Atomstreit mit Trump: Der Papst und eine „Handvoll Tyrannen“

Selbst mit dem mutmaßlichen Versuch, den jüngst eskalierten Streit zwischen dem Weißen Haus und dem Heiligen Stuhl abzukühlen, hat Präsident Donald Trump den Graben noch vertieft: mit einer Falschbehauptung. Vor der Abreise nach Las Vegas sagte der Präsident am Donnerstagnachmittag am Weißen Haus vor Journalisten, er habe persönlich „nichts gegen den Papst“. Als Präsident müsse er aber „das Richtige tun“. Dann fügte Trump hinzu: „Ich streite mich nicht mit ihm. Der Papst hat eine Aussage gemacht. Er sagt, Iran könne Atomwaffen besitzen. Ich sage, Iran darf keine Atomwaffen besitzen.“

Papst Leo XIV. hat niemals gesagt, Iran könne Nuklearwaffen besitzen. Vielmehr setzt sich der Vatikan seit je für die Abrüstung ein. Der Heilige Stuhl ist Signatarstaat des UN-Atomwaffenverbotsvertrags (AVV) von 2017, der umfassendsten internationalen Vereinbarung zum Bann von Nuklearwaffen. Der AVV verbietet nicht nur die Entwicklung und Produktion neuer Atomwaffen, sondern auch die Drohung mit dem Einsatz bestehender.

Atomare Waffen keine Grundlage für Frieden

Zuletzt hat Leos Vorgänger Franziskus die „Nukleardoktrin“ des Heiligen Stuhls bei einem internationalen Symposium zum Thema Abrüstung im November 2017 im Vatikan auf den Punkt gebracht: „Atomare Massenvernichtungswaffen vermitteln lediglich ein trügerisches Gefühl von Sicherheit und können nicht die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Glieder der Menschheitsfamilie sein, das stattdessen inspiriert sein muss von einer Ethik der Solidarität.“

Der Streit zwischen Washington und dem Vatikan über den Irankrieg ist zuletzt zu einem persönlichen Wortgefecht zwischen Präsident und Papst ausgeartet. Trump hat dem Papst Anfang dieser Woche eine „schreckliche“ Außen- und Sicherheitspolitik sowie eine „schwache“ Migrationspolitik vorgeworfen.

Papst Leo XIV. erwiderte schon auf dem Flug zur ersten Station seiner Afrikareise, er habe „keine Angst vor der Trump-Regierung“ und werde weiter die Friedensbotschaft des Evangeliums verkünden. Am Donnerstag schien Leo auf der zweiten Station der Reise nachzulegen. Bei einer auf Englisch gehaltenen Ansprache in Bamenda, der Hauptstadt der überwiegend anglophonen Nordwest-Region Kameruns, geißelte der Papst jene, die „die Religion und den Namen Gottes für ihren eigenen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Vorteil missbrauchen und das Heilige in Dunkelheit und Schmutz ziehen“.

Welt wird „von einer Handvoll Tyrannen verwüstet“

Und er beklagte, dass die Welt „von einer Handvoll Tyrannen verwüstet“ werde, während „eine Vielzahl helfender Brüder und Schwestern“ diese gerade noch zusammenhielten. Die Anklage des Papstes im westafrikanischen Hochland schien weniger gegen die dortigen Warlords gerichtet gewesen zu sein als gegen den globalen Kriegsherrn in 10.000 Kilometer Entfernung auf der anderen Seite des Nordatlantiks.

Derweil übernahmen es auf beiden Seiten informelle Stellvertreter, den zunehmend persönlich geführten Streit zwischen Präsident und Papst auf eine politisch-theologische Auseinandersetzung herunterzubrechen. Für das Weiße Haus sprach Vizepräsident J.D. Vance, der 2019 zum Katholizismus konvertierte und keiner theologischen Debatte aus dem Weg geht, auf einer Veranstaltung der konservativen katholischen Organisation „Turning Point USA“ im Bundesstaat Georgia.

Vance empfahl dem Papst, dieser solle ebenso „vorsichtig“ sein, wenn er über Fragen der Theologie spreche, wie es der Präsident sein müsse, wenn dieser sich zur öffentlichen Politik äußere: Beide müssten sicherstellen, dass ihre Aussagen „in der Wahrheit verankert“ seien. Vance nahm vor allem Anstoß an den eindringlichen Friedensappellen des Papstes zur Osterzeit.

Kann es einen gerechten Krieg geben?

„Wie kann man sagen, dass Gott niemals auf der Seite derjenigen steht, die das Schwert führen?“, fragte Vance und warf dem Papst damit eine verkürzte Lesart der Lehre vom gerechten Krieg vor, die auf den Kirchenvater Augustinus zurückgeht. Sei Gott denn nicht auf der Seite der amerikanischen Truppen gestanden, die im Zweiten Weltkrieg dazu beigetragen hätten, Frankreich und ganz Europa von der Naziherrschaft zu befreien und Menschen aus den Konzentrationslagern zu retten, fragte Vance.

Für den Vatikan antwortete der italienische Journalist Andrea Tornielli, der Ende 2018 noch von Papst Franziskus zum Mediendirektor des Dikasteriums für Kommunikation im Vatikan ernannt worden war. Theologisch mindestens auf Augenhöhe mit Vance erklärte Tornielli in einem Leitartikel für das vielsprachige Nachrichtenportal „Vatican News“, dass es aus Sicht des katholischen Lehramts angesichts der zerstörerischen Kraft moderner Waffen immer schwieriger geworden sei, überhaupt noch die Möglichkeit eines gerechten Krieges in den Blick zu nehmen.

Die Theologen der Vergangenheit, auch die Autoren der einschlägigen Passage des Katechismus der katholischen Kirche, wonach das Recht auf Notwehr und Verteidigungskrieg an strenge Bedingungen geknüpft sei, hätten von den jüngsten Entwicklungen der Militärtechnik noch nichts ahnen können. Weder von computergesteuerten Drohnen noch von integrierten KI-Waffensystemen.

Auch die Päpste der jüngeren Geschichte seien „nach und nach zu der Erkenntnis gelangt, dass die Möglichkeit eines ‚gerechten Krieges‘ immer unwahrscheinlicher“ werde. Der potentielle Schaden durch die immense, womöglich autonome Zerstörungskraft gegenwärtiger Waffensysteme mache jeden erhofften Nutzen eines noch so gerechten Krieges zunichte, so Tornielli.

Source: faz.net