Film „Vier negativ drei“: Clowns wissen viel vom Leben
Was ist ein Clown? „Das Besondere am Clownsein ist, dass du dein ganzes Leben lang an der gleichen Rolle arbeitest“, sagt Heli (Robert Stadlober) zu Barbara (Valerie Pachner). Die beiden haben sich erst vor wenigen Tagen kennengelernt: Sie wurde gerade von der Schauspielschule abgelehnt, als sie ihn bei einem Auftritt auf der Straße entdeckt und ihn fragt, ob er eine Spielpartnerin gebrauchen könnte. „In den Gesichtern von alten Clowns siehst du ihr ganzes Leben. So ein alternder Clown will ich gern werden“, erzählt Heli ihr dann bei den gemeinsamen Proben. Barbara sieht ihn an, berührt und schon verliebt, und sagt dann verlegen lachend: „Das ist sehr, sehr cool“ – in einem ironischen Ton, der nicht etwa damit zu tun hat, dass man das Gesagte nicht ehrlich meint, sondern eher mit dem gefühlten Unvermögen, auf die Offenheit adäquat zu reagieren.
Die Szene ist nicht nur deshalb so berührend, weil Heli eben kein alter Clown werden, weil er gar nicht alt werden wird. Und nicht nur, obwohl das wichtig ist, weil Robert Stadlober und Valerie Pachner in ihren Rollen so sehr beeindrucken. Sondern vor allem weil sich hier, in dieser der Hauptfigur in den Mund gelegten Clown-Philosophie, die ganze Lebensklugheit des Films zeigt, seine Nonchalance, Komik, auch Anarchie, noch unterstrichen vom österreichischen Dialekt der Hauptfiguren. Die Aufgabe des Clowns ist es, den Leuten zu zeigen, dass es immer noch eine andere Sichtweise auf alles gibt, sagt Heli noch. „Vier minus drei“ zeigt eine andere, radikal andere Perspektive auf Trauer.
So vieles kommt zusammen in diesem Film: Trauriges, Schönes, Poetisches. Wie wäre er anders überhaupt auszuhalten? Ein Film über eine Frau, die ihre ganze Familie, ihren Mann und ihre beiden noch kleinen Kinder ganz plötzlich durch einen Autounfall verliert. Der noch dazu eine wahre Geschichte erzählt, sodass nicht einmal die Fiktivität des Erzählten als Trost herhalten kann.
Die Geschichte wirkt übertrieben, ist aber wahr
Auch Regisseur Adrian Goiginger lehnte erst einmal ab, als er gefragt wurde, ob er das autobiographische Buch „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhart verfilmen würde: Er hat selbst zwei kleine Kinder, zu beängstigend schien ihm der Stoff. Als er das Drehbuch las (Senad Halilbašić), überlegte er es sich anders, und das ist ein Glück: Seit seinem vielprämierten Debüt „Die beste aller Welten“ weiß man, dass Goiginger besonders gut von Kindern und ihren Eltern erzählen kann, von schwierigen Lebenssituationen auch.
Die Geschichte eines Jungen, der mit seiner heroinabhängigen Mutter aufwächst, war Goigingers eigene Geschichte – und wie in „Vier minus drei“ waren dort die leichten, verspielten Details im Familienalltag genauso wichtig wie die Schwere durch die Sucht. Weniger das Ausmaß des Unglücks ist das Besondere der Geschichten, sondern der Umgang damit: Sie sei schließlich noch am Leben und wolle das auch genießen, schreibt Pachl-Eberhart in ihrer Antwort auf die Kondolenzschreiben, die dann von einer befreundeten Journalistin veröffentlicht und zum Anstoß für ihr späteres Buch wird.
Am Gründonnerstag 2008 starben Pachl-Eberharts Mann und die sieben und anderthalb Jahre alten Kinder Thimo (Jonas Recklies) und Fini (Victoria Wild) durch einen Autounfall, der Clownbus hatte an einer Bahnschranke nicht angehalten. Sie selbst arbeitete als Kinderclownin im Krankenhaus – demselben Krankenhaus, in dem sie die Kinder noch einige Wochen auf der Intensivstation begleiten wird, bis sie schließlich doch sterben. Das ist das Einzige, das man dem Film vorwerfen würde, wäre die Geschichte nicht wahr: dass das doch ein bisschen übertrieben ist, ein bisschen hart als Schicksal, dass wirklich alle drei sterben müssen, schließlich auch noch das jüngste Kind.
Es sei, als habe der Clownberuf sie auf das, was ihr geschehen würde, vorbereitet, hat Pachl-Eberhart in einem Interview gesagt. Sie nutzt die Figur der Heidi Appenzeller, um mit dem Verlust umzugehen, geht tanzen und sucht nach One-Night-Stands, auch wenn sie zwischendurch von der Rückkehr ihrer Tochter halluziniert und weinend zusammenbricht. Dass der Film all das zeigen kann, ohne in Kitsch zu verfallen, liegt neben dem bis in die Nebenrollen beeindruckenden Schauspielensemble (neben den Kinderdarstellern auch Ronald Zehrfeld, Hanno Koffler und Stefanie Reinsperger) auch an seiner nicht chronologischen Erzählweise.
Die beste Streitszene eines Paares seit „Anatomie eines Falls“
Die größte Gefahr in Filmen über Katastrophen oder traumatische Ereignisse sind Rückblenden: Sie gelingen selten und scheitern fast immer, werden zu Glückskitsch oder Traumakitsch. „Vier minus drei“ gelingen schöne, weil ungeschönte Blicke zurück. Der Film beginnt mit dem Tag des Unfalls, blickt dann immer wieder zurück und parallel auf Barbaras Umgang mit der Trauer. Wie sie und Heli sich kennenlernen und verlieben, sieht man, wie sie aufs Land in das Haus von Helis Onkel ziehen, er Barbara erst noch überzeugen muss. Später die Kinder kichernd im Garten im Planschbecken, aber auch einen erbitterten Streit zwischen den Eltern über Geld und die Verteilung der Carearbeit (die beste und realistischste Streitszene eines Paares seit „Anatomie eines Falls“).
Paradoxerweise fühlt sich dieser Film über eine Katastrophe immer wieder wie eine Utopie an. Da ist die Szene der Beerdigung zu dem Countrysong „Old Dan Tucker“, Helis Lieblingslied. Seine konservativen Eltern, die ihn statt Heli Helmut nennen und von Barbaras Idee einer großen fröhlichen Abschiedsfeier empört sind, treffen hier auf seine Clownfreunde, die Norm trifft auf die Freiheit. „Diese drei Menschen waren alles andere als perfekt“, sagt Barbara bei der Beerdigung. „Aber gerade deshalb war das Leben mit ihnen so schön.“
Das Herzstück der Rückblenden ist die Ballon-Szene, die wichtigste Szene in Helis künstlerischem Repertoire als Clown. In mehreren Varianten sieht man sie den ganzen Film hinweg immer wieder. Er entdeckt darin einen Luftballon, sehnt sich nach ihm und versucht ihn zu fangen. Der Ball wird immer größer, und als es Heli schließlich gelingt, ihn festzuhalten, wird er von dem Ballon erschlagen.
Die Szene ist einmal sehr früh im Film zu sehen, zu der großartigen Filmmusik von Arash Safaian, dann noch einmal in einer etwas früheren Version, als er die Idee mit seinem Sohn zusammen entwickelt. Ein drittes Mal, als Barbara sie sich ansieht, nach Helis Tod. Als sie danach noch ein Video ihrer Kinder sieht, versucht sie, in das Bild hineinzugreifen, scheint hineinfließen zu wollen. Diese Verzweiflung, als das Video zu Ende ist – Clowns wissen viel vom Leben, dieser Film weiß viel von gutem Kino.
Von Donnerstag an im Kino
Source: faz.net