Steffen Martus: Was Literatur von welcher Gesellschaft weiß
Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir uns die Welt erzählen und was wir von der erzählten Welt erwarten.“ Das ist keine frei zwischen Kommunikationstheorie und Storytelling-Seminar flottierende Floskel, sondern der gewichtige Schlusssatz und zugleich die Grundlage von Steffen Martus’ umfangreicher „Literaturgeschichte der Gegenwart“. Literatur ist für Martus nämlich autonom, aber nicht autark. Sie nimmt die Welt um sich herum nicht nur auf, sondern wirkt auf diese zurück: „Literarischer Wandel ist Gesellschaftswandel.“ Und deshalb ist es fruchtbar, durch die Brille der Gegenwartsliteratur auf die Realität zu blicken. Wenn das dann noch mit immenser Belesenheit geschieht, kommt dabei eine Tiefenanalyse des Weltbezugs jüngerer deutscher Literatur heraus, wie es sie so gut strukturiert noch nicht gab.
Der Berliner Literaturwissenschaftler lässt seine Untersuchung im November 1989 beginnen, mit gutem Grund, denn auf den Kollaps der bipolaren Weltordnung folgte eine schwindelerregende Beschleunigung des sozialen und kulturellen Wandels. Die Schwerpunktverlagerung vom heroischen auf ein mäandernd postheroisches Erzählen, in dem sich der Einzelne nicht mehr als geschichtsmächtig, sondern als Teil von Strukturen begreift (und darauf mit Humor oder Empörung reagiert), ist für Martus nur eine der Auswirkungen. Die neue Marktgängigkeit ist eine andere. Exklusivität galt nicht mehr als Qualitätsausweis; die Autoren der alten Bundesrepublik wirkten plötzlich alt.
In mehr als 50 Kapiteln von der Wendezeit zur Corona-Krise
So lässt sich diese Studie auch als Gegenstück zu jenem philologischen Klassiker lesen, der den Beginn der um 1989 endenden bürgerlichen Literaturepoche greifbar machte, zu Erich Auerbachs „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ (1946). Die Kernthese lautete: Im Laufe des Christentums sei die antike Stiltrennung perforiert worden, sodass im Realismus des 19. Jahrhunderts schließlich niedere Stoffe im hohen Stil behandelt werden konnten („ernste Nachahmung des Alltäglichen“). So wie Auerbach dies durch Close Reading exemplarischer Passagen zu belegen suchte, zeigt auch Martus an den Texten selbst, wie in ihnen das Verhältnis von poetischem Eigensinn und Kontext-Bezugnahme immer wieder neu austariert wird.
Er geht dabei jedoch systematisch literatursoziologisch zu. In mehr als fünfzig Kapiteln untersucht der Autor, wie gesellschaftliche Umbrüche – Wendezeit, Marktradikalismus, Einbruch des Terrors am 11. September 2001, Finanzkrise, Digitalisierung, Rechtspopulismus, postmigrantische Selbstbehauptung, Corona-Krise – in der Literatur ästhetisch verarbeitet und verwandelt werden. Das geschieht so detailliert, dass das Buch ein halbes Literatur-Grundstudium ersetzen kann.
Die markanteste Entwicklung: Der Auf- und Abstieg der Popliteratur
Martus’ Panorama beginnt mit dem vielleicht letzten Aufbäumen der alten Garde. Am 4. November 1989 sprachen auf dem Alexanderplatz Schriftsteller als Repräsentanten des Volks, darunter Christa Wolf und Heiner Müller. Noch erkannte man ihnen „eine herausragende, für das Gemeinwesen insgesamt relevante Position“ zu, schreibt Martus. Aber ihre Vorschläge verhallten. „Sie verfügten, so zeigte sich, über keine privilegierte Auffassung der Wirklichkeit.“ Nicht nur das: Das Feuilleton habe sich sofort mit Verve an die „Austreibung der Nachkriegsliteratur“ gemacht; zuerst traf es Christa Wolf, dann die moralische Instanz Günter Grass mit „Ein weites Feld“ (1995). Dass ein wenngleich hintergründiger Schelmenroman wie „Helden wie wir“ (1995) des quasi unbekannten Thomas Brussig die Wendeverarbeitungen durch die Großschriftsteller überstrahlte, schien auf das Kommende vorauszudeuten.
Die markanteste Entwicklung im literarischen Feld des betrachteten Zeitraums stellten nämlich die nicht drei letzten großen Literaturstreits rund um Bothos Strauß’ konservative Zivilisationskritik, Peter Handkes Serbien-Parteinahme oder Martin Walsers Rede über Auschwitz als „Moralkeule“ dar, die Martus verlässlich rekapituliert, ohne sie überzubewerten, sondern der Auf- und Wiederabstieg der sogenannten Popliteratur. Ihr sind denn auch zahlreiche Kapitel gewidmet, in denen die „Hierarchienivellierung“ und offensive Marktorientierung mit der „Konsumkultur“ und „den neoliberalen Aufbruchsphantasien“ zusammengebracht werden. Besonders klar festzumachen ist das für Martus am frühen Christian Kracht, dessen genreprägender Roman „Faserland“ ebenfalls im „literaturhistorischen ‚Wendejahr 1995‘“ erschien.

Popliteratur war mehr Crossover als eigenes Genre, so ist zu lernen. Dass zwischen Erlebnisvorbehalt, Marketing und nur vermeintlich klassenübergreifender Lifestyle-Ästhetik die Aufmerksamkeit für reale Ungleichheit verloren ging, bemängelt Martus zwischen den Zeilen recht deutlich. Die in den neuen „Stilgemeinschaften“ gepflegte Aggression gegen Nichteingemeindete hält er gar der Botho Strauß’schen Abscheu vor „Repräsentanten der Bevölkerungsmehrheit“ für ebenbürtig. Die Relektüren laufen allerdings auf Binnendifferenzierungen hinaus. So weist Martus darauf hin, dass zwischen der Literatur eines Benjamin von Stuckrad-Barre („Trivialitätsverdacht“) und jener der Suhrkamp-„Diskursverwalter“ Rainald Goetz oder Thomas Meinecke dieselbe Spannung herrschte wie zwischen der Pop- und der Höhenkamm-Literatur im Großen. Spätestens mit Goetz’ Roman über den spekulativen Kapitalismus, „Johann Holtrop“ (2012), sieht Martus die Popliteratur an ihr Ende gekommen.
Die neue Sensitivität führt zum Zerredungsroman
Dass die Gesellschaft unter dem Eindruck der „Multikrise“ in den Zehnerjahren nach rechts rückte, hat ihr Pendant (oder auch ihren Vorläufer) in der Literatur. Damit ist nicht Christian Kracht gemeint, den der Autor noch einmal gegen Georg Diez’ Vorwurf von 2012 in Schutz nimmt. Im Windmühlenkampf von Uwe Tellkamp gegen Mainstream und Medien, dessen Spuren retrospektiv im ganzen literarischen Werk zu finden seien, sieht Martus dafür vieles von dem vorgeprägt, was heute die politische Stimmungslage ausmacht. Für Monika Maron gilt Ähnliches.
Die neue Sensitivität um 2020 führte mitunter zu Zerredungsromanen wie „Allegro Pastell“. Martus scheint die Elogen auf Leif Randt im Feuilleton für übertrieben zu halten, sieht aber in dem Buch einen wenigstens impliziten Kommentar auf die Ressentiment-Stimmung am Ende der Zehnerjahre. Die Repolitisierung der Gegenwartsliteratur setzte sich auch auf der Linken fort: Klassismus wurde zum neuen Schlagwort. Postmigrantische Aufbrüche etwa bei Fatma Aydemir hätten die deutsche Gegenwartsliteratur dann noch einmal für neue Erfahrungsbereiche geöffnet.
Verwundert zeigt sich der Autor, dass seine Literaturgeschichte mit Christa Wolf beginne und mit Mona Kasten (beinahe) ende. „Im Rückblick erscheint die Entwicklung freilich schlüssig, weil im New-Adult-Bereich die meisten Entwicklungslinien der vergangenen drei Jahrzehnte zusammenlaufen.“ Damit sind inhaltliche Zugeständnisse an Massentauglichkeit und Unterhaltung ebenso gemeint wie neue, digitale Vermarktungs- und Interaktionsformen, die Umarmung des Warencharakters des Buches und eine Eventisierung des Literaturbetriebs. Als Verfallsgeschichte begreift Martus dies verwunderlicherweise nicht.
Dabei hätte man durchaus anmerken können, dass der Realismus sich seit 1989 totgesiegt hat. Bei so viel Alltäglichkeit wünschte man sich mitunter wieder hohe Gegenstände (in welchem Stil auch immer). Der Ansatz, die so unterschiedlichen Strömungen der Gegenwartsliteratur noch einmal zusammenzubringen durch eine Rezeptionsperspektive, die in ihnen Kapitel einer großen Erzählung der Gesellschaft über sich selbst erkennt, ist aber in jedem Fall höchst anregend.
Steffen Martus: „Erzählte Welt“. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025. 702 S., geb., 38,– €.
Source: faz.net