Vickys Rap-Debüt: Die Chefin ist sie trotzdem
Freitagabends vor dem Club. Nach einer langen Woche fehlt die Energie, also sucht man nach aufputschender Musik: nicht zu tiefgründig, dafür gut gelaunt und ansteckend, dass man beim Vorglühen mitnicken und die eingängigen Refrains selbst angeduselt mitsummen kann. Besonders Jugendliche in ihren Zwanzigern dürften dann zum Debüt der Deutschrapperin Vicky greifen, die mit „Swaglord“ genau das Richtige liefert.
Denn gerade bei der Generation Z sind die Zweitausendzehner wieder hoch im Trend. „White Girl Music“ ist das Stichwort und meint damit energiegeladene Mainstream-Popmusik, die in Charli XCX oder Kesha ihre Galionsfiguren hatte. Diese Musik läuft mittlerweile wieder in den deutschen Clubs, oder eben eine gesampelte Version von ihr, wie es Vicky auf ihrer Platte versucht: Der Song „good girls“ übernimmt den Titel von Rihannas 2007 erschienenem Album „Good Girl Gone Bad“, der titelgebende Song wiederholt das geflüsterte „Swag“ von Justin Biebers „Boyfriend“, und „Vodka Eis“ kopiert den mechanischen Klang eines Stotterns wie schon bei den Atzen in „Disco Pogo“. Mit ein bisschen Abstand zur Musik könnte mancher Vickys deutsche Partylieder mit Charli XCX verwechseln, so gefiltert und verzerrt von Audiotune klingt die Stimme.
Das zeugt von wenig Kreativität, die Dreiundzwanzigjährige bedient sich eben des Nostalgie-Rezepts. Vicky erinnert vor allem in ihrer selbstbewusst-rebellischen, kompromisslosen Art an Charli XCX, eine Göre aus dem Bilderbuch, in der Jugendsprache ein „Brat Girl“ (ein Hype, den Charli XCX auslöste), dessen „Mir-egal“ Attitüde sich in dem frechen, mitunter nervigen Sprechgesang konsequent spiegelt. An einigen Stellen ist dieser Effekt wohl beabsichtigt, wenn Vicky in „Schüsse“ von ihrem Unverständnis für Männer rappt, die kein Nein akzeptieren, egal wie deutlich die Signale sind. Dann klingen die Beats wie scharfe Schüsse, ihre Zeilen wie wütendes Geschrei – unangenehm schrill, aber angemessen.
Gangstarap- und Internetkulturreferenzen: Vicky als „Swaglord“
In „Katz & Maus“ imitiert Vicky flüsternd Männer, die Frauen um den Finger wickeln wollen und überträgt das Versteckspiel aus der Zeichentrickserie „Tom und Jerry“ auf die Geschlechter. Dazu wippt der House-Beat in einem lässigen Takt (auch ein bisschen Old-School wie „Vogue“ von Madonna), die Texte wiederum gestehen den Frauen die aktive Rolle zu: sie zahlt die Rechnung, er schenkt ihr Blumen. Sie zieht ihn aus, er zieht sie an.
In diesem Gefüge herrschen nicht nur gleiche Regeln („ich geh‘ dir fremd, aber du machst es auch“), sondern Männer sind abhängiger, als sie es zugeben wollen: „Du tust, als ob du mich nicht brauchst, doch dann kommst du mit mir nach Haus.“ So schnell wie das Interesse an dem Partner wieder abflacht, sind auch die neun kurzen Songs, die bestens geeignet für den Algorithmus der sozialen Medien sind und schon Vicky zu ihrem TikTok-Erfolg verhalfen. Bezüge zur deutschen Internetkultur werden nur von der Generation verstanden, die sich auf solchen Plattformen aufhält.
Wie bei einem Partygirl üblich, spielt in jedem Lied Alkohol eine Rolle. Anspielungen auf andere Rapper wie Haftbefehl sind auszumachen. Aber die Wienerin macht es besser als die harten Jungs, weil sie auch von ihren Selbstzweifeln und Unsicherheiten rappt und trotzdem die Chefrolle einnimmt. Einem Swaglord wie Vicky schenkt man deswegen lieber sein Gehör.
Source: faz.net