Villa-Matas‘ neuer Roman: Ein explosiver Mauerstein im Haus dieser Literatur

Wenn nur das Problem mit der Realität nicht wäre! Als Simon Schneider, der Ich-Erzähler in Enrique Vila-Matas’ Roman „Dieser sinnlose Nebel“, sich an einem Oktoberabend des Jahres 2017 in seine Arbeit als „Vorübersetzer“ literarischer Texte vertiefen will, bricht ungefragt die Wirklichkeit herein. Carles Puigdemont, Präsident der spanischen Region Katalonien, ruft mit seiner Unabhängigkeitserklärung eine Staatskrise in Madrid und wütende Proteste auf den Straßen Barcelonas hervor.

Zu allem Überfluss hat auch noch Simons Bruder Rainer seinen Besuch in der Heimat angekündigt. Als erfolgloser Verfasser von „Schundliteratur“ hat dieser sich seit seiner Emigration nach New York mit fünf allzu klischeehaften, aber immerhin „rasanten“ Romanen als Starautor etabliert. Manche halten ihn für einen Scharlatan, der sich durch seinen konsequenten Rückzug aus der Öffentlichkeit interessant zu machen versucht, und auch Simon hegt große Zweifel an den literarischen Fähigkeiten seines Bruders. Er ist überzeugt, dass Rainers Erfolg allein auf seiner eigenen, leider drastisch unterbezahlten Zuarbeit als „Lieferant von Zitaten“ basiert, und das seit mehr als 20 Jahren!

Ein Avantgardist und großer Stilist

Bemerkenswert ist, dass die Brüder sich siezen, Rainer eventuell identisch ist mit Thomas Pynchon und der Ich-Erzähler Simon außerdem versichert, „dem Irdischen etwas fern aber ganz und gar nicht tot“ zu sein. Wer sich jetzt fragt, um was in aller Welt es hier eigentlich geht, stochert bereits ganz nach Plan im „sinnlosen Nebel“, der Vila-Matas’ literarisches Paralleluniversum einhüllt.

Der 1948 in Barcelona geborene Autor gilt als preisgekrönter Avantgardist und großer Stilist der spanischen Gegenwartsliteratur. Manche halten ihn aber auch für einen, so ein deutscher Rezensent, „geschwätzigen Autor“, dessen Belesenheit und Zitat-Manie bloß als Dekor inhaltlich leerdrehender Romane fungiert. Schon im Titel des aktuellen Buchs – mehr als 30 sind bis dato erschienen – zitiert Vila-Matas Raymond Queneau, den Gründer der französischen Künstlergruppe Oubapo, der „Werkstatt für potentielle Literatur“, und verweist damit einmal mehr auf sein konzeptionelles Literaturverständnis.

Ein Roman über nichts?

Im weiteren Textverlauf spielen moderne und postmoderne literarische Selbstreflexionen eine zentrale Rolle, nämlich als erzählerische Jonglierbälle. Meta-Metafiktion, so ist das zu nennen, was dieser Autor mit seinen tragisch- komischen Figuren und ihren äußerst fragilen Existenzen anstellt. Er verdichtet Gustave Flauberts Vorstellung vom „Roman über nichts“, Étienne Souriaus Theorie der „virtuellen Wesen“ und ihrer „Potenzialität in einer erweiterten Realität“ sowie Georges Perecs Spiegelerzählungen zwischen Authentizität und Fälschung zu einem schwindelerregenden Vexierspiel. Die gute Nachricht ist: Was hier den Eindruck erwecken könnte, bildungsbeflissen und hochvergeistigt bis zur Unlesbarkeit zu sein, ist in Wahrheit immer leichtfüßig, zuweilen urkomisch und oft erfrischend instruktiv, auch wenn oder gerade weil man eine stringente Handlung mit der Lupe suchen muss.

Enrique Vila-Matas: „Dieser sinnlose Nebel“. Roman.
Enrique Vila-Matas: „Dieser sinnlose Nebel“. Roman.Wallstein

Als literarischer Hilfsarbeiter seines berühmten Bruders fristet Vila-Matas’ Ich-Erzähler Simon ein einsames Leben im abbruchreifen Landhaus der verstorbenen Eltern an einer Steilküste in Nordspanien. Hinweise aus dem nahe gelegenen Dorf, er solle das Haus schleunigst verlassen, bevor es samt Abbruchkante in die Tiefe stürzt, ignoriert der Eigenbrötler. Immerhin ist sein unerschöpfliches Zitate-Archiv nicht nur Grundlage des literarischen Stils seines Bruders. Auch Simon selbst braucht jede Menge Zitate, um „klarzukommen“ im Leben, oder, in Vila-Matas’ eigenen Worten, um „nicht ‚Ich‘ sagen zu müssen“.

Die Figuren lösen sich in Luft auf

„Dieser sinnlose Nebel“ ist zugleich eine ironische Spiegelung des Autors Vila-Matas, der im Netzwerk literarischer Verweise stets die Künstlichkeit seiner Figuren zur Schau stellt. Sein Ich-Erzähler schreibt sich selbst und das gesamte Personal dieses Romans immer aufs Neue in den Text hinein und wieder hinaus, etwa dann, wenn er feststellt, dass alle Figuren – Simons Bruder, dessen Frau Dorothy, die verstorbenen Eltern und seine verschwundene Geliebte Siboney – sich in Luft aufzulösen scheinen, sobald er sie mit literarischen Zitaten zu umschreiben versucht.

Als Simon den Bruder nach einer abenteuerlichen Autofahrt durch äußerst fragile Zeit- und Raumdimensionen schließlich in Barcelona trifft, verkündet dieser nach etlichen Whiskys, einen „nicht-fiktionalen Roman“ schreiben zu wollen, weil er sich mit „marktgefälligem Humbug im verseuchten Sumpf der Gegenwartsliteratur verirrt“ habe. Am meisten bewundert dieser larmoyante Großschriftsteller diejenigen, die „ihren Mauerstein im monströsen Gebäude der Literatur so platziert haben, als wäre es Dynamit, damit das geliebte Gebäude endlich in die Luft fliegt“.

Genau daran arbeitet Vila-Matas, indem er in seinem Buch falsche Fährten in den „unendlichen Raum“ legt und Figuren in doppelten Böden verschwinden lässt, raffinierter denn je. „So überragend sein Werk, so hochmütig war der Mensch. So hochmütig, dass man nie mehr von ihm gehört hat“: Mit diesem Zitat Paul Verlaines über Arthur Rimbaud, der sich als Waffengroßhändler nach Ostafrika absetzte, verabschiedet sich schließlich auch Vila-Matas’ Ich-Erzähler Simon in die schnöde Realität und mischt sich als Anonymus unter die Demonstranten auf den Straßen Barcelonas. Er schreibe seit mehr als 40 Jahren immer den gleichen Roman, wird über Vila-Matas behauptet. „Dieser sinnlose Nebel“ führt vor, wieso das ein Glücksfall ist.

Enrique Vila-Matas: „Dieser sinnlose Nebel“. Roman. Aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 237 S., geb., 25,– €.

Source: faz.net