Internationale Studie: Pollensaison wird länger und stärker
Allergieauslösende Pollen wie die von Erle und Birke fliegen früher und stärker als noch vor 30 Jahren. Verantwortlich ist der Klimawandel – das belegen neueste Daten einer internationalen Studie.
Die Daten des Lancet Countdowns zu Gesundheit und Klimawandel 2026 zeigen: Der Pollenflug von allergieauslösenden Bäumen wie Birke, Erle und Olive beginnt ein bis zwei Wochen früher als noch in den 1990er-Jahren. Teilweise sei die Pollensaison auch intensiver und länger, heißt es dort.
Betroffen sind neben Frankreich und Teilen Osteuropas auch Großbritannien und der Norden Deutschlands. In Spanien und der Türkei wirkt sich vor allem die Olivenpollen-Belastung aus.
Bis zu 20 Prozent stärkere Pollensaison
Der Grund für die Veränderung ist der Klimawandel. Er bringe höhere Temperaturen im Frühling, dadurch blühen die Bäume früher. Das Ergebnis: Eine 15 bis 20 Prozent stärkere Pollensaison mit höheren Pollenmengen in der Luft und eine teils längere Saisondauer.
Laut Lancet Countdown leiden in Europa je nach Region etwa vier bis hin zu 32 Prozent der Menschen an Heuschnupfen – häufig verbunden mit Asthma oder Bindehautentzündung, also roten, juckenden Augen. Die Pollen gelten hierfür als ein wichtiger Auslöser.
Asthmatiker leiden stärker und länger
Der Bericht legt zwar keine neuen klinischen Zahlen zu Beschwerden oder Medikamentenverbrauch vor, zieht aber dennoch klare Schlüsse: Besonders vorbelastete Menschen, etwa mit Heuschnupfen oder Asthma, seien potenziell stärker belastet.
Das bestätigt auch die Münchner Allgemeinmedizinerin Ulrike Siegmund. Sie beobachtet in ihrer Praxis, dass sich Patientinnen und Patienten mit Symptomen wie laufender Nase, Niesen, Augenjucken und Atemnot früher bei ihr melden, etwa die 75-jährige Patientin Gerlinde Kautschor. Sie hatte zehn Jahre lang keinen Heuschnupfen mehr. Seit zwei Jahren sind die Symptome wieder da. Sie bekommt die Allergie mit Tabletten gut in den Griff – bisher. Sollten die Symptome stärker werden, dann würde Siegmund ihre Patientin zum Allergologen schicken müssen, um sie testen zu lassen.
Mehr Pollenflug, mehr Leid
Claudia Traidl-Hoffmann vom Lehrstuhl für Umweltmedizin der Universität Augsburg und Direktorin am Münchner Helmholtz-Zentrum für Umweltmedizin war am aktuellen Lancet Countdown zu Gesundheit und Klimawandel nicht beteiligt. Aber sie macht ähnliche Beobachtungen. Für die Umweltmedizinerin bedeuten zwei Wochen früherer Pollenflug auch zwei Wochen „mehr Symptome, mehr Leiden und auch mehr Arbeitsausfälle“.
Menschen könnten gar nicht mehr richtig denken, wenn die Pollen flögen, so die Allergieexpertin. Hinzu komme, so bekräftigt sie, es gebe „fast keinen Tag im Jahr mehr ohne Pollen“. Neben den klassischen Frühjahrsblütlern gebe es bereits Anfang Januar Haselpollen im Herbst komme die Ambrosia, eine invasive Spezies, die „sehr aggressiv“ sei und starkes Asthma auslösen können.
Etagenwechsel: Beschwerden legen sich auf Bronchien
Allgemeinmedizinerin Siegmund hat zudem beobachtet, dass Symptome oftmals einen sogenannten Etagenwechsel vornehmen. Bedeutet, dass Beschwerden wie Heuschnupfen sich auf die tieferen Atemwege legen. Die Patientinnen und Patienten bekämen asthmatische Beschwerden, bräuchten dann intensivere Therapien „nicht selten dann auch wirklich ein Asthma-Spray, weil sich der Heuschnupfen nicht mehr nur auf die oberen Atemwege begrenzt, sondern sich als allergisches Asthma auch auf die Bronchien legt.“
Das bestätigt auch Umweltmedizinerin Traidl-Hoffmann. Den Etagenwechsel beobachtet die Professorin vor allem bei Kindern: „Die starten mit einem Heuschnupfen, und dann kann sich das auch auf die Bronchien niederschlagen und ein Asthma entstehen.“
Prävention beginnt in der Natur
Allergien sind laut Traidl-Hoffmann das Frühwarnsystem für den Klimawandel. Es sei der Beweis, dass der Klimawandel gesundheitsrelevant ist. Das bedeute, „dass wir immer kränker werden“.
Die gute Nachricht ist allerdings: Allergien können zunehmend auch geheilt werden, sagt Traidl-Hoffmann: „Wir können das Immunsystem so erziehen, dass es Pollen toleriert.“ Trotzdem gelte es vor allem, die Natur zu erhalten und den Klimawandel aufzuhalten, so die Medizinerin. Prävention beginne für sie in der Natur. Ihr Appell: „Wir müssen die Natur so für uns erhalten, dass sie uns gesund hält. Das Wissen steigt. Das Handeln sinkt und hier müssen wir eingreifen.“
Source: tagesschau.de