Agatha Christie: Die erfolgreichste Autorin welcher Welt

Zu seinem Job ist der groß gewachsene Brite, der im Begriff ist, eine beispiellose Erfolgsgeschichte zu erzählen, durch Erbrecht gekommen. Der Mann heißt James Prichard, er ist der Urenkel der bekanntesten Kriminalschriftstellerin des Erdballs, und sein Job heißt „CEO of Agatha Christie Ltd.“ Schon sein Vater Mathew, von dem er vor zehn Jahren übernahm, hatte die Aufgabe, das aus Buchtantiemen, Verwertungsrechten und Marketingeinnahmen zu schwindelnder Höhe angewachsene Christie-Vermögen zu mehren. Allein die Tantiemen aus ihrem Theaterstück „Die Mausefalle“, das in London seit 1952 unentwegt auf dem Spielplan steht, sollen den Christie-Erben mehr als vier Millionen Euro eingebracht haben. Und vier Millionen – das ist ungefähr die Zahl an Christie-Titeln, die jedes Jahr in rund hundert Sprachen verkauft werden.

Er habe nur blasse Erinnerungen an seine Urgroßmutter, sagt James Prichard jetzt, er will ehrlich sein, ein kleiner Junge, der gelegentlich eine Woche im Haus einer alten Dame verbringt, kriegt nicht viel mit. Aber dann kommen doch ein paar Familiengeschichten, denn das Haus der Urgroßmutter war groß, Agatha Christie muss Geselligkeit in einem gewissen Rahmen gemocht haben, und besonders erinnert Prichard sich an den Hund Bingo, der die unglückliche Neigung hatte, immer wenn das Telefon klingelte, jemanden zu beißen, und oft sei das eben Frauchen gewesen, die Schriftstellerin selbst.

Jedes Jahr ein Buch

Und dann ihr Tod, da war der kleine James kaum sechs Jahre alt, ihr Tod hinterließ einen tiefen Eindruck. Denn das ganze Land trug Trauer, als die große Dame der britischen Kriminalliteratur 1976 im Alter von 86 Jahren starb. Eine Ära, die Zeit des Landhaus-Mystery mit seinen kultivierten Morden und seinem behaglichen Lebenstempo, war mit ihrer Person zu Ende gegangen. Noch einmal war Christie ausführlich im Fernsehen zu sehen, so sehr, dass dem kleinen James der Mund offen blieb. „Wenn Sie die eigene Urgroßmutter in den Sechs-Uhr-Nachrichten sehen, wissen Sie: Das ist nicht normal.“

Sie war ein eher scheuer Mensch, diese Agatha Christie, geboren 1890 in der britischen Grafschaft Devon, Autorin von „Tod auf dem Nil“, „Mord im Pfarrhaus“ (dem ersten Krimi mit einer Ermittlerin namens Miss Marple) und „Alibi“, wohl bekannter unter dem Originaltitel „The Murder of Roger Ackroyd“, erschienen vor hundert Jahren. Ihre Bücher schrieb sie, wenn’s sein musste, auch unterwegs, etwa auf dem Weg in den Vorderen Orient, wo ihr zweiter Ehemann archäologische Ausgrabungen leitete, und als sie ihre Arbeitsroutine einmal entwickelt hatte, kannte ihre Produktivität kaum noch Grenzen. Schon 1926, so heißt es in ihrer postum erschienenen Autobiographie, hatte sie das Gefühl, „dass es mir nicht schwerfallen würde, jedes Jahr ein Buch zu schreiben und auch noch ein paar Kurzgeschichten“. Dennoch wäre es ihr nicht in den Sinn gekommen, sich „Schriftstellerin“ zu nennen. Sie sah sich als Hausfrau. Eine Hausfrau, die nebenbei schrieb. Und sie hatte dafür nie ein eigenes Zimmer. „Ich brauchte nichts weiter als einen festen Tisch und eine Schreibmaschine.“

FÜR FAS-FEU / Thema - Agatha Christie: James Prichard.
FÜR FAS-FEU / Thema – Agatha Christie: James Prichard.The Christie Archive Trust

Wichtig: Wie lang darf ein Roman sein?

In ihrer Arbeit verfolgte sie eiserne Prinzipien, wie sie ebenfalls in ihren Memoiren verriet. „Wenn du ein Buch schreiben willst, informiere dich, welchen Umfang Bücher haben, und richte dich danach.“ Und nicht der Mörder interessierte sie, sondern sein Opfer. Auf Gewalt konnte sie, die als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg eine Menge über Gifte und die Wirkung medizinischer Substanzen gelernt hatte, völlig verzichten. Keine Action stört den ruhigen Fluss ihrer Whodunnits, jeder Roman besteht aus knappen Beschreibungen, knappen Dialogen und einem überaus sorgfältig ausgetüftelten Plot, der in manchen Büchern zum manieristischen Kunstwerk anwächst, aber immer so, dass bei Lesern und Leserinnen die Illusion entsteht, mit ein wenig scharfem Nachdenken hätten sie auf den Mörder kommen können.

Doch irgendetwas ist in den letzten Jahren passiert – mit ihr, ihrem Werk, ihrem Nimbus, und vermutlich ist ein ganzes Bündel von Ursachen dafür verantwortlich. Krimis haben das enge Gehäuse der Genreliteratur verlassen, das Odium billiger Schundheftchen abgestreift und sind zu einem kulturellen Massenphänomen geworden, das sich in unzählige Subgenres auffächert, von regionalen Varianten (Venedig-Krimi, Bretagne-Krimi, Köln- oder Norderney-Krimi) bis zur thematischen Akzentuierung – Forensik, Großstadt, Thriller, Noir, Action und so weiter. Niemand findet es mehr anrüchig, Kriminalromane zu lesen.

Agatha Christie im Sommer 1962 auf dem Rollfeld des Nürnberger Flughafens, kurz vor der Weiterfahrt zu den Bayreuther Festspielen
Agatha Christie im Sommer 1962 auf dem Rollfeld des Nürnberger Flughafens, kurz vor der Weiterfahrt zu den Bayreuther Festspielenpicture alliance / Hilde Pohn

Für James Prichard ist seine Urgroßmutter die treibende Kraft dieser Popularisierung. Doch irgendwo auf diesem langen Weg habe die Öffentlichkeit etwas aus den Augen verloren. Denn trotz oder gerade wegen einer Gesamtauflage von rund zwei Milliarden Exemplaren weltweit – eine „alte Zahl“, wie Prichard anmerkt – sei Agatha Christie nie die literarische Qualität zugebilligt worden, die sie in den Augen ihres Urenkels verdient hat. Und das, man spürt es, ist seine Mission: Er würde die kommerziell erfolgreichste Autorin der Welt gern literarisch nobilitiert sehen. Es soll nicht nur um Kohle gehen, sondern auch um Klasse.

„Bücher haben wir ja immer verkauft“, sagt Prichard. „Aber was mich heute beeindruckt, ist der Respekt, der dem Werk meiner Urgroßmutter aus allen Bereichen entgegengebracht wird.“ Das trifft zweifellos zu. Die Kulturwissenschaften haben sie ebenso umarmt wie Filmstars, von Kenneth Brannagh bis Hugh Laurie. Alle, wirklich alle sind von ihren Büchern fasziniert. „Das wäre vor zwanzig oder dreißig Jahren nicht möglich gewesen“, sagt Prichard und fügt an, die Gönnerhaftigkeit gegenüber Christies künstlerischen Meriten könne auch damit zu tun gehabt haben, dass sie eine Frau war. „Scribbling women“, so lautete schon im 19. Jahrhundert der abfällige Begriff der Männerwelt für Autorinnen, welche die (damals noch nicht existierenden) Bestsellerlisten anführten.

Die Klasse von „Mord im Orient-Express“

Die erste große Welle, sagt der Urenkel, bildete sich kurz vor Christies Tod, also vor fünfzig Jahren. Darstellergrößen wie Albert Finney und Peter Ustinov spielten in populären Verfilmungen, die aus den Stoffen der „Lady of Crime“ so etwas wie ein nationales Kulturerbe machten. Mord lag wieder in der Luft. Und das sei vor allem die Leistung der Schriftstellerin gewesen, die dem literarischen Mord und seiner Auflösung in 66 Romanen, 150 Storys und 20 Theaterstücken eine wiedererkennbare Form gegeben habe.

„Mord im Orient-Express“ (1934) zum Beispiel, mehrfach verfilmt, ist tatsächlich ein bemerkenswerter Roman: kurz, konzentriert und mit brillanten Dialogen, die das eher große Personal mit wenigen Zeilen charakterisieren. So viel Handlung, so viele Figuren, die auf der Buchseite zum Leben erweckt werden müssen – und alles auf engstem Raum! Auch die Konstruktion ist ungewöhnlich, denn der Roman beschreibt einen Kollektivmord, der auf einen brutalen, weit zurückliegenden Kindesmord Bezug nimmt. Wie die Autorin das Damals mit dem Heute verschränkt und neben der Recherche ihres Helden Hercule Poirot eine schillernde kosmopolitische Welt aus mehr als einem halben Dutzend Nationalitäten auf die Seite zaubert, ist ein Bravourstück erzählerischer Ökonomie.

Auch China ist süchtig nach ihr

Weil es einmal eine Agatha Christie gab, so könnte man ihre kulturelle Leistung zusammenfassen, handelt ein guter Teil der Literaturproduktion eines ganzen Landes vor allem davon, dass in Bibliotheken, Eisenbahnzügen, Theatergarderoben, auch auf Golfplätzen oder an Bushaltestellen ständig Leichen herumliegen. Das wiederum solle nicht heißen, so Prichard, seine Urgroßmutter habe Mord leicht genommen. Agatha Christie ging es darum, die Ordnung eines beschädigten Universums wiederherzustellen. Weil ihr Werk eine so deutliche moralische Qualität hat, sucht sich Prichard sehr sorgfältig aus, wer es verfilmen, vertonen, benutzen oder weiterentwickeln darf.

Kürzlich war er in China und hat sich dort zwei Christie-Theaterstücke angesehen, beide ausverkauft. Auch die Verfilmungen reißen nicht ab; jüngst gab’s den Netflix-Dreiteiler „Seven Dials“, der mit einer spektakulären Szene in der Stierkampfarena von Ronda einsetzt. Und die britische Autorin Lucy Foley hat eine Fortsetzung zu Miss Marple gestrickt, man nennt das mit dem Branchenbegriff „continuation novel“.

Der Grund, warum Prichard in diesen Tagen gerade nach Deutschland kommt, ist allerdings ein Novum im Christie-Vermarktungsspektrum. Die Videogame-Firma Wooga in Berlin-Kreuzberg hat es geschafft, den Detektiv Hercule Poirot in das existierende Videospiel „June’s Journey“ einzubauen. Das eher gemächlich voranschreitende Game um die junge Ermittlerin June Parker richtet sich vor allem an Spielerinnen jenseits der fünfzig, aber dort hat es kräftig eingeschlagen. Und wer würde besser in die idyllische Welt der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts passen als der herausgeputzte belgische Detektiv mit seinen „kleinen grauen Zellen“ und dem pazifistischen Auftreten? Poirot verkörpert, wie Sherlock Holmes vor ihm, die „Theologie des Kriminalromans“: Das böse Schaf wird aussortiert, damit die Herde wieder in Ruhe grasen kann. Es ist nur folgerichtig, dass die Bilderwelt von „June’s Journey“ mit Landhaus-Romantik und blühenden Bäumen an das Paradies erinnert, um dessen Reparatur es im Krimi geht.

„Niemand hätte sich träumen lassen“, hat Agatha Christie in ihrer Autobiographie geschrieben, „dass man eines Tages Kriminalromane wegen ihrer Schilderungen von Gewalttaten lesen und die Brutalität genießen würde.“ In dieser Beziehung ist sie wohl überholt worden, selbst aber umso liebenswerter geblieben. Und noch eine Weisheit hat sie hinterlassen, ohne vom digitalen Wahnsinn der Gegenwart auch nur entfernt etwas zu ahnen: „Die ‚Hasser‘, wie ich sie nenne, stellen nur eine kleine Minderheit dar; doch wie alle Minderheiten tritt sie weit stärker in Erscheinung als die Mehrheit.“

Source: faz.net