Angriff vom Großaktionär: Unicredit sieht Überleben jener Commerzbank gefährdet
Unicredit-Chef Andrea Orcel hat am Montag den Vorstand der Commerzbank hart kritisiert. Orcel nutzte eine kurzfristig einberufene Telefonkonferenz mit Analysten, um aus seiner Sicht vom Commerzbank-Vorstand verbreitete „Mythen“ zu entkräften und die Aktionäre mit detaillierten Prognosen von der Vorteilhaftigkeit eines Zusammenschlusses der Commerzbank mit Unicredits Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank zu überzeugen.
Den Commerzbank-Mitarbeitern versprach er, ein Zusammenschluss werde nicht einmal die Hälfte der vom Commerzbank-Vorstand genannten 15.000 Stellen kosten. Damit heizte der Unicredit-Chef den seit eineinhalb Jahren tobenden Übernahmekampf weiter an.

Unicredit besitzt inzwischen fast 30 Prozent an der Commerzbank und wird im Mai den Commerzbank-Aktionären ein freiwilliges Übernahmeumtauschangebot vorlegen, das vom Commerzbank-Vorstand Mitte März zurückgewiesen wurde. Auch die Bundesregierung, deren Staatsanteil von 12 Prozent vom Bundesfinanzministerium verwaltet wird, lehnte am Montag das Vorgehen der Unicredit ab: „Eine feindliche Übernahme wäre – insbesondere mit Blick auf eine systemrelevante Bank wie die Commerzbank – nicht akzeptabel“, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums in Berlin. Die bekannte Position der Regierung habe sich nicht geändert, obwohl Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf dem F.A.Z.-Kongress am 27. März darauf eingestimmt hatte, dass die Bundesregierung eine Übernahme der Commerzbank durch Unicredit nicht werde verhindern können.
Als Grund dafür, warum er nun an diesem Montag überraschend den Weg in die Öffentlichkeit suchte, nannte Orcel, dass „wir es nicht geschafft haben, einen gemeinsamen Vorschlag zu erarbeiten“. Damit spielte Orcel auf erste Gespräche zwischen Unicredit- und Commerzbank-Vorstand vor Ostern 2026 an, die aus seiner Sicht zu einem gemeinsamen Vorbereitungsteam für eine Transaktion hätten führen sollen. „Nach Ostern war die Tür dann zu“, sagte Orcel. Er werde aber nicht lockerlassen.
Unicredit sieht Überleben der Commerzbank in Gefahr
Tatsächlich hatte die Commerzbank unmittelbar nach Montag mitgeteilt, „die seitens der Unicredit mündlich skizzierten Eckpfeiler einer Transaktion haben bisher aus Sicht der Commerzbank kein ausreichendes Wertschöpfungspotential aufgezeigt“. Orcel sagte nun, er wolle keinen „oberflächlichen Dialog“ führen, sondern Fakten für sich sprechen lassen. Die Commerzbank könne statt von ihr prognostiziert 4,2 Milliarden Euro einen Nettogewinn in Höhe von 5,1 Milliarden Euro im Jahr 2028 erzielen, wenn sie mit der Hypo-Vereinsbank zusammengehe, zeigte Orcel in einer 34 Seiten umfassenden Präsentation auf. Andernfalls drohe ihr eine noch tiefere Restrukturierung, denn sie sei auf den Wettbewerb mit neuen Wettbewerbern schlecht vorbereitet.
Vermutlich denkt Orcel dabei an neue Zinsangebote in Deutschland von den Auslandsbanken JP Morgan, Crédit Agricole und BBVA sowie günstige Wertpapierkonditionen von Neobrokern wie Trade Republic und Scalable Capital. Mittelfristig sei das Überleben der Commerzbank in Gefahr, behauptete Orcel.
Die Commerzbank hatte 2025 2,6 Milliarden Euro netto verdient und Mitte Februar 2026 ihre Ziele für 2028 teilweise erhöht. So will sie statt 57 Cent 2025 in drei Jahren nur noch 50 Cent aufwenden müssen, um einen Euro zu erlösen. Der Nettogewinn soll auf 4,2 Milliarden Euro klettern. Für den 8. Mai hat die Commerzbank angekündigt, mittelfristige Ziele noch einmal höher zu setzen. Orcel hielt dem Commerzbank-Vorstand indes am Montag vor, diese auf die Bewahrung der Eigenständigkeit zielende Strategie „Momentum“ sei „mehr vom Gleichen“.
Firmenkundengeschäft der Commerzbank sei „überdimensioniert“
Der Unicredit-Chef warf der Commerzbank in ruhigem, aber entschlossen wirkenden Ton in der Telefonkonferenz viele Jahre der „Underperformance“ vor. Die Commerzbank habe ein viel zu großes internationales Nicht-Kerngeschäft, das über die Bedürfnisse der meisten Firmenkunden etwa im Kerngeschäft Handelsfinanzierung hinausgehe. Das Firmenkundengeschäft sei „überdimensioniert, fragmentiert, risikoreicher, operativ komplex und ineffizient“, meint Unicredit.
In einem dem entgegengesetzten Szenario, das er „unlocked Commerzbank“ nannte (was auf Deutsch so viel wie „freigeschaltet“ oder „entriegelt“ bedeutet), entfaltete Orcel die Chancen, die sich aus seiner Sicht durch ein Zusammengehen von Commerzbank mit Unicredits Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank (HVB) ergeben könnten. Die HVB arbeitet nach einem spürbaren Stellenabbau und Filialschließungen mit einer Kosten-Ertrags-Quote von weniger als 40 Prozent.
Kosteneinsparungen nicht allein durch Stellenabbau
40 Prozent der Kosteneinsparungen von 1,3 Milliarden Euro, die der Commerzbank ein Zusammenschluss mit der Hypo-Vereinsbank bringen könne, seien nicht bezogen auf Einsparungen beim Personal, betonte Orcel. Die Commerzbank beschäftigt rund 40.000 Mitarbeiter, davon 25.000 im Inland. Der Konzernbetriebsrat in Frankfurt wehrt sich vehement gegen eine Übernahme durch Unicredit. Es brauche weniger als die Hälfte des vom Commerzbank-Vorstand befürchteten Abbaus um 15.000 Stellen, sagte Orcel. Der Stellenabbau lasse sich weitgehend regeln, indem in den Ruhestand tretende Mitarbeiter nicht ersetzt würden, versuchte Orcel zu beruhigen. Vor allem in der Commerzbank in Deutschland, weniger in der „gut gemanagten“ polnischen Tochtergesellschaft M-Bank, gebe es Einsparpotential in der IT und neue Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz.
Orcel stellt Investitionen von 1,7 Milliarden Euro ins Kerngeschäft bis 2030 in Aussicht. Die Integration beider Banken könne zwei Jahre dauern, aber auch schneller gehen. Orcel verwies auf die neun Monate, die Unicredit gerade in Rumänien für eine kleinere Bank gebraucht hat, gab aber zu, dass die Commerzbank ein langwieriger Fall werde. Zusammen mit der HVB und einem Fokus auf Deutschland und Polen bestehe aber die Chance, bis 2029 einen „Country-Leader“ und ein Vorbild für andere europäische Banken zu formen.
Zur Kritik des Commerzbank-Vorstandes, das im März vorgelegte Umtauschangebot an die Commerzbank-Aktionäre enthalte keine Prämie, erklärte Orcel, die Prämie sei bereits im Aktienkurs enthalten. Obwohl die Commerzbank mit ihrer Eigenkapitalrendite von zuletzt knapp 9 Prozent eine im Vergleich zu anderen Banken unterdurchschnittliche Profitabilität aufweise, sei der Aktienkurs stark gestiegen. Dies liege vor allem am Einstieg Unicredits seit September 2024, sagte Orcel. Tatsächlich kaufte Unicredit die ersten 10 Prozent zu Kursen von rund 13 Euro. Am Montag kletterte die Commerzbank-Aktie in einem schwachen Aktienmarkt um rund 1 Prozent auf 31,50 Euro.
Ein Thema bei der Telefonkonferenz war auch, wie lange Unicredit brauchen wird, um die „Kontrolle“ über die Commerzbank zu bekommen. In einem Hauptszenario sprach Orcel von zwölf bis achtzehn Monaten. Die Bankenaufseher der EZB prüfen aber auch, ob dies nicht jetzt schon bei einem Aktienanteil von fast 30 Prozent der Fall ist angesichts von Präsenzquoten auf der Hauptversammlung von in den letzten sechs Jahren nie mehr als 67 Prozent.
Was passiert auf Commerzbanks Hauptversammlung am 20. Mai?
Auf Nachfrage, ob Unicredit bei der anstehenden Commerzbank-Hauptversammlung am 20. Mai aktiv ihre Stimmrechte ausüben und damit womöglich Anträge des Vorstandes ablehnen werde, ließ sich Orcel nicht in die Karten schauen. Er erinnerte lediglich daran, dass Unicredit aus seiner Sicht bisher „respektvoll“ vorgegangen sei. Es sei aber möglich, dass weitere Aktionäre Unicredit ihre Stimmrechte übertragen könnten. Wen er damit meinte, sagte Orcel nicht.
Die in Deutschland kleine US-Investmentbank Jefferies hält nach jüngsten Angaben knapp 10 Prozent an Finanzinstrumenten (Derivate), die ihr nach Ausübung Zugriff auf entsprechend viele Stimmrechte der Commerzbank ermöglichen würden. Jefferies gilt als Helfer Unicredits. Indes drohen Jefferies nach Informationen der F.A.Z. Strafen durch die Bundesbank, weil ihre Bankaufseher in einer Sonderprüfung Mängel im Risikomanagement aufgedeckt haben.