WETTSPIELE: Sollen Glücksspielanbieter ohne deutsche Erlaubnis Verluste zurückzahlen?
Vor mehreren Gerichten streiten Tausende Spieler derzeit mit Tipico und anderen Wett- und Glücksspielanbietern um Hunderte Millionen Euro. Im Kern steht die Frage: Darf ein Anbieter ohne deutsche Erlaubnis auf dem deutschen Markt tätig sein – und muss er, wenn nicht, den Spielern dann Verluste erstatten?
Die Unternehmen sitzen häufig in Malta und berufen sich auf die Freiheit, Dienstleistungen in der gesamten EU anzubieten, sofern diese in einem EU-Staat zugelassen sind. Ein deutscher Spieler hatte vor einem maltesischen Gericht gegen die Online-Casinos „European Lotto and Betting“ und „Deutsche Lotto- und Sportwetten“ geklagt. Das Gericht gab die Vorlage an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) weiter. Dieser hat am Donnerstag zugunsten des Spielers entschieden. Nun ist insbesondere die Spielerseite überzeugt, dass dieses Urteil Auswirkungen auf weitere anstehende Urteile haben wird – denn auch der Bundesgerichtshof (BGH) hat sich im Jahr 2024 mit Fragen an Luxemburg gewandt.
Verbraucher dürfen verlorene Wetteinsätze von Online-Glücksspielanbietern zurückverlangen
Der Entscheidung vom Donnerstag nach darf ein Nutzer verlorene Wetteinsätze von Online-Glücksspielanbietern zurückverlangen, wenn diese in seinem Wohnsitzstaat verboten waren. Online-Glücksspiele und Sportwetten waren in Deutschland von 2013 bis 2020 illegal. Das änderte sich je nach Art des Glücksspiels mit dem Glücksspielstaatsvertrag, der seit 2021 gilt. Der Spieler klagt seine Verluste aus dem Zeitraum ein, in dem Glücksspiel in Deutschland verboten war. Der EuGH entschied nun, dass ein EU-Mitgliedstaat solche Dienstleistungen verbieten darf, selbst wenn diese in einem anderen Mitgliedstaat erlaubt sind.
Juristen unterscheiden zwischen Sportwetten und Online-Casinos. Sportwettkonzerne sind häufig in mehrere Gesellschaften gegliedert, um verschiedene Arten des Glücksspiels anzubieten. Tipico betreibt beispielsweise mit dem Ableger Tipico Games Ltd. ein Casino im Netz, während die Tipico Co. Ltd. Sportwetten anbietet.
Malta reguliert seit gut 20 Jahren Glücksspiel und vergibt seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 Lizenzen an Online-Casinos. Andere Staaten zogen später nach – mit, wie in Deutschland, strengeren Regulierungen. Seit der Einführung des Glücksspielstaatsvertrags klagen deutsche Spieler ihre Verluste ein. Die deutschen Zivilgerichte berichten von einer hohen Auslastung.
„Unmissverständliche Botschaft aus Luxemburg“
Die Spieler werden häufig, wie auch in diesem Fall, von Gesellschaften vertreten, die Verfahren mehrerer Spieler vor deutschen Oberlandesgerichten, dem BGH und dem EuGH vertreten. Sascha Münch ist einer der Anwälte, die solche Verfahren in großer Zahl für Spieler führen. Das jüngste Urteil nennt er im Gespräch mit der F.A.Z. „eine klare und unmissverständliche Botschaft aus Luxemburg“. Und sieht sich in seiner Argumentation gestärkt. „Das Europarecht steht der Rückforderung von Verlusten aus illegalem Online-Glücksspiel nicht entgegen“, sagt Münch, der geschäftsführender Partner der Kanzlei Rightmart ist.
Die EuGH-Entscheidung in diesem Glücksspielfall strahlt auf den größten deutschen Sportwettenstreit aus: Tipico Co. Ltd. gegen Tausende Spieler. Ähnlich wie das maltesische Gericht hat der Bundesgerichtshof dieses Verfahren an den EuGH gegeben. Tipico bot vor dem Jahr 2020 Sportwetten auf dem deutschen Markt an – ohne eine Lizenz dafür zu besitzen. Einen genauen Überblick über die Höhe der Verluste gibt es nicht. Das liegt zum einen daran, dass viele Gesellschaften mehrere Spieler vertreten. Und zum anderen, dass nicht alle Verbraucher klagen. „Schätzungen der bereits anhängigen Rückforderungsansprüche gegen Tipico belaufen sich auf 150 bis 500 Millionen Euro“, sagt Anwalt Münch.

Der Generalanwalt in Luxemburg stärkte Mitte März 2026 die Spielerseite in seinem Schlussantrag im Verfahren gegen Tipico Co. Ltd. In diesem Fall klagt ein Spieler um verlorene Wetteinsätze in Höhe von 4000 Euro. Nach den Schlussanträgen gilt es unter Juristen als wahrscheinlich, dass das Urteil zulasten Tipicos ausfallen könnte. Würde der EuGH im Urteilsspruch dem Generalanwalt folgen, dann könnten die Betreiber zur Rückerstattung von verlorenen Wetteinsätzen verpflichtet werden.
Tipico stützt sich auf Ausnahme
Jedoch ließ der Generalanwalt eine Ausnahme für Sportwettenanbieter wie Tipico, Bwin oder Betano zu. Auf diese stützt sich Tipico im laufenden Verfahren: Mit Zusicherung der Behörden und Gerichte hätte Tipico in dem Zeitraum tätig sein dürfen. „Die Anbieter hatten keine Erlaubnis wegen des langen Kampfes mit den Behörden um eine Konzession, aber sie hatten die gerichtliche Bestätigung, dass sie so lange keine brauchten“, sagt Anwalt Ronald Reichert von der Kanzlei Redeker, die Tipico vor dem EuGH vertritt.
Die Klägerseite sieht das anders. Münch entgegnet: „Tipico hat sich nicht nach den Vorschriften des Glücksspielstaatsvertrags verhalten. Ein Vertrauenstatbestand kann so nicht zugunsten Tipicos entstehen.“ Eine Verkündung des Urteils in Luxemburg ist bisher nicht terminiert.
Kommende Woche werden die Schlussanträge in einem anderen Verfahren verlesen. Dann geht es um die Frage, wo die Spieler klagen müssen: in Malta – was bedeuten würde, einen Anwalt mit maltesischer Zulassung zu engagieren, wodurch wohl weniger Spieler klagen würden – oder in anderen EU-Staaten wie Deutschland.
In den meisten Verfahren folgt der EuGH den Schlussanträgen der Generalanwälte. Tipico gibt sich als Marktführer bei Sportwetten in Deutschland zuversichtlich: „Im Glücksspielrecht fallen die Urteile häufiger anders aus als die Schlussanträge“, sagt Tipico-Anwalt Reichert.
Mehr als jede zweite Sportwette schließen Nutzer nach Unternehmensangaben über Tipico ab. Münch sagt, dass „nicht alle Spieler ihre Ansprüche durchsetzen werden“. Angesichts der Millionen, die im Raum stehen, dürfte das die größte Wette von Tipico selbst sein.