Wie ein Deutscher König von Korsika wurde – und dann um sein Leben rannte
Zwischen Luxus, Intrigen und Schulden führte Theodor von Neuhoff ein umtriebiges Abenteurerleben, bis er im April 1736 zum König von Korsika gewählt wurde. Bald machte ihm der Krieg gegen Genua das Leben schwer – und eine alte Tradition der Insel.
In dem Band „Asterix auf Korsika“ von Goscinny und Uderzo gibt es eine markante Szene. Bei einer Hausdurchsuchung spricht ein Legionär die Schwester eines korsischen Häuptlings an. Dieser echauffiert sich darüber. Als der Römer daraufhin entschuldigend erklärt, „Eure Schwester ist für mich uninteressant“, kommt die wütende Antwort: „Was, sie gefällt dir nicht, meine Schwester?“ Darauf der Legionär: „Aber doch, sie gefällt mir natürlich!“ Und der Häuptling: „Aha, meine Schwester gefällt dir also?!! Haltet mich, oder ich bring‘ den Kerl um.“ Die Ehre der Familie, lernt man, kann auf Korsika nur mit Blut reingewaschen werden.
Dass an diesem alten Klischee mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt(e), musste im 18. Jahrhundert selbst der einzige König erfahren, der die Krone von Korsika getragen hat. Nicht von ungefähr war er kein Korse, sondern ein Ausländer, genauer: Er kam aus dem Heiligen Römischen Reich, aus Westfalen: Theodor Stephan von Neuhoff (1694–1756). Am 15. April 1736 wurde er von den Korsen als Theodor I. zum König von Korsika gewählt.
Während die Neuhoffs in der westfälischen Grafschaft Mark (die zu Preußen gehörte) begütert waren, war Theodors Vater als Offizier in französische Dienste getreten und hatte mit der Tochter eines Armeelieferanten eine zwar wohlhabende, aber nicht standesgemäße Frau geheiratet. Dieser individuelle Hintergrund erklärt vielleicht, warum Theodor von Neuhoff zeit seines Lebens ein Abenteurer geblieben ist, den es nie lange an einem Ort hielt. Oder, wie es der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss in einer biografischen Skizze ausgedrückt hat: „Neuhoff gehört zu jenen merkwürdigen Figuren des 18. Jahrhunderts, deren Wesen und Treiben das bequeme Geschichtsurteil erschüttert, dass in diesem Säkulum die ,Vernunft‘ erfunden und zur Herrschaft gebracht worden sei.“
Bei den Jesuiten in Münster erhielt Theodor von Neuhoff eine standesgemäße Ausbildung, die ihn in den Stand setzte, dem Angebot Liselottes von der Pfalz zu folgen, ihr Page zu werden. Die pfälzische Prinzessin war mit dem Bruder Ludwigs XIV. verheiratet und Mutter des Herzogs von Orleans, der für den noch unmündigen Ludwig XV. die Regentschaft führte. An diesem leichtlebigen Hof lernte der Junge mit dem „hübschen Gesicht und aufgewecktem Geist“ (Liselotte) das Leben des Hochadels zwischen Luxus, Intrigen, Erotik und Verschwendung kennen, zumal seine Mutter dort als Mätresse eines Aristokraten einen guten Stand hatte.
Mit diesem Bildungsfundus startete Theodor von Neuhoff seine Karriere als Abenteurer. In der Armee des mit Frankreich verbundenen Kurfürsten von Bayern erhielt er eine Stelle als Rittmeister. Schulden brachten ihn in den Kerker und um die Gunst Liselottes, sodass er sein Glück in Schweden versuchte. Dort arbeitete er als Agent für die Regierung Karls XII., die im Großen Nordischen Krieg mit einem Aufstand der Jakobiten England erschüttern wollte. Er wurde enttarnt, kam jedoch frei und ging nach Spanien.
Auch am Hof Philipps V. arbeitete Neuhoff als Agent. Aber die Verschwörung, mit der die Regentschaft des Herzogs von Orleans in Frankreich gestürzt werden sollte, flog auf, sodass er nach London und Wien weiterzog. Dabei soll er den Schmuck seiner Frau durchgebracht haben, die er in Spanien zurückgelassen hatte. „Ganze Strecken seines Lebens liegen im Halbdunkeln, das sich zwischen europäischen Aktionen und ewiger Flucht vor Gläubigern abspielte, dass er Spuren verwischte, unter Decknamen verschwand und dann unvermutet wieder mit sicherer Geste an der Rampe des Welttheaters auftrat“, urteilte Theodor Heuss. Die Rampe war 1732 Florenz, wo er den Posten eines Gesandten Kaiser Karls VI. innehatte. Von dort geriet Korsika in sein Blickfeld.
Die viertgrößte Insel des Mittelmeeres gehörte seit Ende des 13. Jahrhunderts der Republik Genua, die sich nur insoweit um ihren Besitz kümmerte, als sie ihn so weit wie möglich auspresste. Alle lukrativen Posten waren von Italienern besetzt, weder in Schulen noch in Straßen wurde investiert, statt Recht zu sprechen, machten die Statthalter mit Begnadigungsscheinen lukrative Geschäfte, sodass die in zahlreiche Clans zersplitterte Bevölkerung die Sache selbst in die Hand nahm. Individuelle Blutrache und Vendetta waren an der Tagesordnung.
1729 brach auf Korsika ein Aufstand aus, der die genuesische Herrschaft erschütterte. Die Republik erbat von Karl VI. Unterstützung, dessen Expeditionskorps 1732 eine brüchige Ruhe herstellte. Kaum waren die Kaiserlichen abgezogen, verschwanden die führenden Clan-Chefs wider die Abmachungen jedoch in den Kerkern Genuas. Neuhoff sah seine Chance und bot seine Hilfe an. Tatsächlich gelang es ihm, über seine Kontakte in Wien für die Freilassung der Gefangenen zu sorgen. Die Korsen vergaßen darüber ihre üblichen Rivalitäten, trugen dem fremden Diplomaten den Thron von Korsika an.
Der war erfahren genug, dass diese Dankesbekundung kaum als Legitimation ausreichte. Umtriebig suchte er nach Unterstützung für sein Projekt. Diese fand er im Bey von Tunis. Am 12. März 1736 erreichte Neuhoff mit einem Schiff unter englischer Flagge Korsika. Seine Fantasieuniform bestand aus einem roten, mit Pelz besetzten Gewand, einem breitrandigen, nach oben gebogenen Hut, Säbel und Krückstock. Mehr noch begeisterten seine neuen Untertanen die zehn Kanonen, 4000 Gewehre, 3000 Schuhe, Truhen mit zwei Millionen Golddukaten sowie 7000 Kornsäcke, deren Inhalt umgehend verteilt wurde.
Am 15. April 1736 wurde Neuhoff im Kloster von Alésani eine Krone aus Lorbeer aufs Haupt gesetzt. Er leistete den Eid auf eine Verfassung, die ihn zum erblichen Monarchen machte, ihn aber zur Mitarbeit mit einem Kronrat aus 24 gewählten Korsen verpflichtete. Umgehend machte er sich daran, sein Reich nach europäischem Vorbild zu modernisieren. Münzen wurden geprägt, Gewerbe wie Gerbereien und Salzwerke entstanden, Werber wurden ausgesandt, die Fachleute ins Land holen sollten. Vor allem aber wurde aus den ungeordneten Milizen eine Armee von 8000 Mann organisiert – schließlich hielten in den Küstenstädten genuesische Garnisonen noch ihre Stellung.
Im Kampf mit ihnen bewies Theodor I. persönlichen Mut, was allerdings nicht ausreichte, um die Enttäuschung zu überdecken, die das Ausbleiben materieller Hilfslieferungen aus dem Ausland hervorrief. Die aber waren ein Grund für die Korsen gewesen, ihm den Thron anzutragen. Hinzu kamen die Rivalitäten der Klan-Chefs, die Befehle ignorierten und ihr eigenes Süppchen kochten.
Als Neuhoff ein Exempel statuierte, indem er einen Anführer, der eine eroberte Bastion den Genuesen überlassen hatte, erschießen ließ, verließ ihn endgültig das Glück. Die brutale Tradition der Blutrache drohte, daneben auch die genuesische Propaganda, die ihn als hergelaufenen Scharlatan diskreditierte und ein Kopfgeld auf ihn aussetzte. Nachdem auch noch sein fähigster und loyalster General einem Attentat zum Opfer gefallen war, verließ Neuhoff am 11. November 1736 sein Königreich, um in Europa Unterstützung zu mobilisieren.
Die blieb aus. Das Kopfgeld aus Genua und alte Gläubiger machten ihn stattdessen zu einem Flüchtling. Mordanschläge und Verhaftungen wechselten sich ab. Versuche einer Rückkehr nach Korsika scheiterten 1738 und 1743. Später musste Neuhoff mehrere Jahre in London in Schuldhaft verbringen, aus der ihn einige Freunde schließlich kurz vor seinem Tod 1756 auslösten. Romane (darunter „Candide“ von Voltaire) und Bühnenstücke hielten seinen Namen noch einige Zeit lebendig.
Korsika geriet nun endgültig in den Fokus der französischen Politik. Um die Insel nicht in britische Hände fallen zu lassen, landeten wiederholt französische Truppen. Am 15. Mai 1768 überließ Genua die Insel für zwei Millionen Francs dem Königreich Frankreich. Ein Jahr später wurde in der Hafenstadt Ajaccio ein gewisser Napoleon Bonaparte geboren.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de