Jetzt in Bitcoin investieren? Aaron Sahr kennt die Chancen und Tücken jener Kryptowährung
Was Kryptowährungen sind, hat der britische Comedian John Oliver einmal so zusammengefasst: „Alles, was ihr über Geld nicht versteht, kombiniert mit allem, was ihr über das Internet nicht versteht.“ Vor allem an einer Kryptowährung scheiden sich die Geister: Bitcoin gilt den einen als lange ersehntes Freiheitsversprechen, den anderen als betrügerische Masche von windigen Investoren. Dieser schlechte Ruf käme daher, dass die meisten nicht verstehen, was Bitcoin ist – so verteidigen ihn die Enthusiasten.
Dieses Defizit auszugleichen, ist der Wirtschaftssoziologe und Philosoph Aaron Sahr angetreten. Am Hamburger Institut für Sozialforschung leitet er die Forschungsgruppe „Monetäre Souveränität“, die sich mit allen Fragen rund um die Geldpolitik beschäftigt. In seinem jüngst erschienenen Buch Fake Coins – Digitales Geld und Analoge Freiheit räumt er mit Mythen rund um die neue Währung auf. Mit dem Freitag hat er über die politischen Tendenzen der Bitcoin-Bubble gesprochen und darüber, welches freiheitliche Potenzial in dieser digitalen Währung steckt.
der Freitag: Herr Sahr, haben Sie selbst in Bitcoins investiert?
Aaron Sahr: Nein, ich besitze gar keine Kryptowährungen. Aber wer welche herumliegen hat, findet am Anfang meines Buches eine Wallet-Adresse.
Sie sind also eher skeptisch. Enthusiasten weisen Kritik dagegen gerne damit zurück, dass Skeptiker einfach nicht verstünden, worum es eigentlich geht. Was also ist Bitcoin?
Als Technologie ist Bitcoin erstmal nur eine Software, die Zahlenwerte von einem Computer zu einem anderen übertragen kann, ohne diese einfach zu kopieren. Die Blockchain, auf der der Bitcoin basiert, ist einfach ein offenes Netzwerk, an dem jeder, der über die Software verfügt, teilnehmen kann. Dieses Netzwerk ordnet bestimmte Zahlenwerte bestimmten Nutzern eindeutig zu und überprüft die Zahlenwerte, die hin und her geschickt werden. So stellt es sicher, dass, wenn ich eine Zahlung tätige, sie aus meinem Konto verschwindet und im Konto des Empfängers wieder auftaucht. Die Blockchain macht damit im Prinzip nichts anderes als das Kassenbuch einer Bank. Der einzige Unterschied ist, dass es sich hier um ein dezentrales System handelt. Die Blockchain ist also im Prinzip nichts anderes als eine Buchhaltungssoftware, die dezentral auf alle teilnehmenden Rechner verteilt ist, und daher unabhängig von einer Institution funktioniert.
Das große Verdienst des Bitcoin-Diskurses ist es, Fragen des Geldes und Fragen der gesellschaftlichen Freiheit zusammen gestellt zu haben
Warum löst eine Buchhaltungssoftware solche Begeisterungsstürme aus?
Das liegt an dem Freiheitsversprechen, das im Bitcoin angelegt ist. Wenn Bitcoin-Enthusiasten etwa Pullover mit dem Slogan „Währung der Freiheit“ tragen, dann ist das durchaus ernst gemeint. Aber diese Freiheit wird in einem sehr engen Sinne verstanden: Als Freiheit von Banken und staatlichen Akteuren. Das zentrale Versprechen ist dabei, dass Bitcoin ein inflationsfreies Geld sei, da es von vorneherein auf eine bestimmte Summe – nämlich 21 Millionen – festgelegt ist. Damit steht es in radikalem Unterschied zu klassischen, staatlichen Geldsystemen, die „elastisch“ sind – in denen also die Geldmenge, die im Umlauf ist, durch die Kreditvergabe der Geschäfts- und Zentralbanken bestimmt wird.
Damit ist ein zentraler Gegner der Bitcoin-Bewegung ausgemacht: Das Fiat-Geld. Was hat es damit auf sich?
Der Begriff Fiat-Geld ist selbst nicht ganz unproblematisch. Abgeleitet ist der Begriff vom Lateinischen fiat „es werde“. Er beschreibt ein Geldsystem, in dem die Geldmenge nicht mehr durch die Rückbindung an ein bestimmtes Material – historisch zum Beispiel Gold – gedeckt ist, sondern durch Geschäfts- und Zentralbanken bestimmt wird. Es handelt sich also um ein nachfrageorientiertes Geldsystem. Die Geldmenge wird bestimmt durch die Menge der Kredite, die Geschäftsbanken ausgeben, die diese wiederum durch Kredite bei den Zentralbanken decken. Das führt langfristig zu einem Anstieg der sich im Umlauf befindlichen Geldmenge. Die Anhänger sehen das – übrigens nicht zu Unrecht – problematisch. Durch einen solchen Anstieg der Geldmenge sinkt langfristig die Kaufkraft, es kommt zur Inflation. Hier erscheint der Bitcoin als echter Gegenentwurf.
Die Vorstellung ist, dass die beim Bitcoin-,Mining‘ von den Computern verbrauchte Energie in den Bitcoins aufgespeichert ist
Nun erscheint es erstmal widersprüchlich, dass ausgerechnet Bitcoin, also eine Währung, die nicht nur nicht staatlich gedeckt ist, sondern zudem ausschließlich digital existiert, größere „Objektivität“ für sich beansprucht als Fiat-Geld. Woher kommt dieser Anspruch?
Sie leitet sich zunächst aus dem Konsensmechanismus des Bitcoin ab – also der von allen Teilnehmenden der Blockchain geteilten Annahme, warum dem Bitcoin Wert zukommt: Dieser ergibt sich aus der beim „Mining“ (also dem Prozess der Validierung neuer Blocks in der Blockchain) verbrauchten Energie. Die Vorstellung ist die Folgende: Die Energie, die bei diesem Vorgang von den Computern verbraucht wird, ist in den Bitcoins aufgespeichert, deshalb sind diese wertvoll, so wie etwa im Gold die Energie, die beim Schürfen aufgewandt wurde, ausgedrückt ist. Das Freiheitsversprechen, das darin liegt, ist klar: Hier gibt es eine Währung, die den Mittelsmann ausschließt und die Tauschenden unabhängig von staatlichen Instanzen, die ihre „natürliche Substanz“ verfälschen, zusammenbringt.
US-Präsident Donald Trump ist ein großer Befürworter und Profiteur der Bitcoin-Szene, hielt sogar die Keynote auf der größten Bitcoin-Messe 2024 in Nashville. Auch der rechtslibertäre Präsident Argentiniens, Javier Milei, verbindet seine Begeisterung für Bitcoin mit kulturell konservativen Ansichten. Woher kommt diese Verbindung von kulturellem Konservatismus mit monetärem Innovationsdrang?
Das liegt an der Erzählung von der Entstehung des Geldes, auf der diese Vorstellung beruht. Diese ist eine Verlusterzählung: Am Ursprung steht hier spontan zustande gekommenes „natürliches“, in der Objektivität verankertes Geld, das dann durch zunehmende Entmaterialisierung korrumpiert wird, weil Staaten sich dieses Geldes für politische Zwecke bedienen. Diese Verbindung ist also gar nicht so überraschend, wenn man sie sich auf inhaltlicher Ebene anschaut: Im Grunde geht es darum, an einem „objektiven“ Wahrheitsanspruch festzuhalten.
Die These ist, dass Geld an einem objektiven Warenwert, eben Gold, real gedeckt sein soll. Das finden noch sehr viel mehr Menschen interessant als nur die typischen „Bitcoin-Bros“. Das deckt sich auch hervorragend mit analogen Erzählungen, in denen vermeintlich natürliche und objektive Verhältnisse durch diskursive ersetzt wurden. Das offensichtlichste Beispiel wäre hier die Differenzierung zwischen Sex und Gender, also zwischen biologischem und gesellschaftlichem Geschlecht.
Wir sollten Geld kollektiv und gemeinnützig denken, als eine Form der Infrastruktur, die verschiedene soziale Gruppen in Verbindung setzt
Nun ist es genau diese Erzählung von der spontanen Entstehung des Geldes zwischen einzelnen Tauschenden, die ich früher im PoWi-Unterricht gelernt habe. Zunächst wird Gold verwendet und erst später kommen staatliche Akteure oder Banken, die es durch „immaterielles“ Geld, Münzen, Schuldscheine, Giralgeld, ersetzen. Und ich bin da ja sicherlich keine Ausnahme. Was ist also das Problem mit dieser Erzählung?
Der offensichtliche Fehler ist zunächst, dass sie Geld ursprünglich an den Beginn der Erzählung setzt. Herrschaftsverhältnisse und Schulden spielen darin keine Rolle. Geld ist einfach ein neutrales Mittel zum Tausch zwischen Individuen. Freiheit wird hier daher auch konsequent negativ – als bloße Freiheit von äußeren Eingriffen – gedacht. Doch die Analyse zeigt, dass Geld niemals einfach ein neutrales Mittel war. Geld ist immer von Herrschaft durchwirkt, herrschaftsfreies Geld gibt es schlicht nicht.Ich denke, dass wir Geld nicht als bloßes Werkzeug begreifen sollten, sondern als eine Form der Infrastruktur, die verschiedene soziale Gruppen in Verbindung setzt. Geld sollte kollektiv gedacht werden – was natürlich nicht heißt, dass es unbedingt gemeinnützig ist. Hier macht der Bitcoin-Diskurs aber ein generelles Problem unserer Vorstellungen über Geld offensichtlich: Wir reden über Geldschöpfung immer noch wie über Einkommen.
Was ist denn falsch an dieser Verknüpfung?
Die gängige Vorstellung ist, dass jedes Geld irgendwie an eine Vorleistung geknüpft sein muss, also Ausdruck irgendeiner Art von Arbeit ist, die sich darin irgendwie aufspeichert. Das ist falsch und problematisch, weil es verdeckt, dass Geld immer auch mit Zahlungsversprechen und Schulden zu tun hat. Dieser Vorleistungsdiskurs spitzt sich im Bitcoin zu. Hier haben wir die Vorstellung, dass der Proof-Of-Work als Konsensmechanismus auch der bessere Geldschöpfungsmodus ist – also die mitten im Klimawandel natürlich problematische Vorstellung, dass der extrem hohe Energieverbrauch von Bitcoin positiv zu bewerten ist, weil er diesen „objektiv“ deckt. Zudem reduziert er diesen gesellschaftlichen Anspruch auf eine Erzählung rein technischer Evolution, der die gesellschaftspolitischen Potenziale der Geldtheorie unterschlägt.
Krypto bleibt eine hochgradig spekulative Investitionsnische. Da sollte man jedenfalls nie All-in gehen
Dennoch bestehen Sie in Ihrem Buch darauf, dass es in diesem Diskurs auch eine Idee der monetären Freiheit gibt, an der sich festzuhalten lohnt …
Das große Verdienst des Bitcoin-Diskurses ist es, Fragen des Geldes und Fragen der gesellschaftlichen Freiheit zusammen gestellt zu haben. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit gesehen, dass diese Fragen auch für Linke relevant sind. So ist etwa die Macht der Zahlungsdienstleister schmerzlich zutage getreten beim Debanking der Roten Hilfe Ende vergangenen Jahres: Donald Trump stufte die Antifa-Ost als „Terrorgruppe“ ein und die Kreissparkasse Göttingen kündigte daraufhin die Konten. Ähnliches gilt für das Inflationsregime der Zentralbanken, unter dem ja gegenwärtig hauptsächlich arbeitende Menschen zu leiden haben. Hier hat Bitcoin das Problem sichtbar gemacht, aber er liefert eben keine überzeugenden Antworten. Mir geht es darum, diese Konflikte, die im Bitcoin-Diskurs durch die Erzählung einer Rückkehr zu „natürlichem“ Geld verdeckt werden, offen zu führen: Wie kann das Freiheitsversprechen des Geldes auch wirklich eingelöst werden?
Ist es denn in der gegenwärtigen volatilen Lage der Energie- und Finanzmärkte ratsam, selbst in Bitcoins zu investieren?
Ich halte mich bei Anlagetipps zurück, weil ich mich dafür nicht wirklich interessiere. Krypto bleibt eine hochgradig spekulative Investitionsnische. Da sollte man jedenfalls nie All-in gehen. Bitcoin ist auch kein „sicherer Hafen“ bei ökonomischen Unruhen: Energiepreise beeinflussen seine Gebühren, fallende Börsenkurse oder Fluktuationen im Finanzsystem können zum panischen Abverkauf großer Bitcoin-Bestände führen und damit den Preis crashen. Außerdem bietet der Besitz von Krypto keine Eigentumsrechte an irgendwelchen Unternehmen, so wie es Aktien tun. Sich aber mal damit zu befassen, wie eine digitale Wallet funktioniert, ist durchaus ratsam. Als Teil des Zahlungssystems wird die Technologie bleiben.
Aaron Sahr hat Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft in Kassel und Düsseldorf studiert und in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit der Arbeit Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits promoviert. Seit Mai 2019 leitet er die Forschungsgruppe Monetäre Souveränität am Hamburger Institut für Sozialforschung. Zwischen 2019 und 2025 war Sahr Gastprofessor am Institut für Soziologie und Kulturorganisation der Leuphana Universität Lüneburg. Er hat die Bücher Keystroke-Kapitalismus. Ungleichheit auf Knopfdruck sowie Die monetäre Maschine. Eine Kritik der finanziellen Vernunft veröffentlicht. Aaron Sahrs neues Buch Fake Coins. Digitales Geld und analoge Freiheit ist im März 2026 in der Hamburger Edition erschienen (464 Seiten, 35€).