Trotz Energiewende: Warum ist Europa so unmündig?

Zu Beginn des Jahrhunderts importierten die EU-Staaten 56 Prozent ihrer benötigten Energie. Seither wurden Billionen Euro in erneuerbare Energien investiert. „Freiheitsenergien“ nannte sie der frühere FDP-Vorsitzende Christian Lindner eine Zeit lang. Energiepolitisch frei ist Europa aber trotz aller Investitionen nicht geworden. Die Energieabhängigkeit der 27 EU-Staaten lag den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge bei 57 Prozent des Primärenergieverbrauchs. Wie kann das sein?
Der Grund dafür ist nicht, dass der Primärenergieverbrauch gestiegen wäre. Im Gegenteil, er ist in der EU tendenziell rückläufig. Das hat mit einer effizienteren Nutzung fossiler Energie zu tun, vor allem aber mit dem höheren Anteil erneuerbarer Energie. Denn im Vergleich zu Kohle, Öl und Gas sind die Verluste viel geringer, wenn Elektrizität genutzt werden kann. Wer ein Verbrennerauto fährt, wandelt einen erheblichen Teil des verbrauchten Öls in Wärme um. Ein E-Auto kann viel mehr der eingesetzten Energie für die Fahrt umsetzen. Für die Statistik des Primärenergieverbrauchs ist die relative Ineffizienz zum Beispiel von Verbrennungsmotoren aber unerheblich, bilanziert wird, welche Menge an Energieträgern benötigt wird.
Das führt zu einer ersten Erklärung: Europa, auch Deutschland, ist mit der Elektrifizierung nicht so weit wie andere Staaten, die ebenfalls selbst über verhältnismäßig wenig eigene Öl- oder Gasvorkommen verfügen. Japan etwa setzt seit Jahren auf eine rasche Elektrifizierung, auch China und Südkorea setzen im Energiemix mehr auf Strom. Auf diese Weise wäre es auch in Europa möglich, mit dem Ausbau von Windkraft, Solarstrom, Batterien und Biomasse die Abhängigkeit von fossilen Importen zu reduzieren – wenn zugleich auch Bereiche elektrifiziert würden, in denen sich Europa mit Elektrisierungsfortschritten schwertut: Industrieprozesse, der Verkehr und der Gebäudebereich, vor allem Heizungen.
Die behäbige Elektrifizierung ist nur ein Grund
Die meisten europäischen Staaten sahen für solche Umstellungen lange wenig Dringlichkeit und setzten auf günstiges Gas, vor allem aus Russland. In dem Maß wie das Land als Lieferant von Öl und Gas infolge des Ukrainekriegs immer weniger infrage kam, musste Europa andernorts nach Lieferanten suchen.
Für die Energieabhängigkeit der EU gibt es neben der eher behäbigen Elektrifizierung aber einen weiteren Grund: Während die Erneuerbaren in den meisten EU-Staaten zügig ausgebaut wurden und werden, ist die Förderung fossiler Energieträger deutlich zurückgegangen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes stammten 2024 etwa fünf Prozent des im Land verbrauchten Erdgases und etwa zwei Prozent des Inlandsverbrauchs an Mineralöl aus deutschen Quellen.
EU-weit liegt die Erdgasförderung heute nur noch bei etwa einem Viertel der Menge um die Jahrtausendwende. Die Kohleförderung ging in diesem Zeitraum etwa um die Hälfte zurück. Eine nennenswerte Produktion gibt es nur noch in Deutschland und Polen; die Tschechische Republik, Bulgarien, Rumänien und Griechenland fördern im kleineren Maßstab ebenfalls noch Kohle.
Nicht jeder EU-Staat ist so abhängig wie Deutschland
Zwischen den EU-Mitgliedstaaten gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Energieabhängigkeit. Deutschland und 14 weitere Unionsstaaten decken nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mehr als die Hälfte ihres Energieverbrauchs durch Importe. Estland hingegen ist zum Beispiel nur zu fünf Prozent von Energieimporten abhängig. Solche Abhängigkeiten wurden in einer globalisierten Welt lange Zeit zwar als Nachteil angesehen, die geopolitische Verwundbarkeit, die daraus resultiert, bestimmt aber erst angesichts der gegenwärtigen Kriege wieder stärker die Debatte. Damit rückt die Frage nach den Ländern in den Mittelpunkt, auf deren Lieferungen Europa angewiesen ist.
Russland spielt dabei anders als noch vor wenigen Jahren nur noch eine kleine Rolle. Die Vereinigten Staaten und Norwegen sind mittlerweile wichtige Lieferanten, nicht nur von Erdgas, sondern auch von Rohöl. Für Letzteres ist zudem Libyen ein wichtiger Lieferant. Etwa 13 Prozent der Rohölimporte stammten im vergangenen Jahr aus dem Nahen Osten, besonders aus Saudi-Arabien und dem Irak.
Beim Erdgas ist die Abhängigkeit von einzelnen Staaten deutlich höher, ein Drittel der EU-Importe stammte zuletzt aus dem befreundeten Norwegen. Ein Viertel wurde aus den USA geliefert, die durch Fracking im großen Maßstab in den vergangenen Jahrzehnten zum Energie-Exporteur geworden sind. Diese Stellung nutzt Washington zunehmend offensiv in Verhandlungen mit anderen Staaten. Mit dem Ziel amerikanischer „Energiedominanz“ verknüpfen die Vereinigten Staaten mittlerweile diverse handelspolitische Fragen wie Zölle mit Energieverkäufen. Auch die EU hat sich zur weiteren Abnahme amerikanischen Erdgases bereit erklärt – auch wenn unklar ist, wie verbindlich diese Zusage ist.
Die Denkfabrik Strategic Perspectives hat kürzlich analysiert, von wem Europa noch Gas kaufen müsste, wenn es gelänge, die eigene Wirtschaft bis 2040 etwa zur Hälfte zu elektrifizieren. Dann würde eine leicht gesteigerte europäische Erdgasproduktion zusammen mit Importen aus Großbritannien und vor allem aus Norwegen den Bedarf decken.
Unter deutschen Energieunternehmen, die Geld mit Strom verdienen, gibt es entsprechend große Sympathien. Markus Krebber, der Vorstandsvorsitzende von RWE, sagte kürzlich: „Je mehr wir elektrifizieren, desto weniger müssen wir fossile Brennstoffe importieren. Je weniger wir importieren, desto resilienter werden wir.“ Im Fall der erneuerbaren Energien gilt es dabei zu bedenken, dass Solarmodule und Batterien gegenwärtig vor allem in China produziert werden. Auch grüner Wasserstoff gilt als künftiges Importgut. Und im Fall der Atomkraft sind Uranimporte notwendig.
Source: faz.net