Edelmetall: Gold zeigt die Welt im Ausnahmezustand

Manchmal stelle ich mir vor, was wohl gewesen wäre, wenn in einem entscheidenden historischen Moment etwas völlig anderes passiert wäre. Ich tue es in dem sehr klaren Wissen, dass damit rein gar nichts gewonnen ist. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber wenigstens hin und wieder hilft es mir, den Blick auf das Jetzt zu schärfen. Wir Menschen gewöhnen uns viel zu schnell an das, was nun einmal ist, sei es noch so abstrus, bizarr, abgefahren oder neuhochdeutsch: cringe.

Ich stelle mir also vor, der 5. November 2024 wäre ein ganz anderer Tag gewesen. Präsident Biden hätte sich, wie versprochen, wirklich als Übergangs­präsi­dent gesehen, frühzeitig seine Partei einen Nachfolger oder eine Nachfol­gerin aufbauen lassen, und dieser oder diese würde heute im Weißen Haus sitzen. Wenn man diesen Gedanken einen Moment sacken lässt, wird einem schnell klar, welch epochale Bedeutung dieser Tag vielleicht – und hoffentlich nicht für Generationen – hatte. Um nur das Wichtigste hervorzuheben: Niemand würde versuchen, die Demokratie in den USA aus den Angeln zu heben, die NATO wäre noch die NATO, in den Autokratien dieser Welt würde man wohl kaum frohlocken, Spritpreise wären kein Thema, und natürlich wäre auch die Welt an den Finanzmärkten höchstwahrscheinlich eine andere.

Das Krisenbarometer

Aber die Dinge sind so, wie sie sind – und damit gilt es nun zu leben und umzugehen. In diesen von epochalen Änderungen geprägten Zei­ten liegt es in meinen Augen nahe, wieder einen Blick aufs Gold zu werfen. Schließlich gilt es gemeinhin als Krisenba­rometer. Seine künftige Richtung könnte damit wenigstens bis zu einem gewissen Maße einen Hinweis darauf geben, wie sich die Welt weiter dreht: noch mehr Unruhe und Chaos oder die Rückkehr auf einen halbwegs stabilen Pfad.

Ganz am Anfang jedweder Analyse muss stets die Trendfrage stehen. Entwickelte sich der Chart von links unten nach rechts oben, liegt sehr wahrscheinlich ein Aufwärtstrend vor. Wichtig: Es liegt in der Natur eines Trends, dass er sich viel lieber fortsetzt als umkehrt. Der Vollständigkeit halber: Entwickelt sich ein Chart von links oben nach rechts unten, liegt wahrscheinlich ein Abwärtstrend vor, für dessen Zukunft man grundsätzlich nicht allzu optimistisch sein sollte.

Beim Blick auf den aktuellen Goldchart wird man nicht lange rätseln müs­sen. Einen schöneren Aufwärtstrend gibt es selten. Gold gehört demnach  zweifelsohne in die erstgenannte Kategorie, und das legt nahe, seine Fortsetzung zu erwarten. Es brauchte schon wirklich gute Gründe, um von etwas anderem ausgehen zu können. Aber die liegen nicht vor.

Die berühmten Elliott-Wellen

Im Gegenteil: Ein weiteres Moment kommt hinzu. Aufwärtstrends neigen dazu, Konsolidierungen, Zeiten des Verharrens, dreiteilig ausfallen zu lassen: runter – hoch – runter. Oder, in der Sprache der Elliott-Wellen: A-B-C. Genau das scheint bei Gold der Fall zu sein. Das wilde Auf und Ab der vergan­genen drei Monate zwischen dem oberen Rand bei 5400 US-Dollar (Schluss) sowie rund 5600 Dollar (Intraday) und dem unteren Rand bei 4400 Dollar (Schluss) sowie 4100 Dollar (Intraday) ist fast idealtypisch für eine solche Pause im Aufwärtstrend. In diesen Zeiten wie diesen wird die zuvor erreich­te extreme „Überkauftheit“ abgebaut. Wer schon immer verkaufen wollte, hat dies dann getan. Die zuvor in überreichlichem Maße vorhandene Zuversicht weicht, und nicht wenige Marktteilnehmer entwickeln wieder eine gewisse Skepsis. Der Markt ist, umgangssprachlich ausgedrückt, wieder sauber und für einen weiteren Anstieg gerüstet.

Mir bleibt deshalb keine andere Wahl, als noch höhere Goldkurse über den  erwähnten Hochs aus dem Januar zu erwarten. Um es an Zahlen festzumachen: Kurse über 6000 Dollar sind mit Blick auf die nächsten Monate momentan markant wahrscheinlicher als unter 4000 Dollar. Sollte Gold ein Krisenbarometer sein oder bleiben, werden wir also mit einer globalen Entspannung der Lage in der nächsten Zukunft kaum rechnen dürfen. Wieder einmal würde ich mich sehr freuen, wenn diese Einschätzung gleich im doppelten Sinn falsch wäre: Gold steigt nicht, und die Krisen dieser Welt werden kleiner.

Um auf den 5. November 2024 zurückzukommen: Sosehr ich mit den momen­tanen Entscheidungsfindungsprozessen hierzulande unzufrieden bin, so sehr schätze ich, dass der Kompromiss, der Konsens, die Verständigung auf das Gemeinsame unser Land regiert. „Starke Männer“ und solche, die es gern sein würden, haben selten ein Land zu dauerhaftem Wohlstand und Frieden geführt. Ohne Korrektiv ging es oft genug den Bach runter. Bitter.

Der Autor ist Geschäftsführer der Staud Research GmbH.

Source: faz.net