Experten warnen vor Zahnstochern mit Geschmack und Nikotin

Zahlreiche Zahnstocher stehen in einem Glas.

Stand: 17.04.2026 • 17:37 Uhr

Ein Trend mit Suchtpotential: Auf TikTok werden Zahnstocher als Lifestyleprodukt beworben, einige von ihnen mit Geschmack, andere mit Nikotin. Expertinnen und Experten sehen solche Zahnstocher kritisch – aus verschiedenen Gründen.

Von Joanna Thurow, tagesschau

Zahnstocher liegen voll im Trend. Und zwar nicht zur Reinigung der Zähne nach dem Essen, sondern als Lifestyleprodukt. Mit Geschmack oder Nikotin, als kleine Ablenkung für zwischendurch oder zur Beruhigung vor dem Einschlafen. Auf TikTok werden sie beworben, Erfahrungen und Empfehlungen geteilt.

Das scheint besonders bei Jugendlichen und Kindern anzukommen. Immer wieder berichten Lehrkräfte, dass in ihren Klassen Schülerinnen und Schüler sitzen, die lässig auf den Zahnstochern herumkauen. „Wie kleine Cowboys“, erklärt der Konrektor einer Münchner Realschule gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

Auch in Grundschulen ist der Trend teilweise angekommen. Mehrere Schulen haben Zahnstocher inzwischen generell verboten. Suchtmedizinerin Andrea Rabenstein findet das sinnvoll. Ihre Befürchtung: Kinder und Jugendlichen könnten über die Zahnstocher mit Geschmack an Nikotin herangeführt werden.

Zahnstocher mit Geschmack vs. Nikotin

Zur Unterscheidung ist dabei wichtig: Es gibt aromatisierte, nikotinfreie Zahnstocher. In Geschmackssorten wie Apfel, Pfirsich oder Zimt. Sie sind in Deutschland zugelassen und können zum Beispiel im Supermarkt gekauft werden.

Abhängig machen die Zahnstocher mit Geschmack laut Suchtmedizinerin Rabenstein erst mal nicht. Der Verband der Deutschen Zahnärzte hält die Zahnstocher mit Geschmack für unproblematisch, solange sie keinen Zucker enthalten.

Andrea Rabenstein warnt trotzdem vor dem Konsum der Geschmackszahnstocher. Kinder und Jugendliche könnten über die Zahnstocher auf den Nikotin-Geschmack kommen: „Auch wenn es am Anfang vielleicht nur die Zahnstocher mit Cola-Geschmack sind. In einem zweiten Schritt ist dann vielleicht doch auch mal Nikotin im Zahnstocher, weil sie verwechselt werden oder die Hemmschwelle sinkt“, so die Suchtmedizinerin.

Denn neben den reinen Zahnstochern mit Geschmack gibt es Nikotin-Zahnstocher, auch sie sind zum Teil aromatisiert. Sie sind in Deutschland nicht zugelassen, können aber online bestellt werden.

Nikotin macht sehr schnell abhängig

Nach dem Jugendgesetz ist die Abgabe an Jugendliche und Kinder zwar verboten. Doch laut Rabenstein sind die Hürden bei der Bestellung nicht besonders hoch: „Wir haben für eine Studie Nikotinzahnstocher im Internet bestellt, im Ausland. Und da hat es gereicht per Klick zu bestätigen, dass man über 18 ist.“

Nikotin macht schnell schwer abhängig und ist laut Rabenstein gerade für Kinder und Jugendliche gefährlich: „Jede Substanz, jede Droge, die in der Kindheit und Jugend konsumiert wird, verfestigt sich im biologisch und im Verhaltensrepertoire. Und deswegen ist es so gefährlich, weil man dann wirklich ein Leben süchtig ist oder anfällig bleibt für die Substanz.“

Nikotin-Zahnstocher bisher kaum untersucht

Die Nikotin-Zahnstocher enthalten etwa 2 bis 6 Milligramm Nikotin. Zum Vergleich: Eine Zigarette enthält 2 Milligramm. Laut Andrea Rabenstein ist allerdings unklar, ob diese Menge beim Kauen dann auch tatsächlich aufgenommen wird. Erste Versuche mit Probandinnen und Probanden deuten aber darauf hin, dass Nikotin aus den Zahnstochern schnell ins Blut gelangt. „Und je schneller eine Substanz im Gehirn ankommt, desto abhängiger macht sie“, so Andrea Rabenstein.

Allerdings will die Suchtmedizinerin das mit ihrem Team noch genauer untersuchen. Eine Studie dazu soll voraussichtlich Ende des Jahres in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung erscheinen. Unklar ist außerdem noch, wie verbreitet sie in Deutschland sind. Und auch, wie schädlich die Nutzung ist.

Andrea Rabenstein befürchtet, dass es bei Jugendlichen und Kindern nicht bei den Nikotin-Zahnstochern bleibt: „Wir sehen es als Einsteigerprodukt und nicht als Dauerkonsumprodukt.“ Das Marketing sei dabei vor allem auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet, um sie dauerhaft zum Konsum von Nikotinprodukten zu bringen.

Was können Eltern tun?

Für Eltern ist kaum zu erkennen, ob ihre Kinder auf Zahnstochern mit Geschmack oder Nikotin herumkauen. Optisch gibt es keine erkennbaren Unterschiede. Möglicherweise kann man das Nikotin aber schmecken – laut Andrea Rabenstein hat es einen bitteren, pfeffrigen Geschmack.

In jedem Fall empfiehlt die Suchtexpertin, mit den Kindern ins Gespräch zu gehen. Am besten ohne Vorwürfe. Besser sei es, die Kinder über die Risiken von Nikotin aufzuklären.

Source: tagesschau.de