Irankrieg: „Manche leben in halbzerstörten Wohnungen“
Frau van Raamsdonk, im Gegensatz zu vielen Diplomaten haben Sie Iran während des Krieges nicht verlassen. Wie gefährlich war das für Sie?
Die Angriffe waren schon ziemlich beängstigend. Auch wenn nicht bewusst zivile Ziele angegriffen wurden, fanden sie in dicht besiedelten Gebieten statt. Der Stadtteil, in dem ich wohne, war nicht so stark betroffen wie andere in Teheran. Manchmal gab es Bomben um 21.30 Uhr und dann wieder um 1 Uhr nachts, um 3 Uhr und 5 Uhr morgens. Man fängt an, sein Leben danach auszurichten. Eine surreale Situation.
Als Mitarbeiter humanitärer Organisationen sind wir daran gewöhnt, in einem schwierigen Umfeld zu arbeiten. Bevor ich im November nach Iran gekommen bin, war ich in Südsudan. Aber Luftangriffen bin ich noch nie so nahe gekommen. Am größten war meine Sorge um die Sicherheit unserer mehr als hundert Mitarbeiter. Wir haben jeden Tag durchgezählt, um sicherzugehen, dass es allen gut geht.
Wie konnten Sie denn während des Krieges überhaupt arbeiten?
Das ist ein schwieriger Balanceakt, die Arbeit am Laufen zu halten und die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten. Als humanitäre Organisation müssen wir natürlich zurück an die Arbeit, um in solchen Situationen diejenigen zu unterstützen, die Hilfe benötigen. Wir haben unsere Arbeitsweise angepasst. Manches kann man aus dem Homeoffice erledigen. Viele Mitarbeiter haben sich in andere Gebiete in Sicherheit gebracht.

Ein Kollege hat eine Explosion sehr nah miterlebt. Seine Frau war traumatisiert. Er brauchte Zeit, bis er wieder arbeiten konnte. Ein anderer wusste, dass er und seine Familie das Haus verlassen müssen, weil sie nahe an einem potentiellen Angriffsziel wohnten. Tatsächlich wurde sein Haus am nächsten Tag zur Hälfte zerstört. Es gibt viele furchtbare Geschichten. Die Leute fangen gerade erst an, sie zu verarbeiten.
Was hat sich mit dem Waffenstillstand verändert?
Die Lage hat sich ein Stück weit normalisiert. Geschäfte sind offen. Man sieht Leute in Cafés. Der Waffenstillstand fühlt sich aber eher wie eine Kampfpause an, in der es jederzeit wieder eskalieren kann. Die psychologische Kriegführung, diese Sprache, dass „eine ganze Zivilisation sterben wird“, und die Tatsache, dass in den Tagen vor der Waffenpause sehr viel zivile Infrastruktur angegriffen wurde, wie Brücken und Schienen, war für die Bevölkerung traumatisierend. Die Angst und Unsicherheit ist groß, was in den nächsten Tagen passiert.
Wie viel Wohnraum wurde zerstört, und wo sind die Bewohner jetzt untergebracht?
Manche Viertel sind nicht wiederzuerkennen. Aber natürlich ist Teheran eine riesige Stadt, in der immer noch sehr viele Gebäude intakt sind. Viele Menschen haben die Stadt in Richtung ländlicher Gebiete verlassen, weil sie dachten, dass es dort sicher ist. Allerdings fand der Krieg während des Neujahrsfestes statt, zu dem ohnehin viele zu Verwandten fahren. Jetzt kehren sie zurück, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Manche bleiben sogar in halb zerstörten Wohnungen, weil sie ihr Eigentum nicht unbewacht lassen wollen. Andere wurden von der Stadtverwaltung in Hotels oder staatlichen Einrichtungen untergebracht.
Wenn das UN-Flüchtlingshilfswerk von 3,2 Millionen Binnenflüchtlingen spricht, heißt das also nicht, dass sie in Zeltstädten leben?
Die meisten Leute haben nur temporär Schutz gesucht. Das sind keine Binnenflüchtlinge, wie wir sie aus anderen Kontexten kennen. Wir sehen keine Zeltlager wie etwa in Beirut. Tatsächlich sind wohl diejenigen am bedürftigsten, die es sich nicht leisten konnten, woanders hinzugehen. Afghanische Flüchtlinge in Iran konnten meist gar nicht fliehen, weil ihre Bewegung rechtlich eingeschränkt ist.
Ihre Organisation arbeitet in Iran vor allem mit afghanischen Flüchtlingen. Wie ist deren Lage?
Wir betreiben gemeinsam mit lokalen Partnern Servicecenter in neun Provinzen für afghanische Flüchtlinge. Jetzt im Krieg helfen wir auch iranischen Kriegsopfern. Manche Aktivitäten mussten wir vorübergehend einstellen, so wie Bildungsangebote. Während des Krieges haben wir uns auf lebensrettende Hilfe konzentriert, vor allem Geldzahlungen, damit die Betroffenen selbst entscheiden können, was ihre dringendsten Nöte sind. Das hatte auch den Vorteil, die Gefährdung unserer Kollegen zu minimieren. Außerdem haben wir Frauen und Mädchen psychologisch betreut, die von Bomben traumatisiert waren.
Iran ist kein einfaches Land für westliche Organisationen. Ausländer werden misstrauisch beäugt und als potentielle Spione betrachtet. Wie gehen Sie damit um?
Es stimmt, dass internationale Organisationen in Iran mit besonderen Herausforderungen, Einschränkungen und Empfindlichkeiten zu tun haben. Außerdem gibt es viel Unvorhersehbares. Was an einem Tag gilt, kann am nächsten ganz anders sein. Deshalb ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Wir haben gute Beziehungen zu den Behörden, mit denen wir arbeiten, auf der nationalen Ebene und in den Provinzen. Unser Ansatz ist, dass wir sehr transparent sind und immer genau erklären, wer wir sind, was wir tun und warum wir es tun.
Der Norwegische Flüchtlingsrat hat um sechs Millionen Dollar Spenden für die Versorgung von 50.000 Kriegsopfern gebeten, aber nur zwei Millionen erhalten. Die Bereitschaft, Geld für Iran zu geben, scheint begrenzt.
In der aktuellen Krise haben wir nur von Norwegen und Schweden Mittel bekommen. Es scheint, dass andere Geber die politische Diskussion nicht von der humanitären Lage trennen. Vielleicht haben viele Geber auch nicht verstanden, wie wir in Iran arbeiten können, weil die Kommunikation aus Iran schwierig und die Sichtbarkeit begrenzt ist. Wir sind Teil der Flüchtlingshilfeplanung des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR), die nur zu 4,3 Prozent finanziert ist. Für mich ist die große Frage, wie Milliarden für einen Krieg ausgegeben werden können, aber so wenig, um den Opfern zu helfen.
Ihre staatlichen Ansprechpartner waren sicher durch den Krieg eingeschränkt. Viele Behörden wurden ja bombardiert. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Unsere Ansprechpartner mussten ihre Arbeitsweise anpassen. Das hat natürlich die Geschwindigkeit der Kommunikation beeinträchtigt und am Anfang unsere Arbeit verlangsamt. Während die Prozesse vorher eher schriftlich und formal waren, wurde dann eher telefonisch koordiniert.
Rechnen Sie mit zunehmender Armut in Iran aufgrund der zerstörten Infrastruktur?
Sehr viele Leute haben ihre Jobs verloren, weil ihre Fabriken bombardiert wurden. Afghanische Flüchtlinge arbeiten meist als Tagelöhner auf dem Bau und sind deshalb besonders betroffen. Schon vor dem Krieg hatten die Leute, die in unsere Servicecenter kamen, mit der hohen Inflation und dem Währungsverfall zu kämpfen. Ich habe von vielen gehört, deren Arbeitsverträge nicht verlängert wurden.
Source: faz.net