Gestrandeter Wal: Wenn Schwurbler die Politik vor sich her treiben

Buckelwale sind riesige, scheue Tiere, die über Tausende Kilometer miteinander kommunizieren können. Was derzeit in der Wismarer Bucht geschieht, muss furchtbar für den dort gestrandeten Wal sein.
Motorboote umkreisen ihn, versuchen ihn in tieferes Wasser zu drängen. Menschen schmieren seinen verletzten Rücken mit Salbe ein, bedecken ihn mit Tüchern, spülen Sand unter ihm weg, versuchen ihn zu füttern. Es sind überwiegend Aktivisten und Influencer, die den Wal retten wollen. „Hope“ (Hoffnung) nennen sie ihn.
Der Umgang mit dem Wal ist von Inkompetenz und Selbstdarstellertum geprägt. Der Wal ist verletzt und krank, fünf Mal schon ist er gestrandet. Vermutlich tat er das gezielt, weil er geschwächt ist. Buckelwale gelten als hervorragende Navigatoren.
Zunächst handelten die Behörden vorbildlich
In Mecklenburg-Vorpommern handelten die zuständigen Behörden zunächst vorbildlich. Sie richteten einen Sperrkreis ein, nur noch Fachleute durften sich nähern, etwa jene des Meeresmuseums von Stralsund. Ein wissenschaftliches Gutachten wurde erstellt. Ergebnis: Ein Rettungsversuch würde mehr schaden als nutzen, das Tier ist zu krank und geschwächt, man muss es verenden lassen.
Doch plötzlich schwenkte der zuständige Umweltminister Till Backhaus (SPD) um. Einer privaten Initiative wurde erlaubt, doch noch einen Rettungsversuch zu unternehmen. Vielleicht wurde der Druck der Tierschutzaktivisten zu groß.
Eine Tierärztin und Aktivistin aus Hawaii, die die Gruppe im Streit schon wieder verlassen hat, hatte die persönliche E-Mail-Adresse von Backhaus veröffentlicht mit dem Aufruf, Druck auf den Minister auszuüben, damit dieser die Walrettung erlaube.
Das habe schließlich auch im Falle von Delfinen auf den Bahamas funktioniert. Vermutlich funktionierte es auch in Schwerin.
Influencer, Aktivisten, Tierärzte ohne Erfahrung mit Walen
Die Initiative besteht aus Influencern und Aktivisten sowie aus Tierärzten ohne jede Erfahrung mit Großwalen, die entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis behaupten, der Wal habe draußen im Meer eine Chance. Ein Meeresbiologe, der sich mit Walen auskennt, ist nicht dabei.
Finanziert wird die Initiative von einem Unternehmer, der die Behörden verunglimpft und behauptet, der Wal könne aufgrund seiner Empathie erkennen, dass man ihm Gutes wolle. Rasch kam es in der Gruppe zum Streit. Einem Influencer wird von anderen Teilnehmern vorgeworfen, wieder nur an Selfies interessiert zu sein und das Tier zu gefährden.
Backhaus’ Umweltministerium erlaubte der Initiative den Rettungsversuch, weil dieser angeblich minimalinvasiv ist. Dabei wollen die Aktivisten den Wal auf einem Netz, das zwischen schwimmende Pontons gespannt wird, bis in die Nordsee transportieren. Eine absurde Idee und Tierquälerei. Unter Fachleuten herrscht Fassungslosigkeit.
Fern jeder wissenschaftlichen Expertise
Das zeigt: die Politik ist im Falle des Buckelwals zur Getriebenen von Aktivisten und Schwurblern geworden, die fern jeder wissenschaftlichen Expertise die Rettung eines Tieres propagieren, das nicht gerettet werden kann.
Statt einzusehen, dass es manchmal das Beste ist, ein Tier in Ruhe zu lassen, quälen die Aktivisten den Wal mit ihrem Aktionismus. Und statt sich den wirklich wichtigen Themen zu widmen, etwa dem desaströsen Zustand der Ostsee, werden enorme Ressourcen in eine Aktion gesteckt, die mehr Schaden als Nutzen erzeugt.
Zugleich untergraben die Aktivisten das Vertrauen in die zuständigen Institutionen und in die Politik. Etwa, indem sie den Forschern vorwerfen, nur an Kadaver und Knochen des Tieres interessiert zu sein. Sie behaupteten auch, die zuständigen Behörden legten ihnen Steine in den Weg.
Dabei tun die Behörden in vorauseilendem Gehorsam alles, um den Aktivisten zu gefallen. Im Internet werden sie parallel überhäuft von Drohungen und Verunglimpfungen, angestachelt wird das durch die Aktivisten.
In Skandinavien schütteln Wissenschaftler nur den Kopf
In den nordischen Ostseeanrainerstaaten, wo das Vertrauen in Behörden und Wissenschaft ungleich höher ist, ruft das deutsche Vorgehen Erstaunen hervor. Mit Unglauben reagieren dortige Wissenschaftler. Auch darauf, dass die deutschen Behörden all das überhaupt zulassen.
In Deutschland sollte der Fall Sorgen bereiten und Anlass zum Umdenken sein. Denn wenn den Behörden bei einem Tier die Dinge so schnell entgleiten, wie wird es dann erst sein, wenn es einmal wirklich darauf ankommt? Etwa im Falle einer Krise, einer Mangellage oder eines hybriden Angriffs?
Ein externer Akteur dürfte dann gezielt versuchen, vorhandenes Misstrauen und bestehende Spaltungen in der Gesellschaft noch zu vertiefen, sowie Menschen, die sich längst von den etablierten Medien verabschiedet haben, in sozialen Netzwerken noch weiter in die Extreme zu treiben. Der Fall des Wals zeigt: Der Boden dafür aus einem tiefen Misstrauen gegen Wissenschaft und Politik ist längst bereitet.
Source: faz.net