„Hier ist dasjenige Leben besser“ – Bewerber aus aller Welt zu Händen den Bundesfreiwilligendienst
Der Bundesfreiwilligendienst sollte die Lücke schließen, die die Abschaffung des Zivildienstes in vielen sozialen Einrichtungen gerissen hat. Seit die Altersgrenze der „Bufdis“ hochgesetzt wurde, bewerben sich auch Menschen mit ausländischen Wurzeln, die in Deutschland bleiben wollen.
Tschuki, so nennen die Menschen an ihrem Arbeitsplatz Munkhchuluun Otgondulam, ist Ärztin. Sie hat fünf Jahre in ihrer Heimat, der Mongolei, Medizin studiert und anschließend zwei Jahre als Hygieneärztin gearbeitet. In Bad Homburg bei Frankfurt am Main ist sie soziale Betreuerin im Altenpflegeheim Rind’sches Bürgerstift.
Die 28-Jährige arbeitet dort ein knappes Jahr lang als Freiwillige – möglich macht es der Bundesfreiwilligendienst (BFD) 27 plus. Für die „Bufdis“ gilt nicht die Altersgrenze anderer Freiwilligendienste bis 26 Jahre. Im vergangenen Jahr waren nach Angaben des Bundesamtes für Familie 23 Prozent der 33.250 Bufdis 27 Jahre und älter.
Nach Einführung des BFD 2011 als Reaktion auf die Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes bewarben sich vor allem Menschen in persönlichen Umbruchsituationen als Freiwillige, etwa in Arbeitslosigkeit, beruflicher Umorientierung oder Eintritt in den Ruhestand, wie Jörg Schäfer von der Diakonie Hessen berichtet.
„Jetzt bewerben sich bei der Diakonie Hessen fast nur noch ausländische Au Pairs, überwiegend Frauen Ende 20, die einen Anschlussaufenthalt in Deutschland suchen.“ Im Jahr 2012 kam erstmals ein Freiwilliger aus dem Ausland, die Zahl stieg fast jedes Jahr kräftig an. 2025 kamen bundesweit 4.191 Bufdis aus dem Ausland, 13 Prozent aller Freiwilligen.
Als Ärztin soziale Betreuerin im Altenheim
Tschuki will künftig in Deutschland leben und arbeiten. Deutsch gelernt in der Praxis hat sie zunächst in einer Au-Pair-Familie im baden-württembergischen Balingen, als Bufdi in Bad Homburg verbessert sie ihr Deutsch weiter.
„In der Mongolei gibt es ein einziges Altenheim“
„Die Arbeit im Altenheim passt“, sagt sie. „Ich lerne jeden Tag etwas Neues kennen und ein neues Wort“ – so wie aktuell „Rollstuhl“ und „Fußstütze“. Als soziale Betreuerin singt sie mit den Alten, macht Gymnastik vor, begleitet auf Spaziergängen, liest vor oder bastelt mit den Bewohnern. Pflegetätigkeiten darf sie trotz ihrer Vorbildung nicht ausführen.
Überrascht hat die Freiwillige, wie viele Altenheime es in Deutschland gibt. „In der Mongolei gibt es ein einziges Altenheim“, erzählt sie. „Die Familie muss sich um ihre Angehörigen selbst kümmern.“ An ihrer Arbeitsstelle habe sie sich inzwischen an die Aussprache mancher Bewohner gewöhnt. „Ich muss immer laut sprechen“, sagt sie und lacht. Sie fügt an: „Manchmal ist es traurig zu hören, wenn jemand sagt: Ich will sterben.“
Ausländische Freiwillige machen die IT-Beratung im Altenheim
Derzeit arbeiten im Rind’schen Bürgerstift zwei ausländische Freiwillige, neben Tschuki noch eine junge Thailänderin. Ihr Einsatz hat nach Aussage der Leiterin der sozialen Betreuung, Kerstin Becker, zwei Seiten: Einerseits seien die Freiwilligen eine Hilfe bei der Freizeitgestaltung, denn dafür hätten die Pflegekräfte keine Zeit. Andererseits hänge ihr Einsatz an den Deutschkenntnissen. Anfangs habe es Verständigungsprobleme gegeben, die Freiwilligen müssten an die Hand genommen und unterstützt werden. Doch demnächst übernähmen sie eigenverantwortlich etwa die Aufgabe der IT-Beratung für die Bewohner.
Das größte Problem für die Bufdis 27 plus sei die Unterkunft, erläutert Jörg Schäfer von der Diakonie Hessen. Er hat derzeit 38 Personen ab 27 Jahren in Hessen vermittelt. Die Freiwilligen erhielten ein Taschengeld von 600 Euro im Monat, dazu ein ÖPNV-Ticket für Hessen. Das reiche normalerweise nicht für eine Miete und den Lebensunterhalt. „Die fehlende Unterkunft ist der häufigste Ablehnungsgrund.“
Tschuki hat Glück: Das Bürgerstift hatte zwar kein Zimmer für sie frei, aber eine Tante in Deutschland finanziere ein Zimmer für sie.
Ihre Zukunft plant Tschuki in Deutschland: „Hier ist das Leben besser“, sagt sie. Abends und am Wochenende lerne sie weiter Deutsch. Nach dem Freiwilligendienst wolle sie sich für eine Ausbildung zur Pflegefachkraft bewerben, später vielleicht die Zusatzqualifikationen für ausländische Mediziner erwerben und Ärztin werden. „An Deutschland mag ich die Menschen und die Natur, das Essen nicht“, sagt sie und lächelt.
epd/krott
Source: welt.de