Roman „Babyn Jar“: Ein von Maschinengewehren geprägtes Buch
Vom Massaker in der Schlucht Babyn Jar 1941 am Stadtrand von Kiew erzählt Anatoli Kusnezow auch mit Kinderstreichen: Der zwölfjährige Erzähler und sein Freund beschießen den breitesten Hintern aller deutschen Besatzer auf dem gut einsehbaren Donnerbalken vor ihnen mit scharfkantigen Schraubenmuttern. Der getroffene Soldat erhebt sich fluchend und scheut keine Mühe, um sich mit den Schützen „auszutauschen“, bekommt die Jungen aber nicht zu fassen. Akustisch begleitet wird die burleske Szene von Maschinengewehrsalven aus einer nahe gelegenen Schlucht. Kusnezows „Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen“ beruht nicht auf der dramatischen Konfrontation von heiterer mit traumatischer Erinnerung, enthält aber beides. Es ist ein waghalsiger und dank dieser Waghalsigkeit glückender Versuch, vom Grauen wie auch vom Leben in dessen unmittelbarer Nähe zu erzählen.
Anatoli Kusnezows alleinerziehende Mutter und seine Großeltern fliehen nicht aus Kiew, als die Deutschen im Herbst 1941 näherkommen. Die Mutter weiß nicht, wohin in der Sowjetunion; der Großvater erhofft sich wie nicht wenige Ukrainer ein besseres Leben als unter dem sowjetischen „Strolchenregime“, und der Junge nutzt die neue Freiheit: Er schließt sich in den ersten Tagen der Besatzung den Plünderern an. Dann legen zahlreiche ferngesteuerte Bomben des sowjetischen Geheimdienstes die Prachtbauten am Boulevard Kreschtschatik in Schutt und Asche, in denen sich die Deutschen eben eingerichtet haben. Voller Wut, glaubt Kusnezows jugendliches Alter Ego, rächen sie sich an den Juden und ordnen an, dass diese sich am 29. September 1941 mit Gepäck an einer Kiewer Straßenecke versammeln müssen. Wer nicht erscheine, werde erschossen.
Gleichmäßiges MG-Feuer, stundenlang
Dieses „außergewöhnliche Schauspiel“ will sich kaum jemand entgehen lassen. Zuschauer säumen die Bürgersteige, auch der Zwölfjährige ist unter ihnen. Ihn rührt die Armut und Bedürftigkeit vieler Juden – die Gesunden sind ja eingezogen, die Reichen geflohen. Und dann hört er, erschüttert wie sein antisemitischer Großvater, gleichmäßiges MG-Feuer von Babyn Jar: Die Juden werden nicht deportiert, die Deutschen erschießen sie und lassen Erde auf die Leichenberge kippen, die sich noch stundenlang bewegt. Die Nachricht verbreitet sich schnell. Dennoch erlebt Tolja, wie eine Nachbarin einen entkommenen Jungen denunziert.
Am 29. und 30. September 1941 sterben in Babyn Jar mehr als 33.000 Juden, weitere werden wie Katja Petrowskajas Urgroßmutter, das erzählt ihr Buch „Vielleicht Esther“, in der Stadt erschossen. Zwei Jahre lang morden die Deutschen in der Schlucht. Juden sterben weiterhin, außerdem Kranke, Behinderte, Rotarmisten, Roma, Kommunisten, Kriminelle, Partisanen und auch ukrainische Nationalisten trotz der Kollaboration mit den Deutschen. Die MGs in Babyn Jar ertönen fast das ganze Buch hindurch. Schätzungen sprechen von 65.000 bis über 100.000 Opfern.
Rauch, der nach verbrannten Haaren riecht
Anatoli Kusnezows jugendlicher Erzähler hört die Erschießungen, lässt sie aber von Dina Pronitschewa schildern. Sie überlebte dank unglaublicher Zufälle und sagte in mehreren Kriegsverbrecherprozessen aus. Kusnezow hat ihren Bericht aufgeschrieben. Dokumentarisch verfährt er auch, als im Sommer 1943 schwarzer, nach verbrannten Haaren riechender Rauch über die Stadt zieht: Ein anderer Überlebender, Wladimir Dawydow, schildert, wie er mit Häftlingen aus dem KZ oberhalb von Babyn Jar die halb verwesten Opfer ausgraben und sie in großen Stapeln zu je 2500 auf benzingetränkten Eisenbahnschwellen verbrennen muss. Die Deutschen beseitigen vor dem Abzug die Spuren ihrer Gräuel. Zitiert werden in dem „Roman-Dokument“, so der russische Untertitel, außerdem Flugblätter, Plakate und Ausgaben der Besatzungszeitung „Das freie ukrainische Wort“.

„Babyn Jar“ gibt vielen Stimmen Raum – nicht zuletzt weil in der Sowjetunion über die Massenmorde geschwiegen wurde. Gedacht werden sollte des Sieges über Hitler, nicht der Opfer und schon gar nicht der Juden. Am Massengrab war es verboten, von ihnen zu sprechen und Kränze abzulegen. 1957 wurde der Bau eines Denkmals versprochen und stattdessen ein Damm errichtet: Der Tonschlamm einer Ziegelfabrik sollte die Toten bedecken und vergessen machen. Der Damm brach 1961, eine Lawine aus Schlamm, Asche und Knochen ergoss sich über Kiews Vororte und tötete eine unbekannte Zahl von Menschen. 1962 schüttete man die Schlucht zu und versiegelte das Massengrab mit einer Fernstraße, einem Fernsehzentrum und Wohnblöcken. Die Nazis, vermerkt Kusnezow, hätten sich keine bessere Lösung vorstellen können.
Der „Holocaust der Kugeln“
Im Jahr des Dammbruchs forderte Jewgeni Jewtuschenko in dem Gedicht „Babij Jar“ den Bau eines Denkmals. Dank Schostakowitschs Vertonung wurde das Massaker auch im Westen als „Holocaust der Kugeln“ bekannt. Anatoli Kusnezow hatte Jewtuschenko durch die Schlucht geführt. Er schrieb jahrelang seine Erinnerungen nieder. Sie erschienen 1966 zuerst in einer Zeitschrift, dann als Buch – beide Male so stark verstümmelt durch die Zensur, dass der Autor wütend das ZK vors Gericht ziehen wollte.
Erst 1991 konnte das Erinnerungsbuch ungekürzt in der Ukraine erscheinen – auch hier unter dem Titel „Babij Jar“, denn der ukrainische Muttersprachler schrieb wie üblich auf Russisch. Weil die Schlucht heute als Babyn Jar bekannt ist, übernimmt die Übersetzerin Christiane Körner die ukrainische Bezeichnung, behält die russischen Bezeichnungen von Orten und Eigennamen jedoch bei. In den Dialogen deutet sie ukrainische Einsprengsel an, während die Gaswagen, deren Insassen durch Abgase getötet wurden, weiter „Duschegubka“ heißen. Das russische Hetzwort „Žid“ übersetzt Körner nicht mit – dem inzwischen neutralen – „Jude“, sondern dem ostjüdischen „Jidde“. Vor allem aber setzt sie nicht wie ihre Vorgänger Punkte, wo Kusnezow kurze Sätze aneinanderreiht, weil sein Erzähler das, was er sehen und hören muss, nicht glauben kann. Auch Körners Neuübertragung dieses beeindruckenden und erschütternden Buches verrückt die Perspektiven.
Anatoli Kusnezow: „Babyn Jar“. Roman eines Augenzeugen. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Mit Essays von Bert Hoppe und Kateryna Mishchenko. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026. 526 S., geb., 32,– €.
Source: faz.net