Energiewende: Arbeitet Ministerin Reiche mit „Tricks“ und „Täuschung“?

Hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Energiewende ins Lächerliche gezogen? Hat sie „falsche Zahlen“ verbreitet? Hat sie „gezielt irreführende“ Behauptungen aufgestellt? Hat sie Fakten „perfide verdreht“? Arbeitet sie mit „Tricks“? Hat sie ein „methodisch durchkomponiertes Desinformationsdokument“ veröffentlicht?
So lauteten die Vorwürfe in sogenannten Faktenchecks, nachdem Reiche in der F.A.Z. Korrekturen in der deutschen Energiepolitik gefordert hatte. Solche „Faktenchecks“ sind üblich, wenn Politiker starke Behauptungen aufstellen, sich dabei auf Zahlen stützen und gegen eine liebgewordene Politik polemisieren. Aber halten die Faktenchecks, die jenseits der Wahrheitsfindung meist noch andere Interessen haben, ihrerseits einem Faktencheck stand?
Ist der Strompreis „explodiert“?
Die erste angebliche Falschinformation: der Strompreis. Reiche schrieb, er sei „explodiert“ – während sich die deutsche Politik an ihre Klimaschutzziele geklammert habe.
Gemeint war also: mittel- und langfristig; unterstellt wurde ihr aber: kurzfristig. Das ließ sich leicht widerlegen, weil der Strompreis in den vergangenen Monaten nicht „explodiert“ ist. Wohl aber zeigt die Kurve langfristig steil nach oben. Vor 20 Jahren war die Kilowattstunde in Deutschland noch für gut 13 Cent zu haben, heute liegt sie bei 37 Cent.
Das eine Explosion zu nennen, ist keine Übertreibung. Grund für diese Steigerung waren nicht allein, aber auch die erneuerbaren Energien – vornehmlich durch die EEG-Umlage und die Subvention für den Netzausbau. Stabilisiert hat sich der Preis unter anderem, weil die EEG-Umlage nicht mehr den Strompreis belastet.
Die Energiewende hängt vom Gas ab
Richtig ist der Hinweis, dass es nicht allein die Energiewende ist, die zu höheren Strompreisen führt. Vielmehr seien im europäischen Preisbildungssystem die gestiegenen Gaspreise verantwortlich, heißt es in den „Faktenchecks“. Das gilt allerdings auch für andere europäische Länder, wo der Strompreis wesentlich niedriger liegt. Und warum ist die deutsche Energieversorgung einseitig auf Gaskraftwerke angewiesen?
Da ist man dann doch wieder bei der Energiewende. Eine andere Quelle, die eine Versorgung überbrücken könnte, bis das Ziel der Energiewende, eine rein „grüne“ und klimaneutrale Stromversorgung, erreicht ist, gibt es nach dem Kohle- und Atomausstieg in absehbarer Zeit nicht mehr. Ob „grüner“ Wasserstoff, der Erdgas eines Tages ersetzen soll, billiger sein wird, ist unwahrscheinlich.
Drei Milliarden Euro für ungenutzten Strom?
Zweite angebliche Falschinformation: Reiche behauptete, fast drei Milliarden Euro würden allein dafür gezahlt, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können.
Das sei falsch, hieß es, weil die Entschädigung für die Betreiber von Wind- und Solarkraftanlagen, deren Strom nicht abgenommen werden konnte, zuletzt „nur“ rund 554 Millionen Euro betragen habe. Das stimmt. Der Rest der sogenannten Redispatch-Kosten („Netzengpassmanagement“) wird für konventionelle Kraftwerke ausgegeben.
Ganz unschuldig sind Wind- und Solarkraft daran aber nicht. Der Betrieb konventioneller Kraftwerke wird teurer, wenn sie öfter hoch- und wieder abgeregelt oder nur auf Reserve für Dunkelflauten vorgehalten werden müssen.
Unwucht in der Versorgung
Der entscheidende Grund ist aber, dass sich durch den Ausbau der erneuerbaren Energien ein Ungleichgewicht entwickelt hat: Der Strom wird zum erheblichen Teil nicht mehr dort produziert, wo er gebraucht wird. Noch weiter verschoben haben sich die Gewichte durch die Stilllegung der verbliebenen Kernkraftwerke. Die Unwucht auch noch zu subventionieren lehnt Reiche ab.
Zum Vergleich: Vor dem Ausbau der erneuerbaren Energien bewegten sich die Redispatch-Kosten in einem niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Bezieht man die Kosten für Reservekapazitäten und Stromhandel mit ein, lagen sie in jüngster Vergangenheit zeitweise sogar höher als die von Reiche genannten drei Milliarden Euro. Wenn es heißt, Solar- und Windkraft trügen zur Verbilligung des Strompreises bei, werden die Kosten für Netzausbau, Redispatch, Speicherung, Reservekapazitäten und „grünen“ Wasserstoff gern weggelassen.
Wie hoch sind die jährlichen „Systemkosten“?
Dritte angebliche Irreführung: Die „Systemkosten“ der Energiewende, so Reiche, lägen jährlich bei aktuell mehr als 36 Milliarden Euro und erhöhten sich in den kommenden Jahren auf 90 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Angaben finden sich im „Strommarktreport 2026“ des Beratungsunternehmen McKinsey und zählen zusammen, was durch die Energiewende anfällt: Kosten für EEG, Kapazitätsreserve, Netzreserve, Redispatch, Netzausbau. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass erneuerbare Energien zwar an der Börse zu niedrigen Strompreisen führen, die Systemkosten bei stark steigendem Strombedarf aber so hoch bleiben, dass der positive Effekt auch auf Dauer ausbleibt.
Kritiker bemängeln an der Studie, dass zur Rechnung auch die Kosten der fossilen Energieträger gehörten: Erneuerbare verringerten die Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle, für deren Import derzeit noch mehr als 80 Milliarden Euro jährlich ausgegeben werden müsse.
Die McKinsey-Studie geht darauf nicht ein. Zumindest der Import von Gas wird aber auch 2035 eine wichtige Rolle spielen. Wie hoch die Kosten dafür sind, hängt unter anderem vom CO2-Preis ab. Steigen dürften auch die Importkosten für Wasserstoff. Die große Unbekannte lautet zudem: Wie viel Energie brauchen wir in zehn Jahren?
Vierte angebliche Irreführung: Reiche wies darauf hin, dass nur ein knappes Sechstel dieses „Primärenergiebedarfs“ auf Strom entfalle. Da erneuerbare Energien die Hälfte davon lieferten, trügen sie insgesamt nur ein Zwölftel des Energiebedarfs bei.
Richtig ist, dass der Primärenergiebedarf sinkt, je effizienter die Energiequellen sind. Erneuerbare sind eben das: effizienter als andere Quellen. Es müsse also, so die Kritiker Reiches, nicht sechsmal so viel Energie geliefert werden, um den Bedarf zu decken. Das hatte Reiche allerdings auch nicht behauptet.
Source: faz.net