einige Klippen zu umschiffen gilt. Zunächst müsste es die Bundesregierung schaffen, die Industrie aus dem sogenannten AI Act herauszuhalten, mit dem Brüssel Künstliche Intelligenz bändigen will; immerhin hat Kanzler Merz  den Verbänden und Unternehmen in Hannover Rückendeckung versprochen. Außerdem müssten Unternehmen bereit sein, ihre sensiblen Produktionsdaten für das große Ganze der industriellen KI zu teilen – was sie eigentlich reflexhaft zu vermeiden suchen.

China wird nicht klein beigeben

Gleichzeitig stellt sich die Frage, was China den deutschen Ambitionen entgegenzusetzen hat. Das Land hat zuletzt eigentlich alles geschafft, was es sich in der industriellen Produktion vorgenommen hat, weshalb immer mehr Protagonisten auf deutscher Seite zugeben, dass hier nicht nur preislich, sondern auch technologisch ein hartleibiger Rivale herangewachsen ist. Dass ausgerechnet dieser längst erwachte Industrieriese auf dem Feld der industriellen KI und der humanoiden Robotik klein beigibt, ist nicht zu erwarten. Eher das Gegenteil: Die deutsche Seite wird sich strecken müssen.

Geht es um die Rüstungsindustrie als womöglich neue große Kundenbranche, könnte der Gigant China hingegen schrumpfen – so die Erwartung vieler Unternehmen. Sie gehen von einem Ausschluss chinesischer Technologie aus und sehen sich deshalb in einem komfortableren Wettbewerb als bei herkömmlichen Industriegütern.  Die beträchtliche Protektion und Bevorzugung chinesischer Unternehmen durch den Staat liefe hier ins Leere.

Es ist unwahrscheinlich, dass alle Träume der deutschen Industrie – verbunden mit den Schlagwörtern Rüstungsaufträge, KI-Dominanz, humanoide Robotik – wahr werden. Das Gute an der großen Themendichte derzeit ist allerdings, dass schon Teilerfolge einen großen Schritt nach vorn bedeuten könnten. Die Autoindustrie mit ihren enormen Stückzahlen wird als Rückgrat für Maschinenbau und Co. keine andere Branche ersetzen können. Insofern ist industrieller Wandel unvermeidlich. In Hannover – wo auch die Messe als Schaufenster und politische Bühne schon unbeschwertere Zeiten erlebt hat – versicherten Vertreter der deutschen Industrie, dass diese  weiterhin unvergleichliches Potential habe, Dauerdruck und lange Durststrecke hin oder her. Es wird Zeit, dass sie die Gelegenheiten bekommt, das zu beweisen.