95 Prozent reichen nicht aus: Warum die Ukraine trotz beachtlicher Abwehrquote schwergewichtig getroffen wird

95 Prozent reichen nicht ausWarum die Ukraine trotz beachtlicher Abwehrquote schwer getroffen wird

16.04.2026, 19:15 Uhr 20240327-DSC-8255Von Lukas Wessling und Martin Morcinek (Grafiken)

Auf den ersten Blick wirkt die ukrainische Luftverteidigung nahezu unüberwindbar: Hunderte russische Drohnen, Dutzende Marschflugkörper und Raketen prasseln innerhalb eines Tages auf das Land ein, nur gut ein Zwanzigstel kommt durch. Oberst Reisner erklärt, warum gerade dieses Zwanzigstel so verheerend ist.

In den vergangenen 24 Stunden hat Russland die Ukraine mit einer der schwersten Angriffswellen dieses Jahres überzogen. 19 ballistische Raketen, 25 Marschflugkörper und 659 Drohnen meldete die ukrainische Luftwaffe am Morgen. Der Angriff war damit weitaus gewaltiger als üblich und beschränkte sich nicht auf die Nacht; die russischen Drohnen und Raketen flogen auch am Tag. Trotz dieser massiven Belastung gelang es der Ukraine nach eigenen Angaben, knapp 95 Prozent der Angriffe abzuwehren.

Ein beeindruckender Erfolg, auch in den Augen des Militärexperten Markus Reisner. Im Gespräch mit ntv.de merkt der Oberst des österreichischen Bundesheers an, nicht jeder abgewehrte Angriff aber wiege gleich schwer. Trotz Hunderter erfolgreich abgefangener Drohnen sei schon der Einschlag einer einzelnen Rakete „wirklich schmerzhaft“ für die Ukraine. Russland nutze die schiere Masse an Drohnen, um die ukrainische Flugabwehr auszulasten und dann mit Raketen oder Marschflugkörpern verheerenden Schaden anzurichten. Gerade bei den Waffen aber, mit denen solche Angriffe abgewehrt werden, steuere die Ukraine auf einen Engpass zu, so Reisner.

Die Verteidigung des ukrainischen Luftraums gleicht einer Zwiebel: Sie beginnt an der Grenze mit akustischen Sensoren und optischer Erkennung und verdichtet sich bis zum Kern in den Städten. Dort setzt die Ukraine verschiedene Luftabwehrsysteme ein. Die Ukraine setzt dabei aber verstärkt Drohnen ein, die sich gezielt in die russischen Flugkörper stürzen. Im vergangenen Monat hatte der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow einen Rekord beim Einsatz von Abfangdrohnen gemeldet. Ihre Zahl habe sich im Vergleich zum Vormonat verdoppelt.

Gleichzeitig steigerte die russische Armee bei ihren Angriffen die Zahl der eingesetzten Drohnen. Ihr gelingt es Militärexperte Reisner zufolge zudem, mit ihren Drohnen immer weiter in die Ukraine vorzudringen. Sie greife dafür auf Funkstellen in Belarus und Transnistrien zurück, die russische Signale verstärkten und die Drohnen so weniger anfällig für ukrainische Störmanöver machten.

Russland verzichtete in letzter Zeit immer öfter auf den Schutz der Nacht und flog auch tagsüber Drohnenangriffe – laut Reisner eine Folge des verbesserten Signals. Diese Angriffe bei Tag dienen laut Reisner unter anderem der psychologischen Kriegsführung, sie sollen die ukrainische Bevölkerung verunsichern.

Noch verunsichernder dürften aber die Treffer der letzten Nacht gewirkt haben: In Kiew, Odessa und Dnipropetrowsk forderte der russische Beschuss nach ukrainischen Angaben mindestens 16 Tote und viele Verletzte, darunter Kinder und medizinisches Personal.

Reisner zufolge zeigte sich in den vergangenen Monaten immer wieder, wie wichtig eine funktionierende Luftabwehr für die Ukraine ist. Anfang des Jahres offenbarte die Ukraine massive Versorgungslücken – mit messbarem Effekt, so Reisner: „Russland hat in mehreren Angriffen wichtige Heizkraftwerke in Kiew zerstört oder beschädigt.“

Besonders an Luftabwehrraketen mangele es der Ukraine, so Reisner. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar hatte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius angeboten, der Ukraine 5 Flugabwehrraketen aus Bundeswehrbeständen zu liefern, sollte der Rest der Unterstützer gemeinsam weitere 30 Raketen beisteuern. Das Manöver gelang, 35 Raketen wurden bereitgestellt.

In Reisners Augen ist diese Anekdote ein Beleg für die Lücken in der ukrainischen Luftabwehr. Er rechnet so: Während die Drohnen jeden Tag fliegen, setzt Russland seine Raketen und Marschflugkörper nur vereinzelt ein. Diese teuren Waffen fliegen an besonders angriffsintensiven Tagen als tödliche Spitze eines breiten Drohnenschwarms. Das sind die Tage, an denen die ukrainische Luftabwehr auf die Probe gestellt wird.

Bei den vergangenen drei russischen Angriffswellen kamen zu den rund 540 bis 950 Drohnen etwa 35 bis 45 Raketen und Marschflugkörper. „Und wenn letztere abgeschossen werden, dann können Sie davon ausgehen, dass jede dieser Raketen und Marschflugkörper mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Abwehrraketen verbraucht haben“. Reisner sagt: „Mit einer Lieferung von 35 Raketen können Sie im schlechtesten Fall maximal einen Angriff abwehren“.

Die europäische Rüstungsindustrie produziere pro Jahr 100 bis 150 dieser Abwehrraketen, so Reisner. Die USA stellten 600 bis 650 Stück her. Die Golfstaaten und die USA hätten allerdings „in den ersten drei Tagen des Irankonflikts so viele Raketen verschossen, wie die Ukraine während des ganzen Krieges zur Verfügung hatte“.

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de