Kinderpornographie: Seine Tante verkaufte die Bilder des Missbrauchs
Mark Neil Ontong erzählt seine Geschichte am Mittwoch zweimal. Einmal ausführlich, im Gespräch mit der F.A.Z., und dann am frühen Abend in einer ganz kurzen Version, fünf Minuten lang. Da sitzt er in einem Sitzungsraum des Europäischen Parlaments in Brüssel, wo üblicherweise Ausschüsse tagen. Oben auf dem Podium.
Vor ihm in der ersten Reihe haben der EU-Innenkommissar Magnus Brunner und der Abgeordnete Javier Zarzalejos Platz genommen, beide aus der Europäischen Volkspartei (EVP). Der Spanier Zarzalejos ist Verhandlungsführer des Parlaments für eines der schwierigsten Gesetzgebungsverfahren, in dem die Lage ziemlich verfahren ist: der Kampf gegen Kindesmissbrauch im Internet. Der Besucher ist da, um Abgeordnete daran zu erinnern, worum es eigentlich geht.
Seine Geschichte beginnt im Jahr 2005. Da war Ontong acht Jahre alt und in der dritten Klasse in einer Stadt im Süden der Philippinen. Seine Mutter arbeitete das ganze Jahr über in Kuwait, wie so viele Frauen aus dem Land, die ihr Geld als Haushälterinnen in reicheren Ländern verdienen. Sein Vater war Alkoholiker und drogensüchtig, die Eltern hatten sich getrennt. Deshalb wuchs der Junge mit vier Geschwistern bei seiner Großmutter auf, in ärmlichen Verhältnissen. Eines Tages boten ihm sein Onkel und seine Tante etwas Geld an. Er solle das Haus putzen, sich um den Hund kümmern, sagten sie ihm.
Tatsächlich landete er dann in einem Raum mit abgedunkelten Fenstern, die Tür wurde verschlossen, nur ein Computer stand dort. Er sollte sich ausziehen. So begann es. Zwei- bis dreimal im Monat kehrte er wieder, dann war auch noch ein Mädchen aus seiner weiteren Verwandtschaft da, etwa gleich alt. Mit dem sollte er sexuelle Handlungen vollziehen. Sein Onkel stand drohend an der Tür, er hatte eine Waffe bei sich und gab Anweisungen. Die Kinder hatten Angst und fügten sich. Das Geld, ein paar Dollar, gab der Junge seiner Großmutter.
Der Onkel und die Tante wurden festgenommen
Was Ontong da noch nicht wusste: Sie wurden die ganze Zeit über gefilmt. Seine Tante hatte das organisiert. Sie verkaufte die Aufnahmen an Kunden in aller Welt. Irgendwann wurden amerikanische Strafverfolger darauf aufmerksam und schalteten die Behörden in Manila ein. Sie machten die Tante als Hauptquelle für pornographische Fotos, Videos und Livestreams aus, immer von Kindern, wie es in den Akten hieß. Im Mai 2013 durchsuchten Beamte das Haus, beschlagnahmten Computer und Festplatten. Der Onkel und die Tante wurden festgenommen.

Drei ihrer Opfer wurden sofort identifiziert. Bei der Auswertung der Dateien kam das ganze Ausmaß ans Licht. Dreizehn weitere Kinder waren betroffen, darunter Ontong. Sie wurden von ihren Familien getrennt und mithilfe von Organisationen, die sich um Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution kümmern, in Obhut gebracht.
Eine davon ist die International Justice Mission, die die Veranstaltung am Mittwoch mitorganisiert hatte. Bis heute sind 1600 Kinder mithilfe solcher Organisationen gerettet und rund 500 Täter verhaftet worden. Aber das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Eine internationale Studie kam 2023 zu der Schätzung, dass fast eine halbe Million Kinder auf den Philippinen für Missbrauchsdarstellungen ausgebeutet werden, insbesondere in Livestreams. Die Täter: rund 250.000 Filipinos. Und unzählige Europäer und Amerikaner, die dafür zahlen.
Ontong ist jetzt 29 Jahre alt. Inzwischen hat er einen Universitätsabschluss und einen Job in der IT-Branche, nebenbei engagiert er sich für Missbrauchsopfer. Deshalb ist er am Mittwoch in Brüssel. Seine Geschichte erzählt er ruhig und gefasst, es ist nicht das erste Mal. Nicht alles ist sofort plausibel. Wieso hat ihm niemand früher geholfen, obwohl er seiner Mutter in der Ferne von seinem Leid klagte? Weshalb ist seine Tante immer noch nicht rechtskräftig verurteilt, obwohl sie weiter im Gefängnis sitzt? „Ich hoffe wirklich, dass sie eine lebenslange Strafe bekommt“, sagt er mehrmals. „Ich zittere, wenn ich sie vor Augen habe.“
Onlinemissbrauch wird meist nur durch Zufall aufgedeckt
Für die Abgeordneten hat er am Abend eine einfache Botschaft. „Warum können wir von den Technologieunternehmen nicht mehr verlangen?“, fragt er. „Warum kann man nicht früher in die Plattformen eingreifen, damit sie nicht über Jahre hinweg genutzt werden können?“ Denn so viel ist klar: Die Anbieter und ihre Kunden verabreden sich in den meisten Fällen über Messengerdienste wie Whatsapp oder Telegram.
Für die Videostreams nutzen sie Angebote wie Teams oder Zoom. Diese verschlüsselten Kanäle sind vor Strafverfolgern weitgehend sicher, sie werden auch von den Anbietern nicht auf verdächtiges Material durchsucht. Bis heute gibt es keinen einzigen Fall von Onlinemissbrauch, der in Echtzeit entdeckt worden ist. Wenn Ermittlern etwas in die Hände fällt, dann entweder bei Hausdurchsuchungen oder weil Aufnahmen später über unverschlüsselte Kanäle geteilt werden und Verdachtsmeldungen auslösen.
Allerdings sind solche Meldungen seit Anfang des Monats in der Europäischen Union verboten. Da lief eine Ausnahmeregelung aus, die es Anbietern erlaubte, unverschlüsselte Kommunikation freiwillig auf Missbrauchsdarstellungen zu scannen. Die Mitgliedstaaten wollten sie verlängern, doch im Parlament entschied sich eine knappe Mehrheit dagegen.
Zwar haben Google, Meta, Microsoft und Snapchat angekündigt, dass sie ihre bisherige Praxis fortsetzen würden. Doch darf das amerikanische Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder, kurz NCMEC, Verdachtsmeldungen mit Bezug zu IP-Adressen in der EU nicht mehr an europäische Strafverfolgungsbehörden weitergeben.
Der Grund für die europäischen Blockaden ist der Siegeszug der „Chatkontrolle“-Gegner. Eingriffe in die Privatsphäre sollen unter keinen Umständen erlaubt sein, solange kein konkreter Verdacht vorliegt – diese Sicht hat sich durchgesetzt.
Bei der Informationsveranstaltung im Europäischen Parlament, an der neben Ontong weitere Betroffene und Kinderschutzverbände teilnehmen, wird eine andere Perspektive sichtbar. Es gehe nicht primär darum, dass der Staat die Bürger kontrolliere, wendet Nel Broothaerts von der belgischen Organisation Child Focus ein. „Es geht darum, den Opfern die Kontrolle wiederzugeben.“ Wenn Betroffene heute fragten, ob man sicherstellen könne, dass ihre Bilder nicht weiter verbreitet und ihre Täter zur Rechenschaft gezogen würden, laute die Antwort: nein.
Technisch wäre vieles möglich
Noch laufen die Verhandlungen zwischen dem Parlament und den Mitgliedstaaten über eine neue Verordnung, die den Schutz von Kindern im Netz verbessern soll. Eingriffe in die Verschlüsselung haben beide Gesetzgeber mehrheitlich ausgeschlossen. Ob es gelingt, freiwillige Scans von Anbietern auf eine rechtssichere Basis zu stellen, wie es die Staaten fordern, ist höchst ungewiss.
Realistischer scheint ein anderer Ansatz zu sein: Technisch ist es möglich, schon die Anzeige und Aufnahme von Missbrauchsdarstellungen auf Handys und anderen Geräten zu unterbinden. Das betrifft nicht bloß bekanntes Material, das mit Upload-Filtern aussortiert wird. Inzwischen gibt es auch Lösungen, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten und neue Darstellungen erkennen können, was bei Livestreams immer der Fall ist.
Das wohl fortschrittlichste Angebot wurde von dem britischen Cybersicherheitsunternehmen Safe To Net in Zusammenarbeit mit der Internet Watch Foundation entwickelt, dem britischen Pendant zum amerikanischen NCMEC. Die Anwendung heißt Harm Block AI und erkennt automatisch Darstellungen von Nacktheit und Pornographie. Sie läuft auf der Ebene des Betriebssystems und sperrt sowohl die Anzeige als auch die Kamera eines Geräts, wenn der Algorithmus anschlägt. Der lässt sich so trainieren, dass er sexuelle Handlungen mit Kindern aufspürt. Je jünger die Kinder sind, desto höher ist die Trefferquote.
Natürlich gibt es auch Fehler. Allerdings werden bei diesem Modell keine Verdachtsmeldungen erstellt und an Strafverfolger weitergeleitet. Es geht bloß um eine wirksame Anzeigesperre. Möglicherweise kann dann zwar die Oma nicht das Video ihres Enkelkinds vom Strand ansehen, muss aber auch nicht die Justiz fürchten.
Viele Abgeordnete lehnen die Nutzung von KI ab
Internetanbieter könnten verpflichtet werden, eine solche Sperre in Chatdienste und Videoplattformen einzubauen, entweder als Standardlösung oder wenigstens als Option für Nutzer. Der Rat der Mitgliedstaaten hat sich in seinem Verhandlungsmandat dafür eine Tür offengehalten. So soll es möglich sein, bestimmte Anbieter zu Maßnahmen zu verpflichten, die das Risiko von Missbrauchsdarstellungen vermindern. Und das Parlament setzt auf einen Ansatz, bei dem von Beginn an Sicherheitsfunktionen in Soft- und Hardware integriert werden. Allerdings gibt es eine große Gruppe von Abgeordneten, die den Einsatz von KI ablehnt. Begründet wird das mit der Fehleranfälligkeit.
Von diesen Abgeordneten erscheint kein einziger bei der Veranstaltung im Parlament. Eingeladen sind die Fachpolitiker der Fraktionen, doch tauchen nur Zarzalejos und eine italienische Kollegin auf, zwei Christdemokraten. „Es wäre sehr wichtig gewesen, hier auch andere Leute zu sehen“, sagt Kommissar Brunner. Zumal schon am Tag darauf die nächste Verhandlungsrunde stattfindet. Er hofft auf eine Einigung „in den nächsten Wochen“, vielleicht dauere es auch Monate.
Ontong meldet sich noch einmal zu Wort. „Wenn Sie nach Hause gehen, denken Sie an uns“, sagt er. „Sie haben die Macht, uns zu schützen und für jene zu kämpfen, deren Stimmen immer noch nicht gehört werden.“
Source: faz.net