Jasper nachher dem Feuer – warum sich die Reise jetzt lohnt
Warum führt ein Tourguide Gäste durch verkohlte Wälder? Weshalb reisen Urlauber in eine Kleinstadt, die 2024 von Waldbränden zerstört wurde? In den kanadischen Rocky Mountains zeigt sich, wie nah Zerstörung und neue Schönheit beieinanderliegen.
Jasper in der Provinz Alberta – das steht für spektakuläre Landschaften. Für den größten Nationalpark der kanadischen Rocky Mountains. Für Unesco-Weltnaturerbe. Für Wildnis, dramatische Bergpanoramen, Flüsse, Eisfelder und türkisfarbene Seen. Für eine reiche Tierwelt mit Elchen, Grizzlys, Rentieren und Pumas. Jasper steht auch für eine Ortschaft im gleichnamigen Nationalpark mit komfortablen Unterkünften, Restaurants und Touranbietern. Und für den ikonischen Icefields Parkway, eine der schönsten Panoramastraßen der Welt.
Aber Jasper steht auch für Waldbrände – die schlimmsten in der Region seit über 100 Jahren. Im Sommer 2024 zerstörte ein Brand über 32.000 Hektar Land im Nationalpark und ein Drittel der Gebäude in der Stadt. Erst im April 2025 wurde er endgültig als „gelöscht“ erklärt. Wer die legendäre Schönheit der kanadischen Rockies erleben möchte, fragt sich wahrscheinlich, ob es sich lohnt, in dieser Saison nach Jasper zu reisen. Die Antwort lautet: unbedingt!
Ein Großteil des Parks und viele seiner Highlights blieben unberührt. Vor allem aber fasziniert der Wandel der Natur, die sich nach den Bränden neu ausrichtet. Es gibt sogar geführte „Feuer-Touren“ durch betroffene Gebiete.
Beeindruckend ist auch, wie schnell sich das Städtchen Jasper von der Katastrophe erholt hat. Der 5000-Seelen-Ort im Nationalpark lebt vom Tourismus und hat eine gute Infrastruktur zu bieten. Durch die Straßen schlendern Urlauber, bepackt mit Einkaufstüten aus den zahlreichen Souvenirshops, als wäre nie etwas passiert. Erst auf den zweiten Blick fallen Baustellen ins Auge und Containersiedlungen am Ortsrand.
Peak und Picknick
„Jaspers Wiederaufbau ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem alle Regierungsebenen und Partner aus der Tourismusbranche beteiligt sind“, sagt Tyler Riopel von Tourism Jasper. Der Ort sei eine hilfsbereite Gemeinschaft, die in schwieriger Zeit zusammengehalten habe. Besucher können wieder aus einem breiten Angebot an Aktivitäten wählen, darunter Wildtier-, Rafting-, Kanu- oder Gletscherwandertouren.
Seit dem Feuer ist auch eine „Wildfire Peak-Nic Tour“ buchbar. Die Wanderung zum Gipfel (Peak) des Felsens Old Fort Point enthält ein Picknick-Lunch mit spektakulären Ausblicken auf teils schwer verbrannte Landschaft. Während der Vier-Kilometer-Runde erzählt Guide Nicolas Gosselin, den alle nur beim Vornamen nennen, Interessantes zu Wildfeuern und wie diese die Natur auf faszinierende Weise verwandelt haben.
Zwei Blitzeinschläge und auffrischender Wind entfachten am Abend des 22. Juli 2024 ein „One-in-a-Million-Fire“, wie es Nicolas Gosselin heute nennt: „Wir wussten, dass es irgendwann brennen wird. Doch mit diesem Ausmaß hatte keiner gerechnet.“ Anstatt sieben Tage, wie es der Plan vorsah, blieben für die Evakuierung nur 36 Stunden. „35.000 Urlauber und Einwohner mussten aus der Stadt gebracht werden.“ Es gelang. Mit Ausnahme eines Feuerwehrmanns, der bei Löscharbeiten starb, gab es keine Toten zu beklagen.
Zurück blieb eine Landschaft, die stellenweise schwer gezeichnet ist. „Vor dem Feuer sind wir hier durch dichten Wald gewandert. Der Boden war bedeckt von Nadeln, den erreichte kein Sonnenstrahl mehr“, erzählt Nicolas zu Beginn der Tour. Heute führt der Weg vorbei an verkohlten Stämmen. Statt des Duftes der Nadelbäume steigt einem hier noch der Geruch von verbranntem Holz in die Nase.
Der Wald muss brennen
Allerdings: So schön er vor dem Brand auch aussah – es sei kein gesunder Wald gewesen. „Diese Art Wald muss regelmäßig abbrennen, damit sie sich wieder regenerieren kann“, erklärt Nicolas. Die First Nations haben ihr Lagerfeuer immer brennen lassen, wenn sie weitergezogen sind. „Wenn das Feuer auf die Bäume übergriff, wussten sie: Wenn sie in einem Jahr wiederkommen, finden sie ertragreiche Jagdgründe vor, da junge Pflanzen gutes Futter für das Wild sind.“
Doch mit dem Einzug der Europäer verschwanden diese Praktiken weitgehend. „Die Siedler dachten sich: ‚Feuer ist für uns gefährlich, also auch für den Wald‘ – ein Irrtum.“ Das Ergebnis: viel zu dichte Wälder, die anderen Pflanzen keine Chance geben. „Ein gesunder Lebenszyklus sieht in dieser Region eigentlich alle fünf bis 25 Jahre Feuer vor, die Unterholz verbrennen, während größere Bäume überleben“, sagt Nicolas.
Dennoch: Der Brand in Jasper 2024 war nicht die Art von Feuer, die zu einem gesunden Lebenszyklus beiträgt, im Gegenteil. Die unglaublich heißen Flammen zerstörten sogar die sonst sehr feuerfesten Douglasien, indem sie das Wasser im Inneren der Bäume so stark erhitzten, dass der Baum von innen heraus abstarb.
Auch an den Lodgepole-Kiefern zeigt sich die Zerstörung: Die verkohlte Rinde ist gesprenkelt und sieht nun aus wie das Fell eines Leoparden. Eigentlich schön anzusehen, doch die Flecken stammen von kochendem Harz, das aus den Bäumen herausgeplatzt ist. Für die Zapfen der Kiefer war das Ereignis jedoch gut: Die öffnen sich nämlich erst bei extremer Hitze und geben dann die Samen frei – der erste Schritt in Richtung Regeneration.
Die Nationalparkverwaltung hat sich dazu entschieden, so wenig wie möglich in diesen Prozess einzugreifen. Zwar werden Bäume gefällt, die auf Wanderwege zu stürzen drohen, weshalb einige Trails noch gesperrt sind. Neupflanzungen sind nur in Ausnahmefällen vorgesehen, beispielsweise bei der Weißrindenkiefer, einer bedrohten Art.
Der natürliche Wandel läuft bereits und ist faszinierend anzusehen. Der Waldboden gleicht einer bunten Blumenwiese. Die Samen der Gräser und Blumen, die jetzt massenweise sprießen, müssen jahrzehntelang auf ihren großen Moment gewartet haben.
Die kleinen Pflanzen legen ordentlich los: Die Virginia-Erdbeere verzichtet vorerst auf Früchte, stattdessen ranken sich lange Stiele über den Waldboden, an denen neue Pflanzen wurzeln. Schon bald wird sie wieder ihre süßen Früchte tragen, was die Wapitis und Bären besonders freuen wird. Die Hirsche knabbern momentan die Spitzen der jungen Espen ab, was die Pflanze aber nicht vom Weiterwachsen abhält.
Neue Perspektiven nach dem Feuer
Auch für Besucher birgt die Landschaft nach dem Feuer andere Perspektiven. Wo vorher nur Bäume zu sehen waren, sind nun neue Gipfelblicke entstanden. Tiere nutzen freigewordene Flächen zur Nahrungssuche – und können, mit etwas Glück, dabei beobachtet werden.
Und obwohl es an vielen Stellen scheint, als sei die Natur nahezu komplett verbrannt, sind doch 97 Prozent des Jasper-Nationalparks unversehrt geblieben. Immerhin umfasst er knapp 11.000 Quadratkilometer.
Viele berühmte Attraktionen sind nahezu unverändert. So wie der türkisblaue Maligne Lake, der mit seiner Insel Spirit Island einen fast magischen Anblick bietet. Oder der Athabasca-Gletscher und die gleichnamigen Wasserfälle, die sich bei einer kombinierten Wander-Rafting-Tour erleben lassen. Unvergesslich ist ein Roadtrip durch die Rockies auf dem Highway 93, bekannt als Icefields Parkway, bis zum Nationalpark Banff.
Tatsächlich hat Jasper seit dem Waldbrand bereits wieder mehr als zwei Millionen Touristen begrüßt, sagt Tyler Riopel von Jasper Travel. „Vom Frühjahr bis in den September 2025 erreichte die Belegungsrate wieder bis zu 98 Prozent.“ Für 2026 erhofft sich der Ort ähnlich hohe Besucherzahlen. Praktischerweise informiert die Nationalparkverwaltung Parks Canada Gäste fortlaufend, welche zuvor gesperrten Wege und Areale wieder hergerichtet und geöffnet sind.
Touristen können dabei auf umfassende Sicherheitskonzepte zählen. So wurden die Strategien zur Brandprävention seit 2024 überarbeitet, wie Parks Canada bekannt gab. Ein umfangreiches Brandmanagement-Programm sieht vor, das Risiko von Waldbränden und deren Auswirkungen zu verringern, etwa mit zusätzlichen Sicherheitsschneisen und dem Entfernen von Unterholz.
Auch geplante Feuer, überwacht und gesichert, gehören dazu. Denn Waldbrände sind natürliche Ereignisse im Westen Kanadas und werden nie völlig verhindert werden können.
Auf der Wanderung mit Nicolas erfährt man, warum das so ist. „Am Anfang fragen sich meine Gäste oft, was sie in einem abgebrannten Wald zu suchen haben. Doch irgendwann macht es Klick. Sie verstehen den Weg der Natur und die Faszination, wie sie sich nach einem verheerenden Ereignis wieder aufrichtet“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Er wird Jasper treu bleiben. „Der Ort ist einfach zu schön. Man müsste mich hier wegtragen.“
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Air Canada und Lufthansa fliegen beispielsweise nach Calgary und weiter nach Edmonton. Beide Städte sind gute Ausgangspunkte für einen Roadtrip durch die kanadischen Rocky Mountains.
Wo wohnt man gut? Im Jasper-Nationalpark gibt es zahlreiche Campingplätze, etwa „Whistlers Campground“, ab umgerechnet 16 Euro pro Person (parks.canada.ca/pn-np/ab/jasper). Im Zentrum des Ortes liegt das charmante „Astoria Hotel“, Doppelzimmer ab 92 Euro (astoriahotel.com). Für alle Unterkünfte gilt: Rechtzeitig reservieren, viele sind lange im Voraus ausgebucht.
Aktivitäten: Die „Wildfire Peak-Nic Tour“ dauert etwa drei Stunden, ab umgerechnet 93 Euro (jasperfoodtours.com/wildfire-peak-nic). Die „Wildlife of Jasper and the Ecology of Fire Tour“ widmet sich ebenfalls dem Thema Waldbrände, ab 50 Euro pro Person (sundogtours.com/package/wonders-of-jasper-and-the-ecology-of-fire). Rafting-, Gletscher- und weitere Touren unter jasper.travel/experiences. Wer Jasper auf eigene Faust erkunden möchte, kann den „Jasper Discovery Trail“ wählen, der einmal um die Stadt und durch die vom Feuer verschonten Wälder führt. Aktuelle Informationen, welche Wege und Gebiete wieder geöffnet sind, inklusive interaktiver Karte: parks.canada.ca/pn-np/ab/jasper/visit
Weitere Infos: travelalberta.com; jasper.travel/discover-jasper
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Travel Alberta. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Source: welt.de