Prozess in Istanbul: »Ihr sollt nie wieder dasjenige Tageslicht sehen«
Auf einmal ertönt ein Schluchzen. Es kommt aus den Lautsprechern in einem Gerichtssaal für schwere Straftaten im Istanbuler Justizpalast Çağlayan, während ein Mann als Zeuge vernommen wird. Er hat die Familie Böcek aus Hamburg in ihren letzten gemeinsamen Momenten gesehen. Vor knapp sechs Monaten war das. Die Böceks waren auf einem Städtetrip in Istanbul, von dem sie nie zurückkehrten. Ihr Tod wird ab heute in der Türkei verhandelt.
Per Videoanruf sind die Eltern der verstorbenen Frau Böcek den Schilderungen des Zeugen zugeschaltet. Auf einem Bildschirm über der Richterbank ist zu sehen, wie die Mutter nicht aufhören kann, zu weinen. Die Eltern und der Bruder des verstorbenen Familienvaters sitzen im Gerichtssaal. Sie sind für diesen Tag extra angereist und lassen sich per Anwalt als Nebenkläger vertreten. »Sie haben zwei Generationen meines Lebens zerstört und mir vier Leben genommen«, sagt der Vater Yilmaz Böcek. Er wirkt gefasst, versucht vor der Verhandlung sogar kleine Scherze, um die Stimmung aufzulockern. Seine Ex-Frau und Mutter seiner Kinder schweigt die meiste Zeit. Nur kurz vor der Mittagspause dreht sie sich noch einmal in Richtung Anklagebank um: »Ihr sollt nie wieder das Tageslicht sehen«, ruft sie mit Tränen in den Augen.