Haushalte denken um: Kommt jetzt jener Elektro-Boom?

Anita Neumann möchte sich ein neues Auto kaufen. Vor allem „aus Umweltgründen“ schaut sie nach einem Elektrofahrzeug, sagt die Frau aus Solingen in Nordrhein-Westfalen. Die Entscheidung „leichter gemacht“ habe es ihr, als sie erfuhr, dass sie Anspruch auf die neue E-Auto-Prämie hat. Und dann wäre da noch der Irankrieg oder vielmehr: die generell volatile Weltlage. „Ich komme mit vielen Leuten ins Gespräch, aber kaum jemand würde wegen der hohen Spritkosten momentan auf ein E-Auto umsteigen. Alle gehen davon aus, dass die Preise für Benzin und Diesel wieder runtergehen“, sagt Neumann. Sie selbst denkt ein bisschen anders. „Bei mir ging es bei der Entscheidung auch darum, dass ich eben etwas unabhängiger sein kann von Benzin oder Diesel“ – Krieg „hin oder her“.
Tatsache ist: Die Preise für Öl und Gas sind zwar mit 92 Dollar je Barrel beziehungsweise 42 Euro je Megawattstunde nicht mehr ganz so hoch wie noch Ende März. Doch vom Niveau vor Beginn des Irankriegs bleiben sie weit entfernt. Auch die Spritpreise verharren deutlich über zwei Euro. Experten gehen davon aus, dass die Lage länger andauern könnte, aber Vorhersagen sind schwierig. In der öffentlichen Debatte jedenfalls sind die Rufe nach Resilienz lauter geworden. Erhöht das tatsächlich die Akzeptanz in der Bevölkerung dafür, die eigene Mobilität und das eigene Zuhause stärker zu elektrifizieren, also auf Elektroautos, Solardächer und Wärmepumpen umzusteigen?
Eon sieht neues Tempo für Energiewende
Der Vertriebschef des Energieversorgers Eon Energie Deutschland, Filip Thon, sieht diese These durch eine von Eon selbst beim Marktforscher Yougov in Auftrag gegebene Umfrage gestützt: „66 Prozent der Befragten sehen angesichts der aktuellen Lage eine wachsende Bedeutung erneuerbarer Energien, nur 12 Prozent erwarten keinen Bedeutungszuwachs“, sagt Thon. Auf Verbraucherseite bestehe „der Wille, in dezentrale Energielösungen zu investieren. Die Energiewende gewinnt damit wieder neues Tempo.“ Mitte März waren in der für die deutsche Wohnbevölkerung repräsentativen Befragung 2052 Erwachsene interviewt worden.
Der Trend zeige sich auch im tatsächlichen Geschäft. Eon spüre einen starken Anstieg des Interesses an Ladestationen für Elektroautos seit Beginn des Irankonflikts. „Das Interesse an Wallboxen hat sich um mehr als 45 Prozent erhöht, Tendenz steigend“, sagt Thon. Auch Solardächer seien gefragt. „Nicht nur im Vergleich zu den Vormonaten, auch im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Anfragen nach Photovoltaik fast verdoppelt – das ist mit rein saisonalen Effekten nicht zu erklären.“
„Kein alleiniger Iran-Effekt“
Auch Jannik Schall, Mitgründer des Klimatechnik-Start-ups 1Komma5 Grad aus Hamburg, spürt ein höheres Interesse seiner Kunden: „Wir sehen im März und April nahezu eine Verdopplung der Nachfrage nach Photovoltaikanlagen, und auch bei Wärmepumpen ist die Nachfrage gestiegen.“ Der Ausschlag sei deutlich, wenn auch „weniger stark“ als 2022 nach Beginn des Ukrainekrieges. „Da wurde einem das Material regelrecht aus der Hand gerissen, und es gab auch massive Knappheiten, eine fast panikartige Situation, das ist diesmal nicht ganz so ausgeprägt.“
Ähnlich sieht Bastian Gierull, Deutschlandchef des britischen Energieversorgers Octopus Energy, die Lage. „Immer mehr unserer Kunden entscheiden sich für E-Autos, Solaranlagen und Wärmepumpen, weil sie unabhängig von volatilen und zunehmend teuren fossilen Energien werden wollen“, sagt er.
Allerdings sieht Schall keinen alleinigen „Iran-Effekt“, sondern eher einen Ursachenmix. „Es gibt auch eine Verunsicherung bei den Menschen aufgrund von politischen Ankündigungen“, glaubt er und verweist auf den Plan von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Einspeisevergütung für kleine, private Dachsolaranlagen zu streichen. Bei manchen Kunden, die schon länger mit einer Entscheidung geliebäugelt haben, führe die Situation nun dazu, dass sie sagten: „Dann mach ich das doch am besten jetzt.“
Anstieg der Nachfrage nach zwei dürftigen Jahren
Der Bundesverband Solarwirtschaft gibt sich nicht ganz so euphorisch. Im März habe der PV-Zubau im Heimsegment vorläufigen Daten zufolge rund zehn Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats gelegen. Letzterer sei jedoch der zweitschwächste Monat im vergangenen Jahr gewesen. Und in den vergangenen zwei Jahren sei die Nachfrage um 40 Prozent eingebrochen. Der Verband spricht deshalb nur vorsichtig von einer „Erholung auf niedrigem Niveau“; man halte eine „weitere leichte Erholung der Nachfrage für wahrscheinlich“.
Auch Peter Knuth, Vorsitzender des Bundesverbands des Solarhandwerks, beobachtet nach zwei eher dürftigen Jahren seit Anfang März wieder einen Anstieg der Nachfrage. Traditionell gebe es im Frühjahr immer eine gewisse Belebung im Geschäft. Vor dem Hintergrund des Irankriegs und der damit verbundenen höheren Energiepreise werde nun „natürlich insbesondere die Kombination PV plus Elektroauto attraktiv“. Dass der Hype um die eigene Solaranlage nicht so groß ist wie 2022 nach Beginn des Ukrainekriegs – „damals stand das Telefon nicht mehr still, unsere täglichen Anfragen haben sich verzehnfacht“ –, stört ihn nicht: „Wir sind sehr glücklich über den stabilen Markt gerade.“
Einfluss des Krieges auf die Elektroautonachfrage noch unklar
Auch immer mehr Elektroautos drängen auf den Markt. Im März wurden knapp 71.000 neue batterieelektrische Pkw zugelassen – so viele wie noch nie zuvor in einem Monat. Gegenüber dem Vorjahresmonat betrug das Plus satte 66 Prozent. Insgesamt fahren 24 Prozent der im März neu zugelassenen Fahrzeuge batterieelektrisch. Hinzu kamen 118.000 Fahrzeuge mit einem hybriden Antrieb (40 Prozent), darunter 30.000 Plug-in-Hybride.
Ein Einfluss des Irankriegs lässt sich aus diesen Zahlen zwar noch nicht ableiten, da zwischen der Bestellung eines Fahrzeugs und seiner Zulassung in der Regel mehrere Monate vergehen. „Ob die infolge des Konflikts gestiegenen Kraftstoffpreise in der zweiten Jahreshälfte einen Nachfrageeffekt zugunsten von Elektrofahrzeugen auslösen, bleibt abzuwarten und ist auch von dessen weiteren Verlauf abhängig“, heißt es dazu vom Verband der Automobilindustrie (VDA).
Wahrscheinlicher ist, dass der Boom auf die neue Förderung für E-Autos zurückgeht, zu der die Bundesregierung Mitte Januar Details vorgestellt hat. Anträge können voraussichtlich ab Mai gestellt werden; die einkommensabhängige Förderung soll jedoch auch rückwirkend für Fahrzeuge in Anspruch genommen werden können, die seit Anfang Januar neu zugelassen wurden. Noch kosten kleine und kompakte Elektroautos einer Auswertung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft zufolge im Schnitt 16 Prozent mehr als vergleichbare Benziner.
Höherer Gaspreis treibt auch den Strompreis
Trotzdem ist mit dem Irankrieg der Kostenvorteil von Elektroautos gegenüber Verbrennern beim „Tanken“ weiter gewachsen – zumindest, wenn zu Hause geladen wird. Einer aktuellen Auswertung des Vergleichsportals Verivox zufolge lagen die Antriebskosten eines Benzinautos der Mittel- und Oberklasse dreimal so hoch wie die eines Elektroautos. Der Betrieb eines Dieselautos war immerhin doppelt so teuer wie der eines batterieelektrischen Fahrzeugs. Gerechnet hat das Vergleichsportal mit einer monatlichen Fahrleistung von 1000 Kilometer.
Zwar treibt ein höherer Gaspreis grundsätzlich auch die Strompreise, sodass das Laden von Elektroautos mit Strom, der nicht von der eigenen PV-Anlage stammt, ebenfalls teurer werden könnte. Trotzdem geht das Vergleichsportal davon aus, dass sich die große Differenz in den Antriebskosten in diesem Monat noch weiter verstärken wird. „Denn die Spritpreise sind im laufenden Monat noch stärker gestiegen, die Strompreise würden hingegen erst bei längerer Dauer des Konflikts im Nahen Osten nachziehen“, sagt Thorsten Storck von Verivox.
Wärmepumpen-Verband erwartet kurzfristige Absatzspitze
Der Verkauf von Wärmepumpen hat jetzt schon einen kräftigen Sprung nach oben gemacht. Das zeigen jedenfalls Zahlen zur Heizungsförderung, die das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag veröffentlicht hat. Demnach wurden im März gut 33.500 Anträge auf Förderung einer Wärmepumpe gestellt, 30 Prozent mehr als im Februar und fast 50 Prozent mehr als im Januar. Martin Sabel, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe, befürchtet aber, dass dies eher kurzfristig wirken wird. Es dürfe „die Politik nicht dazu verleiten, dringend erforderliche Maßnahmen zu unterlassen“, sagt er mit Blick auf niedrigere Strompreise und eine stabile Förderung.
Einen Ausschlag der Nachfrage sieht jedenfalls Bastian Gierull von Octopus Energy jetzt schon in seinem Geschäft. Das Unternehmen habe im März in Deutschland etwa 50 Prozent mehr Wärmepumpen verkauft als noch im Januar. Und Anfang April waren die Anfragen zu Wärmepumpen doppelt so hoch wie Anfang Februar. Nach der Ankündigung der schwarz-roten Koalition Ende Februar, das Heizungsgesetz (bald Gebäudemodernisierungsgesetz, GMG) grundlegend zu überarbeiten, habe das Unternehmen einen Nachfragerückgang bemerkt; viele Kunden seien plötzlich verunsichert gewesen.
„Ein paar Tage später begann der Krieg in Iran, und den Menschen wurde klar, auf welche Technologie sie sich in Zukunft verlassen wollen. Für uns bedeutet das: Wir können uns jetzt kaum retten vor Anfragen und sind für Monate ausgebucht.“