Litti macht Theater: Die Welt ist was auch immer, welches welcher Ball ist
Als Pierre Littbarski am 16. April 1960 in Berlin geboren wird, steht Lothar Emmerich, genannt Emma, kurz vor seinem ersten Einsatz für die Herrenmannschaft des Dortmunder Vereins SV Dorstfeld. Es ist ein Auswärtsspiel auf der Kampfbahn Schwansbell, wie das Stadion des SV Lünen noch heute heißt. Dorstfeld gewinnt 4:0. Emma schießt alle vier Tore und wird umgehend von der Dortmunder Borussia unter Vertrag genommen.
Sechs Jahre später bekommt der kleine Litti zu seinem sechsten Geburtstag, es war ein Samstag, wie er noch heute weiß, ein Geschenk, das sein Leben für immer verändern wird: einen Lederfußball. Bis dahin hatten ihn die älteren Jungs auf dem Bolzplatz nicht mitspielen lassen. Zu klein, zu zart, zu schmächtig – „geh erst mal ne Butterstulle essen!“. Nun sieht die Sache anders aus. Denn auf Berliner Bolzplätzen gilt ein ungeschriebenes Gesetz: „Wer einen Lederball hatte, durfte mitspielen“. Von nun an ist der Ball der unangefochtene Mittelpunkt in Littis Leben, sein Freund, sein Gegenüber, sein „Anker“. Es ist ein Leben, das sich vollständig einem Imperativ unterordnet, den kein Fußballspieler jemals bündiger formuliert hätte als Lothar Emmerich: „Gib mich die Kirsche!“
Fußballspieler vom Typus Pierre Littbarskis wollen den Ball haben, um ihn nie wieder abzugeben. Sie leiden darunter, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Um diese in ihren Augen erhebliche strukturelle Schwäche des Fußballs auszugleichen, wurde das Dribbling erfunden. Es soll das Naturgesetz des Teamsports, dass die anderen auch mitspielen dürfen, vergessen machen und das kunstvolle Schauspiel des Pas de deux mit dem Ball an dessen Stelle setzen.

Jetzt, am Abend seines sechsundsechzigsten Geburtstags, steht Pierre Littbarski auf der Bühne des Bürgerhauses Stollwerck in Köln und setzt zu einem sehr langen Dribbling an. Angekündigt sind zwei Mal 45 Minuten plus Halbzeitpause, aber am Ende wird die Vorstellung fast drei Stunden gedauert haben. Drei Stunden am Stück gedribbelt, das hat vor Litti noch keiner geschafft. Zunächst muss er aber das Geburtstagsständchen des sangesfreudigen Kölner Publikums über sich ergehen lassen, später kommt der ehemalige Nationaltorwart Toni Schumacher aus den Kulissen geschlendert, eine „Schoko-Lakritz-Torte“ mit einer einsamen Wunderkerze in der Hand. Im Hintergrund stehen neun Schaufensterpuppen in einer Reihe. Sie tragen Trikots, mit denen sie an die Stationen von Littis Kariere erinnern. Außerdem gibt es noch zwei Stellwände, hinter denen der Darsteller mehrfach das Kostüm wechseln wird, eine Kiste mit Kleinkram wie einem Zauberwürfel und einem Tennisball sowie zwei Stühle, die als Tore dienen werden. Mehr Requisiten sind nicht nötig an diesem Abend. Er trägt den Titel „Litti macht Theater“.
Bei drei Weltmeisterschaften hintereinander stand Littbarski im Finale. Achtzehn Tore hat er für die Nationalmannschaft erzielt, 116 für den 1. FC Köln. In Frankreich, Iran, Australien und Japan hat er als Spieler und Trainer gearbeitet. Warum zieht es den Weltmeister von 1990 an seinem Geburtstag auf die kleine Bühne eines Kölner Kulturzentrums? Etwa dreihundert Zuschauer sind gekommen, eine Karte hat sechzig Euro gekostet. Keine Stehplätze. Heimspielatmosphäre, zum Glück ohne bengalisches Feuer. Was ist das hier? Promi-Spektakel? Lebensbeichte vor zahlendem Publikum? Kleinkunst? Stand-up-Comedy?

Pierre Littbarski will sein Leben erzählen. Er will erklären, warum er Weltmeister geworden ist, die anderen Jungs vom Bolzplatz aber nicht. Er zeigt Kinderfotos von sich und Sololäufe von Lionel Messi. Er spricht über Talent, Konsequenz, die Fähigkeit zur Kommunikation und den obsessiven Willen zum Sieg, der wichtiger sei als alles andere. Als er zwei war, haben ihn die Eltern zu Oma und Opa gegeben – „weil sie keine Verwendung für mich hatten“. Mit sieben spielt er in seinem ersten Verein. Als er zwölf ist, nimmt ihn seine Mutter wieder zu sich, sie ist nun Alkoholikerin. Der Großvater stirbt, und Litti widmet ihm jedes Tor, das er schießt. Am liebsten spielt er nun allein mit einem Torwart gegen fünf andere. Dann muss er den Ball nicht abgeben und gewinnt trotzdem.
Litti will sein Publikum unterhalten. Er setzt sich eine Perücke auf, stöckelt im kurzen Krankenschwestern-Kittelchen über die Bühne, lässt sich im Kimono von zwei Zuschauerinnen buchstäblich über die Bühne schleifen, um zu demonstrieren, wie bemitleidenswert er aussah, als ihm bei einer Segnungszeremonie für ihn und seine Mannschaft in einem japanischen Tempel vom langen Hocken auf dem Tempelboden beide Beine eingeschlafen waren. Seine damalige Frau und ihre Mutter hievten ihn quer durch den Tempel, was seinem Image als unverwüstlicher deutscher Kampfmaschine eher abträglich war.

Litti verfügt über Selbstironie und die für Alleinunterhalter kostbare Fähigkeit, den „ganzen Blödsinn hier“ bereits in dem Moment zu genießen, in dem er ihn verzapft. Er liebt das Publikum, denn es liebt ihn. Anekdoten erzählt er so, wie er Fußball gespielt hat: ohne Rücksicht auf Verluste, mit vollem Einsatz bis zur letzten Sekunde. Denn es zählt nur der Erfolg. Alles andere spielt keine Rolle. Der unbedingte Siegeswille und die hochgezüchtete Unfähigkeit, Niederlagen zu akzeptieren, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend. Fußball ist verrückt, er ist maßlos, er ist brutal, scheint Littbarski sagen zu wollen, aber anders geht es nicht.
Toni Schuhmacher dankt er auf der Bühne, erinnert daran, wie sie sich im Trainingslagern das Zimmer geteilt haben, und erklärt, dass er ohne Schumachers Freundschaft und Unterstützung „nichts“ gewesen wäre. Der älteren seiner beiden Töchter, die in der ersten Reihe im Publikum sitzt, sagt er, dass ihm ihre Geburt ebenso wie die ihrer jüngeren Schwester nichts bedeutet habe. Er hatte keine Zeit dafür, das nächste Spiel war wichtiger. Und wenn er jetzt sagte, das es ihm leid tue, hätte sie auch nichts davon. Denn sie wisse ja genau, dass er alles wieder genauso machen würde. Littis Tochter nickt.
Litti ist eine Frohnatur mit Abgründen. So sieht er sich selbst, und so will er gesehen werden: Dr. Jekyll und Mr Hyde. Die Gier zu gewinnen, die Unfähigkeit, Niederlagen zu akzeptieren, die Rücksichtslosigkeit sich selbst und allen anderen gegenüber – das hat etwas Monströses. Noch heute verwandle er sich, wenn er beim Kartenspiel gegen seine Frau verliere, für zehn Minuten in einen Mini-Hulk. Alte Aufnahmen, die Oliver Kahn in Aktion zeigen, also in völlig enthemmter Aktion gegen Freund, Feind, Ball, betrachtet er mit freudiger Zustimmung. Er tadelt Eitelkeit und Weichheit heutiger Spieler, schmäht „Schlotterbecks Kinder-Grätsche“, findet dann aber doch, dass Jürgen Kohler damals zu weit ging, als er die Nationalspielerin Doris Fitschen beim Freizeitspiel auf einem Trainerlehrgang mit einer seiner „Mannheimer Blutgrätschen“ ins Krankenhaus brachte.
Litti will zeigen, welchen Preis zu zahlen hat, wer ganz oben im Fußball mitmischen will. Deshalb ist von Schmerzen, Fouls und Operationen die Rede, von Invalidentum und der täglichen Einnahme von Schmerzmitteln. Er zeigt Fotos von jubelnden Spielern und funkelnden Pokalen, an die sich Spielerlippen heften. Er zeigt aber auch Fotos von frischen Operationsnähten oder vollgesogenen Blutegeln, die an seinem geschwollenen Fußgelenk kleben. Es ist ein Abend der Anekdoten, ein Abend der Selbstheroisierung wie der Selbstentblößung, auf kölsche Art in den Panzer des Frohsinns gehüllt. Schon nach wenigen Minuten hatte Litti einen Fußball ins Publikum gekickt, er brauche ihn nicht mehr, es gebe nun anderes, was ihn glücklich mache. Erst jetzt, mit 66 Jahren, hat Litti dem Berliner Bolzplatz endgültig den Rücken gekehrt.
Source: faz.net