Gestresste Unternehmen: Wenn welcher Sanierer ans Werk muss
In ihren Noteinsätzen sehen sich Unternehmenssanierer in Deutschland unter mehr Zeitdruck denn je. Einer der Gründe ist nach Ansicht von Fachleuten eine Häufung von Krisen, wie es sie bisher nie gegeben hat. Traditionell läuft Restrukturierung in drei aufeinanderfolgenden Schritten: Kosten senken, dann Liquidität sichern, dann am Geschäftsmodell arbeiten. „Das wird immer schwieriger, weil man kaum die Zeit dafür hat“, sagte Jochen Schönfelder, Partner in der Beratungsgesellschaft Boston Consulting, am Donnerstag in Frankfurt. Die Geschäftsmodelle gerieten so stark unter Druck, dass der strategische Aspekt früher in den Vordergrund rücke. „Aus juristischer Sicht ist der Zeitdruck immer höher geworden“, bestätigte Daniel Splittgerber, Partner in der Kanzlei Latham & Watkins. „Ich glaube, das Thema Timing hat deutlich an Gewicht gewonnen“, sagte aus Perspektive der Kreditgeber Beatrix Henzler von der DZ Bank.
Unberechenbare US-Zölle, globale Krisen und Kriege, neuerliche Inflations- und Zinsrisiken: „Was wir derzeit sehen, ist eine Aneinanderreihung, eine Überlagerung von Schocks“, sagte Schönfelder. „Das ist die Veränderung gegenüber der Vergangenheit.“ Früher habe man einen Schock nach dem anderen erlebt und dazwischen immer mal Perioden der Ruhe.
Henning Block, Partner in der Investmentbank Rothschild, nannte als Beispiele für schwierige Branchen Automobil, Glasfaser sowie Software als Folge der unabsehbaren Folgen von Künstlicher Intelligenz. Andererseits sehen die Fachleute die Wirtschaft insgesamt unter ungewöhnlichem Druck, mit Ausnahmen wie Verteidigung und Infrastruktur, vielleicht auch Pharma. „Momentan sehen wir gar nicht so sehr Branchenschwerpunkte, sondern auf breiter Front in der deutschen Wirtschaft zahlreiche Krisenfälle“, sagte Schönfelder.

Sanierung bedeutet Schieflage, nicht zwingend auch Insolvenz
Sanierungsfälle sind mehrheitlich Unternehmen, die zwar schon in Schieflage sind, aber noch nicht insolvent, wie Block und Schönfelder sagten. In der Insolvenz bleibt als Ausweg oft nur noch der Verkauf von Unternehmensteilen. Neue Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) hatten diese Woche die Sorge vor einer Insolvenzwelle genährt. Im Januar registrierten die Amtsgerichte demnach 1919 beantragte Unternehmensinsolvenzen, fünf Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Der Vorsitzende des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID), Christoph Niering, sprach von einer bisher moderaten Entwicklung. Doch steht nach seiner Einschätzung ein deutlicherer Anstieg bevor: „Nicht nur Transport- und Logistikunternehmen, die unmittelbar von hohen Kraftstoffpreisen betroffen sind, sondern auch energieintensiv produzierende Unternehmen stehen aktuell unter großem Druck.“
Für viele Betriebe seien die Kosten inzwischen so hoch, dass die finanziellen Reserven nicht mehr reichten, erläuterte DIHK-Chefanalyst Volker Treier: „Im Januar haben so viele Unternehmen insolvenzbedingt ihre Pforten schließen müssen wie seit elf Jahren nicht mehr.“ In der Logistik taten sich gerade sechs Verbände verschiedener Transportbranchen in einem Brief an den Bundeskanzler zusammen. Die Lage im mittelständisch geprägten Verkehrsgewerbe habe sich in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt, heißt es in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt.

Nicht mal 2009 so viele Insolvenzen wie im vergangenen Jahr
Nach Auswertungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2025 auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Die Forscher kamen auf gut 17.600 Insolvenzen. Selbst in der Finanzkrise im Jahr 2009 habe die Zahl rund fünf Prozent niedriger gelegen. Als Gründe wurden Folgen der Corona-Zeit und die Zinspolitik genannt. Zudem schlage die schwierige wirtschaftliche Entwicklung zu Buche. BCG-Fachmann Schönfelder erwartet für das laufende Jahr keine Besserung. „Ich glaube, wir haben den Höhepunkt noch nicht erreicht, die Insolvenzzahlen werden wahrscheinlich weiter steigen.“ Frank Grell, Partner von Latham & Watkins, betonte, dass eine Insolvenz nicht zwingend zur Schließung führe. Hohe Insolvenzzahlen seien also nicht unbedingt hohe Schließungszahlen. So oder so geht den Sanierern die Arbeit nicht aus. „Ich erwarte für uns, dass wir auf einem sehr, sehr hohen Niveau weiter Restrukturierungsaktivität sehen werden“, resümierte Rothschild-Fachmann Block.