Wir erfordern ein souveränes europäisches KI-Natur
Bei der Hannover-Messe wird in diesem Jahr erneut Künstliche Intelligenz im Fokus stehen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche fordert in diesem Gastbeitrag für WELT mehr europäische KI-Souveränität. Dabei definiert sie auch die Rolle des Staates sehr eindeutig.
Künstliche Intelligenz ist dabei, in rasanter Geschwindigkeit alle gesellschaftlichen Bereiche zu verändern. Die Gefahr, dass wir im globalen Wettbewerb unaufholbar abgehängt werden, ist real. Die USA und China formulieren offensiv den Anspruch auf Technologieführerschaft und investieren mit enormer Kraft. Das stellt auch das deutsche Wirtschafts- und Wohlstandsmodell vor große Herausforderungen.
Wer die Technologien der Zukunft beherrscht, wird in einer digitalisierten Welt Wohlstand sichern. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Entscheidend ist, ob wir sie jetzt konsequent genug umsetzen. Viel Zeit bleibt uns nicht.
Die Antwort kann nur sein, KI in Deutschland und Europa zum Wertschöpfungstreiber zu machen. Dafür brauchen wir ein starkes europäisches KI-Ökosystem. Und wir haben dafür gute Voraussetzungen – vor allem in der Industrie. Die entscheidenden Fortschritte werden nicht nur bei großen Sprachmodellen entstehen, sondern vor allem bei spezialisierten Anwendungen und konkreten industriellen Lösungen.
Dass die Industrie bereits im Fokus internationaler Investoren steht, ist kein Zufall. Wenn angekündigt wird, Industrieunternehmen gezielt mit KI zu modernisieren und zu automatisieren, dann ist das auch ein Signal: Wir müssen diese Transformation selbst in die Hand nehmen.
Allein auf die Nutzung außereuropäischer Lösungen zu setzen, wäre ein Fehler. Echte Souveränität entsteht nur, wenn wir eigene Technologien und Anwendungen entwickeln.
Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Industrielle KI unterscheidet sich grundlegend vom Konsumentengeschäft. Sie basiert nicht allein auf öffentlich zugänglichen Daten, sondern auf dem tiefen Industriewissen unserer Unternehmen. Eine KI, die unzuverlässig ist, hilft niemandem. Entscheidend sind präzise, anwendungsnahe Lösungen. Diese müssen zuverlässig 24 Stunden, 365 Tage im Jahr funktionieren.
Industrielle KI ist ein Gemeinschaftsvorhaben
Die Daten aus Produktentwicklung, Produktion und Prozessen sind ein zentraler Wettbewerbsvorteil der Industrie in Deutschland und Europa. Dieses Potenzial müssen wir stärker nutzen – auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Das gelingt nur in einem offenen Ökosystem, das Zusammenarbeit ermöglicht und gleichzeitig die Souveränität von Daten wahrt. Industrielle KI ist kein Projekt einzelner Unternehmen, sondern ein Gemeinschaftsvorhaben. Zentral organisierte Plattformansätze greifen hier zu kurz. Gefragt sind kooperative, vertrauensbasierte Strukturen, in denen Innovation entstehen kann.
KI ist ein zentraler Hebel für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Anwendungen wie vorausschauende Wartung, automatisierte Prozesse oder Robotik und autonome Systeme zeigen bereits heute, welches Potenzial in ihr steckt. Gleichzeitig wird KI industrielle Wertschöpfungsketten weiter verändern.
Was heißt das konkret? KI braucht mehr Rechenkapazitäten. KI braucht eine leistungsfähige Infrastruktur und den Strom dafür. KI braucht Daten. KI braucht Talente. KI braucht umfangreiche Investitionen. Und sie braucht einen Rahmen, der Innovation ermöglicht und Anwendung erleichtert. Diese Voraussetzungen müssen wir schnell schaffen.
Damit industrielle KI ihre Wirkung entfalten kann, müssen auch kleine und mittlere Unternehmen teilhaben. Entscheidend ist ein Ökosystem, in dem große Unternehmen, Start-ups, Forschung und Mittelstand zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Die Rolle des Staates ist klar – und begrenzt. Innovation entsteht in Unternehmen, nicht in Ministerien. Aufgabe der Politik ist es, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen und gezielt zu unterstützen, etwa beim Transfer von Know-how und bei der Förderung neuer Technologien.
Gleichzeitig geht es um mehr als wirtschaftlichen Erfolg. Leistungsfähige und souveräne KI-Systeme sind auch für die Sicherheit und Handlungsfähigkeit Europas von Bedeutung.
Mit europäischen Initiativen wie den Important Projects of Common European Interest setzen wir wichtige Impulse. Mit dem IPCEI-AI werden wir den Aufbau eines europäischen KI-Ökosystems insbesondere für die Industrie einen Schub verleihen. Mit dem IPCEI Advanced Semiconductor Technologies (AST) wird ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der Mikroelektronikstrategie der Bundesregierung geleistet. Deutschland stellt hierfür erhebliche Mittel bereit. Auch Strategien für Rechenzentren und neue industrielle Kapazitäten leisten einen Beitrag.
Die Entwicklung der KI schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran. Wenn Europa mehr sein will als ein reiner Anwender, müssen wir jetzt handeln. Entschlossen, gemeinsam und mit klarem Fokus auf unsere Stärken.
Katherina Reiche (CDU) ist seit 2025 Bundeswirtschaftsministerin im schwarz-roten Kabinett von Friedrich Merz. Die 52-jährige Chemikerin war vor ihrer Zeit als Ministerin unter anderem Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) und Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG.
Source: welt.de