Hof zu vererben – den keiner will
Das Land verlassen und irgendwo neu anfangen, wo man sich selbst versorgen kann? Diesen Traum haben sich Ruedi und Stephanie Baumann erfüllt. Doch im Alter fragen sie sich, wer das alles einmal erbt.
Ein Polaroid, beschriftet mit dem Datum Januar 1986, zeigt einen Jungen im Profil, der vor einer eigenartigen Holzkonstruktion kniet. Einen braunen Pulli aus Nickistoff trägt er, auf zwei zylinderförmigen Teilen des Objekts vor ihm sind blaue Aufkleber zu sehen: „TV“. Der Junge scheint durch sie durchzugucken. Aus dem Off hört man eine ruhige Männerstimme. Was sie spricht, ist nur dem sofort verständlich, der mit dem Alemannischen vertraut ist. Für alle anderen gibt es Untertitel.
Denn was hier gesprochen wird, ist Schweizerdeutsch: „Das Foto zeigt mich mit einer Kamera aus Holz, gebaut von meinem Vater. Auf seine Art schnell zusammengenagelt, ohne zu schleifen. Man muss nichts kaufen, man kann alles selber machen. Mein Haar, geschnitten von meiner Mutter, die Kleider, geerbt von Verwandten, der Novilon-Boden, den meine Eltern selbst verlegt haben als Provisorium, zehn Jahre vorher, als sie den Hof übernommen haben.“
Hier ist schon alles, oder fast alles, versammelt, worum es Simon Baumann – das ist der Junge auf dem Foto, heute ein Mittvierziger und Dokumentarfilmer – in seinem Film „Wir Erben“ geht. Denn irgendwie ungeschliffen, das kann auch für Baumanns Vater Ruedi gelten. Wer den Film seines Sohnes gesehen hat, bemerkt, dass resolute Sätze wie der, dass man alles selber machen kann, ihn auch jenseits der Politik ökologischer Nachhaltigkeit charakterisieren, die der Bauer und Politiker früher in der Schweiz vorantrieb. Später im Film wird Simon seine Mutter Stephanie fragen, der Sohn nennt Vater und Mutter beim Vornamen, warum er und sein Bruder Kilian, heute Landwirt und wie die Eltern Politiker, als Kinder nie neue Kleider bekamen. Begeistert klingt er darüber nicht. Die Vermutung der Mutter, er und sein Bruder würden es doch heute mit ihren Kindern genauso machen, bleibt unbestätigt.
Nachlass zu Lebzeiten
„Wir Erben“ handelt von einer scheinbar einfachen Sache: Ruedi und Stephanie, er Jahrgang 1947, sie 1951 und in den 1990ern das erste Ehepaar im Schweizer Nationalrat, sie für die sozialdemokratische SP, er für die Grünen, haben etwas zu vererben. Einen 70-Hektar-Hof, nicht in der Schweiz, sondern im westfranzösischen Traversères. Warum dort, darauf wird nur angespielt in Simon Baumanns Film: Gab es politische Gründe – gerade der Vater scheint mit der Schweiz unzufrieden, lässt anklingen, dass er lieber „in Europa“ lebt – oder war ein solcher Hof in der Schweiz nicht für das Geld zu haben, das da war? Einen Hof (den mit dem Novilon-Boden) besaß man schon in der Schweiz, in Suberg, einem kleinen Ort, über den Simon Baumann bereits 2013 einen Dokumentarfilm gedreht hat. Der Schweizer Hof ging aber früh an Kilian, genauso, wie eine dazugehörende Ölfabrik an Simon ging, bevor die Eltern nach Frankreich auswanderten. Nun sind sie im fortgeschrittenen Alter.
Ob sie noch zehn oder zwanzig Jahre haben, ist etwas, was gerade Ruedi umtreibt. Ob gesund oder pflegebedürftig, ist eher Stephanies Sorge. Kurz: Was aus dem Hof in Frankreich wird, später einmal, wenn sie nicht mehr sind, darum dreht sich dieser eindrucksvoll intime, zärtliche, die Konfrontation über Themen, die schmerzen nicht vermeidende und dabei auch ganz große Fragen ansprechende Film. Hier kommen die Söhne ins Spiel, die bereits durch einen Nachlass zu Lebzeiten von den Eltern bedacht wurden. Dass schon das nicht nur Ent-, sondern auch Belastung sein kann, erfährt man im Film auch: Simon, der sich bewusst ist, als Erbe überaus privilegiert zu sein und auch eingesteht, dass ihm der relative Wohlstand der Eltern ermöglichte, eine eher brotlose Kunst, das Filmen, zu erlernen, hat nach der Restauration seiner Mühle hohe Schulden.
Fluch und Segen zugleich ist also der Besitz der Eltern, weniger für sie selbst, als für die Nachkommen, die eine Haltung zu der Aussicht auf 70 weitere Hektar samt Wohnhaus und Stallungen entwickeln müssen, noch dazu weit entfernt vom eigenen Lebensmittelpunkt.
Es bilden sich zwei Lager: Da ist der Vater, der noch immer ein Album aus seiner Kindheit mit ausgeschnittenen Traktoren aus Katalogen für Landwirtschaftsbedarf besitzt, die verwirklichte Biodiversität des Hofes preist und das große Lob der Selbstversorgung singt, mit dem sich Simons Bruder Kilian einig ist, den französischen Grund und Boden keinesfalls zu veräußern. Obwohl Kilian genug mit dem eigenen Hof und der politischen Karriere daheim zu tun hat. Da sind Simon, der an einen Umzug an den Fuß der Pyrenäen nicht denken kann oder mag, und seine Mutter, die eher die Schönheit des Ortes, der Orchideenwiese besonders, schätzt, die aber auch weiß, dass Krankheit und Hinfälligkeit im Alter jede Verhaftung mit dem eigenen Grund und Boden relativieren können.
Simon Baumanns Film „Wir Erben“ durchdringt an einem Sonderfall etwas sehr Allgemeines. Ein Sonderfall sind seine Eltern, schon weil sie, wie ihnen der Sohn auch vorhält, zwar als Politiker immer für „Gerechtigkeit“ eingetreten sind, aber möchten, dass ihre Söhne einmal mehr Besitz anhäufen, als sie selbst nutzen können – und dafür auch steuergünstige Mittel und Wege suchen. Das Verhältnis des Filmemachers zu den Eltern und ihrem Lebensstil ist durchaus gespalten. Über die vielen Fernsehauftritte in ihrer aktiven Zeit als Politiker sagt er, dazu zeigt der Film Archivmaterial aus dem Schweizer Fernsehen: „Gern geredet haben sie schon immer. Die laute Stimme der Mutter, der Zeigefinger von meinem Vater. Seine provokative Art. Ich habe mich für sie geschämt. Und ich bewunderte sie.“
Doch Simon Baumann versucht auch, zu verstehen, was die Eltern zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Meisterhaft geschieht das anhand zweier Familienfotos: Da ist die Familie der Mutter, die immer davon geträumt habe, ein eigenes Haus zu besitzen und sogar im Sonntagsstaat wandern ging. Da ist die Familie des Vaters, viel einfacher gekleidet. Als Bauern hätte man die Sicherheit des eigenen Grund und Bodens gehabt. Wer brauchte da schon den öffentlichen Anschein, dass es einem besser ging als anderen?
Was wir von den Generationen vor uns erben, sind, jenseits des Materiellen, auch Probleme, und wie mit ihnen umgegangen wurde in diesen Generationen, das macht Baumanns Film überdeutlich: „Wir erben die Widersprüche unserer Eltern, ihre Hoffnungen, ihr Festhalten. Wir erben Fleischessen und Fernsehen. Benzin, Nikotin. Wir erben Abhängigkeit. Pestizide. Wir erben die Bauernschweiz. Die Arbeiterschweiz. Den Traum vom eigenen Haus. Wir erben Ungerechtigkeit. Nicht über Geld reden, niemandem sagen, wenn es einem schlecht geht. Wir erben Papierberge, Dia-Sammlungen, Photovoltaik.“
Source: welt.de