Mecklenburg-Vorpommern: Polizei arbeitet nachher Hackerangriff mit veralteter Technik

Bald ein Jahr nach einem Hackerangriff auf die Diensthandys der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen die Beamten noch mit starken Einschränkungen. Erst hatte das Innenministerium erklärt, die Polizisten müssten nur für kurze Zeit auf alte Funktechnik zurückgreifen. Doch seitdem ist wenig passiert. Neue Diensthandys, mit denen sich digital Polizeisysteme abfragen lassen, gibt es bisher keine. Und noch immer ist unklar, welche Daten bei dem Angriff im Mai 2025 abgeflossen sind.

Damals waren Hacker über zwei Schwachstellen in Server der Landespolizei eingedrungen. Warnhinweise des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wurden zu spät gesehen, ein Hinweis der Telekom wegen auffälliger Aktivitäten auf den Servern ging an die falsche Adresse. Erst mit zeitlicher Verzögerung reagierte man und schaltete die Server ab, danach auch die Diensthandys.

Die waren für die Polizeiarbeit essenziell gewesen. Im Jahr 2023 hatten rund 4400 Polizistinnen iPhones erhalten, auf denen diverse Apps der Polizei liefen. Das betraf Streifenbeamte, aber auch die Kriminalpolizei und Spezialeinheiten – alle, die operativ im Einsatz sind. m-Pol nennt sich das System, das in ähnlicher Form auch andere Bundesländer einsetzen.

Alles über den PC eingeben

Damit konnten die Beamten etwa auf die polizeilichen Auskunftssysteme zugreifen, Personenabfragen tätigen, Fahrzeugregister abrufen, verschlüsselt Fotos und Dokumente übertragen oder Dokumente auf ihre Echtheit überprüfen. Während einer Fahndung konnten sie sekundenschnell ein Foto mit allen Kolleginnen teilen und vermisste Personen rasch ermitteln.

Heute müssen die Beamtinnen und Beamten dafür erst wieder in die Polizeidienststelle fahren und alles über den PC eingeben.
Die Hacker hatten sich damals Zugriff auf jene Server verschafft, die die m-Pol-Geräte verbinden und verwalten. Dort sammelten sie nach Angaben des Landesinnenministers Christian Pegel (SPD) große Mengen Daten.

„Sehr komplexe Ermittlungsmaßnahmen“

Zu Hintergründen könne man keine Angaben machen, die „sehr komplexen Ermittlungsmaßnahmen“ vor allem des Landeskriminalamtes seien noch nicht abgeschlossen, sagt eine Sprecherin des Innenministeriums. Auf Fragen zu den Kosten, die durch den Angriff entstanden, sowie dazu, ob auch private Daten der Beamten oder Ermittlungsdaten abgegriffen wurden, antwortet sie nicht.

Vor dem Innenausschuss des Landtags sagte Innenminister Pegel im vergangenen Jahr, der „Modus Operandi“ bei dem Angriff gleiche dem Vorgehen chinesischer Hacker. Forensiker des Landeskriminalamtes hätten entsprechende Hinweise gefunden. Allerdings heißt es aus Sicherheitskreisen, dass man im Zusammenhang mit dem Vorfall auch nach Russland blicke.

Verwiesen wird dabei auf einen Hackerangriff auf die IT des Landkreises Vorpommern-Rügen Ende 2023, in dessen Folge über Monate die dortigen Systeme ausfielen. E-Mails funktionierten nicht, stattdessen kommunizierte die Verwaltung per Fax und Telefon. Wer dafür verantwortlich war, konnte nie ermittelt werden.

Polizisten sollen neue Geräte sollen „ab Sommer“ bekommen

Im Falle der Polizei soll es nach Angaben des Innenministeriums neue Geräte geben. Derzeit laufe die Beschaffung; Ziel sei es, die Beamtinnen und Beamten „schnellstmöglich mit verlässlichen und praxistauglichen mobilen Endgeräten auszustatten“, so eine Sprecherin. Innenminister Pegel hatte im Januar angegeben, die ersten Geräte sollten „ab Sommer“ an Streifenpolizisten gehen. Wie viele das sein werden und über welche Leistungen sie verfügen, konnte die Sprecherin nicht sagen.

Nach Angaben Pegels wird das IT-System insgesamt „umfassend neu aufgesetzt“. Das Ministerium präferiert Berichten zufolge auch aus Gründen der „digitalen Souveränität“ eine europäische Lösung bei der Software. Allerdings zeigen Erfahrungen anderer Bundesländer wie Schleswig-Holstein, dass die Abkehr von amerikanischer IT in der Verwaltung ihre Tücken hat. Die Opposition verweist darauf, dass andere Bundesländer durchaus gute Erfahrungen mit amerikanischer IT bei der Polizeiarbeit gemacht hätten und unklar sei, warum man in Schwerin das Rad nun neu erfinden müsse.

Notwendig sei eine schnellstmögliche Ausstattung mit verlässlichen mobilen Endgeräten, sagt Kristin Frosch, die designierte Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei im Nordosten. Aus ihrer Sicht sind Geräte, die nur telefonieren können, nicht ausreichend. Der Ausfall habe die Polizeiarbeit spürbar erschwert.

Es sei „unverantwortlich“, dass den Polizeibeamten immer noch zugemutet werde, ohne die modernen Systeme zu arbeiten, findet Ann Christin von Allwörden, die innenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag. Dass das Thema so stiefmütterlich behandelt werde, sei „eine Katastrophe“. Was im Innenministerium passiere, sei „ein Totalausfall“. Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Constanze Oehlrich, hält es für nicht akzeptabel, wie lang die Wiederherstellung der IT-Systeme dauert. Dass es bis heute weder eine funktionierende Lösung noch einen konkreten Zeitplan gebe, sei ein „Organisations- und Führungsversagen“ des Innenministeriums, so Oehlrich.

Source: faz.net