„Am Ende macht die Materie flach doch, welches sie will“
Während das Informationszeitalter an ein Leben ohne Materie glaubt, erinnert Judith Schalansky, Herausgeberin der berühmten „Naturkunden“-Reihe, daran, woraus die Welt wirklich gemacht ist: „Marmor, Quecksilber, Nebel“.
Zum Glück gibt es im Deutschen das Wort „Nature Writing“ nicht. Naturschriften hingegen schon: Wie die Romantiker unter Wipfeln und Gipfeln schwelgten, schreiben sich die Schwärmer heute fort aus ihren Städten und vom digitalen Dasein in die Wälder. Auch Kulturlandschaften werden wieder zu Natur. Alles da draußen ist das andere. „Das Schweigen der Natur ist ihre einzige Äußerung“, schreibt Annie Dillard aus Amerika als Nature-Writerin, wie sie im Buche steht.
Der Mensch müsse Bäume und Berge nur zum Sprechen bringen. Wenn Judith Schalansky aus Dillards „Teaching a Stone to Talk“ zitiert, versteht sie die Kalenderweisheit anders: Man sollte nicht über die Natur schreiben, sondern aus ihr heraus. Das tut Schalansky jetzt seit 15 Jahren. Ihr biologischer Bildungsroman „Der Hals der Giraffe“ führt bereits sein Eigenleben als Theaterstück. Sie gibt die Buchreihe „Naturkunden“ heraus, Monografien über Käfer, Esel oder Farne. Immer sind es auch Kulturkunden. „Marmor, Quecksilber, Nebel“ heißt ihr eigener neuer Sammelband aus drei Poetikvorlesungen an der Goethe-Universität in Frankfurt, der den Untertitel trägt: „Woraus die Welt gemacht ist“.
Alles ist gemacht aus 92 natürlichen Elementen und den Stoffen, die sie bilden. Am Thrakischen Meer entdeckt Judith Schalansky auf der Ladefläche eines Trucks einige Tonnen geologisch komprimiertes Kalziumkarbonat: „Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block.“ Mit toten Meeresorganismen, die zu Marmor wurden. So fängt die Geschichte an. Schalansky führt sie fort in ihren eigenen „Steinbruch“, die Berliner Staatsbibliothek mit ihren Marmorplatten an den Wänden und ihren fossilen Zeitzeugen. Täglich ringt sie hier mit dem „Weiß der Blätter“, um zu schreiben.
Es waren die Klassiker, Goethe und Schiller, die im Stoff an sich noch etwas Rohes sahen, das erst zum Kulturgut werden konnte, wenn der Künstler es in eine Form brachte. Für Nietzsche war ein Werk erst dann ein Werk, wenn Künstler triumphieren konnten: „Wir sind die Stofflichkeit los!“ Schalansky lässt das Stoffliche nie los. Sie will bloß nicht „im Stoff verloren“ gehen, wie sie schreibt. Im Marmor aber findet sie ihre Metapher für das eigene Schaffen. Da wird nichts geformt wie aus Lehm oder Ton, sondern aus der Natur gehauen. Zuspruch findet sie bei Michelangelo in einem Vers seiner Sonette: „Selbst der größte Künstler hat keine Idee/ die der Marmor selbst nicht schon enthält.“ Aus ihrem weißen Block holt sie Figuren wie Pygmalion und Schneewittchen.
Wie schon im „Hals der Giraffe“, ihrer Geschichte einer Biolehrerin an einem ostdeutschen Gymnasium mit Kapiteln wie „Vererbungsvorgänge“ und Abschnitten „Lamarckismus“, legt Schalansky auch in ihren Essays Spuren ihres eigenen Lebens frei. Wie sie als Tochter eines Lehrerehepaars (Chemie/Physik – Deutsch/Kunst) in ihrem Heimatort in Vorpommern als Nerd gehänselt wurde. Wie sie als Natur-Kultur-Kind zu einer Art Bastard aus Autorin und Herausgeberin wurde.
Ihr Bastard unter den Stoffen ist das Quecksilber. Die Quacksalber und Alchemisten, die das flüssige Metall in Gold verwandeln wollten, findet sie sogar in ihrem eigenen Familiennamen wieder. Eine Scharlatanerin namens Schalansky schreibt im Schattenreich zwischen Materie und Mythos. Zwischen Fakten und Fiktionen schreibt sie Bastard-Bücher, schon wegen der „Bibliodiversität“.
Was dabei aber eben nie herauskommt, ist bereits als „Brühwürfelliteratur“ berüchtigt, wer auch immer den Begriff erfunden hat für wolkige und trübe Texte, die ihre Stoffe vernebeln. Wovor schon Novalis in seinem „Brouillon“ warnte: „Jede Wissenschaft wird Poesie – nachdem sie Philosophie geworden ist.“ Im Nebel wird dann auch Schalansky zur Romantikerin. Sie wandert wie Heine und die Situationisten durch den Harz, besteigt den Brocken und erkennt dort in der Hexenküche, dass am Anfang nicht das Wort oder das Licht, sondern der Nebel war. Die Ursuppe des Lebens, das schon aus dem Nebel wird, wenn man ihn rückwärts liest.
Schalansky wäre allerdings auch nicht Schalansky, würde sie die Ursachen des Phänomens verschweigen. Wasser, Dunst, Ruß und Kondensation. Ein Kind der DDR und des Braunkohlen-Smogs ist sie wie ein Geschöpf der Aufklärung in ihrer ganzen Dialektik. Es waren die Aufklärer, die den Menschen von der Natur entfremdet haben. Was Schalansky auch im Nebel sieht, ist alles, was sich heute zwischen Menschen und Maschinen abspielt. Im wolkigen Medium zwischen natürlichen und künstlichen Intelligenzen. Allerdings entgeht ihr dabei nicht, dass Clouds und Streams auch nur aus Stoffen wie Silizium und Seltenen Erden sind.
Da lebt die Welt im Glauben an ein neues, reines und immaterielles Leben im Informationszeitalter und verbraucht dafür mehr Stoffe als jemals zuvor. Judith Schalansky: „Am Ende macht die Materie eben doch, was sie will.“ So ist sie, die Natur.
Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel – Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp, 176 Seiten, 24 Euro.
Source: welt.de