Die größte Reifeprüfung kommt erst noch
Der FC Bayern kann an diesem Wochenende bereits Meister sein. Der Traum vom dritten Triple der Klubgeschichte lebt. Trainer Vincent Kompany schwört seine Mannschaft auf besondere Weise auf die Wochen der Wahrheit ein. Ein Experte warnt besonders vor dem Gegner in der Champions League.
Das Objekt der Begierde ist jetzt größer. In vier Wochen, am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga, wird dem FC Bayern die neue Meisterschale nach der Heimpartie gegen den 1. FC Köln überreicht. Der Name des Klubs und das Jahr hätten auf der 1949 entworfenen Trophäe keinen Platz mehr gehabt, die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat eine Vergrößerung bei einer Bremer Silbermanufaktur in Auftrag gegeben. Der bisherige Außenring wurde durch einen breiteren Ring ersetzt.
Die neue Schale wiegt mehr als elf Kilogramm, ihr Versicherungswert liegt bei 50.000 Euro. Sie bietet Platz für die Meister der nächsten 30 Jahre. In diesen Tagen deutet vieles darauf hin, dass es sehr oft die Bayern sein werden. Dass sie in dieser Spielzeit Meister werden, kann die Konkurrenz nur noch theoretisch verhindern.
Die Frage ist nur noch, wann die Münchner Meister sind. Sollte Borussia Dortmund an diesem Samstag (15.30 Uhr, Sky) nicht bei der TSG 1899 Hoffenheim gewinnen, kann es nach dem Heimspiel der Bayern gegen den VfB Stuttgart am Sonntag (17.30 Uhr, DAZN) so weit sein. Sollte der BVB verlieren, würde dem Meister sogar ein Unentschieden zur erneuten Meisterschaft reichen. Es wäre der Abschluss einer besonderen Woche – und der erste Titelgewinn vor entscheidenden Spielen in anderen Wettbewerben.
Am vergangenen Mittwoch zogen die Bayern nach einem 4:3 in einem epischen Rückspiel gegen Real Madrid ins Halbfinale der Champions League ein. Nach dem Spiel trat Trainer Vincent Kompany vor die Mannschaft und sendete eine klare Botschaft an seine Spieler: ab jetzt ist alles möglich!
„Es gibt jetzt nur die allergrößte Aufgabe“
Am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF und Sky) können sie sich mit einem Sieg bei Bayer Leverkusen für das Endspiel im DFB-Pokal qualifizieren, das am 23. Mai im Berliner Olympiastadion steigt. Das hat der deutsche Fußball-Rekordmeister seit sechs Jahren nicht geschafft. Ende April und Anfang Mai folgen die Halbfinals in der Königsklasse gegen den Titelverteidiger Paris Saint-Germain. Der Traum der Bayern vom Triple lebt. Bislang gelang ihnen der Gewinn der drei wichtigen Titel in einer Saison zweimal, 2013 und 2020.
Paris gegen Bayern – für viele ist es das Aufeinandertreffen der besten beiden Mannschaften Europas. „Es gibt jetzt nur die allergrößte Aufgabe“, sagte Trainer Vincent Kompany, der im Hinspiel in Paris wegen seiner dritten Gelben Karte gesperrt ist. „Der Glaube, dass wir das schaffen können, ist da.“ So klingt das typische „Mia san Mia“.
Kompanys Vater Pierre trug am vergangenen Donnerstag sogar im belgischen Parlament einen Schal des FC Bayern – und sorgte damit international für Aufsehen. Der 78-Jährige ist als Mitglied der Partei „Les Engagés“ (Französisch für: die Engagierten) Bundesabgeordneter in der belgischen Abgeordnetenkammer – eines der wichtigsten politischen Organe des Landes.
Die Familie genießt die Erfolgsphase. Und nimmt Herausforderungen mit Humor. Er könne sich in der ersten Halbzeit vielleicht neben Luis Enrique setzen, sagte Vincent Kompany augenzwinkernd. Der Pariser Trainer verfolgt schließlich gern mal die erste Halbzeit seiner Mannschaft von der Tribüne aus, ehe er zum zweiten Durchgang am Spielfeldrand Platz nimmt.
Welcher seiner Assistenten ihn im Pariser Prinzenpark während des Spiels als Coach ersetzt, wird Kompany erst nach einer Teambesprechung klären. „Ich mache mir da aber keine Sorgen. Es bleiben die Spieler, die das Spiel entscheiden“, sagte Kompany. Sein Torwart Manuel Neuer betonte nach dem Sieg gegen Real: „PSG ist mit die beste Mannschaft der Welt.“ Und zählte einige der Stärken der Franzosen auf: aggressives Anlaufen, sehr gutes Konterspiel, viel Eins-gegen-eins auf dem gesamten Spielfeld. Das Duell mit PSG sei eines auf Augenhöhe, so Neuer. In der Vorrunde der Champions League gewannen die Bayern 2:1.
Im Rückspiel des Viertelfinales gegen Real hat die Münchner Mannschaft recht viele Fehler begangen, das sagten die Spieler selbst. In den kommenden Wochen könnte es ein Vorteil sein, dass die Meisterschaft entschieden ist und Kompany manchem Star in der Liga eine Pause geben kann. Paris ist nach Madrid die nächste Reifeprüfung für Kompany und die Bayern.
Michael Ballack hält Paris für stärker als Real
Michael Ballack spielte von 2002 bis 2006 für den FC Bayern. Der ehemalige Kapitän der Nationalelf und DAZN-Experte schätzt Paris noch stärker als Real ein, PSG sei noch stabiler. „Sie sind strukturierter und kompakter als Mannschaft. Sie strahlen eine andere Wucht aus und haben mit Dembélé und Doué Weltklasse-Individualisten.“
Die Münchner schieben die Favoritenrolle Luis Enriques Mannschaft zu. „Wir sind einer der Aspiranten“, sagte Jan-Christian Dreesen, Vorstandschef des FC Bayern, über die bajuwarische Titelgier in der Champions League. „Wenn einer Favorit ist, dann ist es Paris Saint-Germain.“
Es wäre eine sehr besondere Geschichte, wenn die Bayern auch noch die Franzosen aus dem Wettbewerb schießen würden, die 2025 ausgerechnet im Münchner Stadion den Champions-League-Titel gewannen. Vereinspräsident Herbert Hainer findet: „Wir müssen uns vor keinem fürchten.“
Finanziell lohnen sich die jüngsten Erfolge des Weltklubs enorm. Der Vorstoß ins Halbfinale honoriert der europäische Verband Uefa mit weiteren 15 Millionen Euro. Damit steigerten die Münchner ihre Einnahmen in der Champions League auf 83,445 Millionen Euro an Startgeldern und Erfolgsprämien. Beim Endspiel am 30. Mai in Budapest gibt es die Höchstprämie von 25 Millionen Euro für den Sieger, der Verlierer bekommt 18,5 Millionen Euro.
Die Gesamteinnahmen inklusive der sogenannten Wertprämie (rund 40 Millionen Euro) sowie der Eintrittskarten-Einnahmen aus nun sieben Heimspielen könnten am Ende 150 Millionen Euro übersteigen. „Es ist in jeder Hinsicht ein Erfolg. Und es macht mir in jeder Hinsicht Freude“, sagte Dreesen.
Mit dem Sieg gegen Madrid haben die Bayern zudem die Führung in der Zehnjahres Klubrangliste der Uefa übernommen. Sie lösten mit 280.500 Punkten Real (271.500) als bisherigen Führenden ab, dahinter folgen Manchester City, Paris St. Germain und der FC Barcelona. „Diese Platzierung ist kein historischer Zufall, sondern ein weiterer Beleg für die Stärke dieses Klubs“, so Dreesen.
Die Bayern haben sich in dieser Woche eingeschworen auf ein Saisonfinale, in dem die Zeichen für sie so gut stehen wie lange nicht. In den kommenden anderthalb Monaten können sie Klubgeschichte schreiben. Doch Kompany warnt immer wieder: Jedes Spiel braucht den absoluten Fokus, jeder Sieg ist harte Arbeit.
Vor dem FC Bayern liegen arbeitsreiche und besondere Wochen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft. Mittwochabend war er beim Rückspiel gegen Real Madrid im Münchner Stadion.
Source: welt.de