Fukushima | Unsichtbar, nunmehr überall: Roadtrip durch Fukushima – Leseprobe

Wir bogen auf die Straße 349 ein, fuhren dann links auf die 36 in Richtung Tomioka, das zwangsgeräumt worden war. Dieser Ortsname sagte mir nichts im Jahr 2011; jetzt ist er zu meinem persönlichen Sinnbild des Fukushima-Albtraums geworden. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das verkrautete, halb zerstörte Geschäftsviertel vor mir, und ich kann das Knarren und Klappern der Fensterläden im Wind hören; aber auf dieser Fahrt nach Kawauchi kurz nach dem Unglück konnte das Erscheinungsbild von Tomioka, das in der No-Go-Zone lag, noch nicht zu etwas verkommen sein, das unheilvoller war als die Tsunami-Erdbeben-Relikte, die ich bereits beschrieben habe.

Im Stadtzentrum von Tamura (ein mit ziegelgedeckten Häusern gepflastertes Tal) standen viele allerliebst getrimmte Kiefern, und hinter den Hecken erhoben sich gelegentlich die bei japanischen Gärtnern so beliebten unregelmäßig phallischen Felsbrocken. Die Geschäfte hatten noch geöffnet. Wir ließen Tamura hinter uns, eine, wie der Fahrer uns erklärte, neu zusammengefasste Verwaltungseinheit aus kleinen Dörfern; ich fragte mich, ob der Ort bewohnt bleiben würde.

In der Tat würden die Bewohner bald vertrieben werden; keiner von ihnen würde bis 2014 in seinem Haus schlafen. Auf der vom Beben aufgerissenen Straße rollte vor uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht den Hügel hinauf. Dann drehte er um. „Vielleicht kommt er der Strahlung zu nahe!“, lachte der Fahrer, und wer wollte beschwören, dass er unrecht hatte? Handelt diese Geschichte doch von Dingen, die kaum zu glauben sind, geschweige denn zu verstehen.

Das Messgerät stand weiter auf 2,7 Millirem

Wir machten halt, um mit einem alten Mann mit Gummistiefeln, Wathose und Fischermütze zu sprechen; über den Schultern trug er eine jener langen Stangen, an denen man geernteten Reis zum Trocknen aufhängt. „Tut mir leid“, sagte die Dolmetscherin, „ich kann seinen Dialekt kaum verstehen.“ Sie hörte heraus, dass die Reisfelder auf der anderen Seite der Straße ihm gehörten; er besaß ein größeres Stuck Land, 4 tang oder auch 1200 tsubo. Er sagte, die Bauern könnten ihre Ernte nicht mehr verkaufen.

„Ist es hier gefährlich?“

„Sie sagen nicht, es sei ungefährlich.“

Wir verbeugten uns, dankten ihm und stiegen wieder ins Taxi. Auf der ansonsten verlassenen Straße kam uns ein Auto entgegen; unser Fahrer fragte die alte Dame am Steuer, ob man nach Kawauchi durchkäme. Sie sagte: „Fahren Sie“, wobei sie den Mund die ganze Zeit über höflich mit der Hand bedeckt hielt. Das Messgerät stand weiter auf 2,7 Millirem. Wir hielten uns jetzt parallel zum Fluss, an dessen anderem Ufer zahlreiche Nara-Bäume mit schlanken Stämmen wuchsen; das war offenbar die Eiche Japans.

Ich bat den Fahrer anzuhalten. Wo unlängst noch winterlicher Wald gewesen war, spross es jetzt grün. Mich erfasste ein seltsames, beinahe unheimliches Gefühl. Wie schön, die grünen Flechten auf den Felsen! Im kühlen Schatten der Zedern lagen die Nadeln so dick auf dem Boden, dass mein Schritt keinen Laut mehr machte. Flach und grün fiel das Sonnenlicht durch die Bäume. Ein unbekannter Vogel pfiff immer wieder seinen Ruf aus zwei Tönen.

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„Zutritt polizeilich beschränkt“

Auf einem dieser massigen, flachen Felsblöcke hätte ich gern ein Picknick gehalten. Ich genoss die kühle Brise an meinem Rücken; der Grad ihrer Verstrahlung war natürlich unbekannt. Ich spazierte über eine Brücke auf die graurosafarbenen Nara-Bäume zu, hinter denen sich eine weitere Wand aus Zedern erhob. Neben mir wuchs ein Hain aus jungem grünem Bambus. Ich blickte hinab in den jadegrünen Fluss mit seinen weißen Fächern und Bändern aus Schaum an jeder der moosbewachsenen kleinen Felseninseln, vergaß, wo ich war, und nahm einen Augenblick lang den Mundschutz ab, der vielleicht sowieso nutzlos war.

Weiter ging die Fahrt, und nicht lange nachdem wir am Straßenrand ein paar Holzkisten entdeckt hatten, die dem Fahrer zufolge zum Sammeln von Wildbienen dienten, verkündete ein aufgestelltes Schild ganz unaufdringlich: „Zutritt polizeilich beschränkt“. Und so erreichten wir das Dorf Kawauchi, 10 Kilometer vor dem inneren Kreis. In den Häusern rührte sich nichts. Der Fahrer sagte: „Vielleicht sind sie evakuiert worden. Ein schlechtes Zeichen.“

An einem Hang gleich an der Straße stand ein hübsches Holzhaus. Ich sah einen alten Mann, der in Watstiefeln irgendetwas verrichtete, bat den Fahrer, wieder anzuhalten, und die Dolmetscherin und ich stiegen aus und stellten uns Herrn Sato Yoshimi vor, der sagte: „Ich bin nach Koriyama ins Aufnahmelager gegangen und heute erst zurückgekommen.“

„Im Gebäude waren die Erschütterungen fürchterlich“

„Warum sind Sie zurückgekommen?“

„Ich war ungefähr einen Monat in der Großen Palette und musste einfach nach meinem Haus sehen. Morgen gehe ich zurück in die Große Palette.“

„Warum sind Sie dorthin gezogen?“

„Man hat den Menschen hier gesagt, innerhalb des 20-Kilometer-Radius müsse man räumen. Innerhalb des 30-Kilometer-Radius wolle man es vielleicht freiwillig tun. Also hat man dieses Dorf sicherheitshalber räumen lassen.“

Das verstand ich nicht ganz; aber wer genau die Evakuierung angeordnet hatte und wie freiwillig sie gewesen war, wollte dieser alte Mann mit seinen kaputten Zähnen vielleicht nicht genau sagen. Sein weißer Mundschutz baumelte ihm zwischen Kinn und Hals. „Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?“

„Ich war vor Ort“, antwortete er. „Ich habe an Turbine 4 gearbeitet. Ich bin seit über 30 Jahren im Reaktor beschäftigt.“

„War das eine gute Stellung?“

„Na ja, vor dem Unfall hat es mir Spaß gemacht. Man hätte ja nie gedacht …“

„Und was geschah dann?“„Es war gegen 2.30 Uhr. Im Gebäude waren die Erschütterungen fürchterlich, und die Lampen fielen von der Decke. Überall Sand und Staub – man konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Ich war im Sperrbereich, wo man die von Tepco vorgeschriebene Schutzkleidung tragen muss und jeder ein Dosimeter hat.“

„Haben Sie es noch?“

„Ich habe es im Reaktorgebäude gelassen.“„Haben Sie den Tsunami gesehen?“„Ich bin noch rausgekommen, unmittelbar davor. Ich habe mich vom Gebäude Nr. 4 aus zu Fuß auf den Weg gemacht, mit meinen Kollegen. Aus den Rohrleitungen trat viel Wasser aus, weil der Boden sich gesenkt hatte. Man arbeitet im Team – zu sechst. Wir haben das Gebäude gemeinsam verlassen. In 4 Kilometer Entfernung gibt es eine Dienststelle. Dort haben wir uns gemeldet. Als alle dort waren, hat man uns gesagt, wir könnten gehen, wohin wir wollten, auf eigene Verantwortung.“ Sein Arbeitgeber war ein Subunternehmen von Tepco namens Nito Resin. Er werde noch immer bezahlt, sagte er; das Gehalt für den vergangenen Monat sei eingegangen.

„Wie lange werden Sie wohl noch in der Großen Palette leben?“

„Keine Ahnung. Das hängt von der Strahlung hier ab. Wenn die Einschränkungen nicht aufgehoben werden, werde ich kaum zurückkommen können. Die Strahlung ist hier recht niedrig, 0,5 oder 0,6 Millisievert. Meine Tochter ist im 20-Kilometer-Radius. Sie und ihre Mutter sehen nach ihrem Haus. Ich glaube, für kurze Zeit darf man hinein.“

„Normalerweise sterben Reaktorarbeiter jung“

An der Grenze des Grundstücks mit seinem starken Gefälle floss unter den Zypressen ein brauner Bach. Auf der anderen Straßenseite hatte er seinen Garten: Daikon-Rettich, Lauchzwiebeln, Kohl, grüne Bohnen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, ob man essen konnte, was er anbaute. Wir machten unsere Abschiedsdiener und fuhren weiter, während er sich auf der Auffahrt mühsam beugte und langsam weiter aus seiner türkisen Plastikkanne eine Pflanze begoss. Im Haus weinte ein kleines Kind, und mein Dosimeter zeigte weiter angenehme 2,7 Millirem an.

An der Kreuzung bogen wir rechts ab, wie er es uns geraten hatte, und der Fahrer sagte: „Normalerweise sterben Reaktorarbeiter jung, es wundert mich wirklich, dass er noch lebt. Einer meiner Freunde hat dort gearbeitet und wollte in den Ruhestand gehen. Er hat einen Nudelladen aufgemacht und ist kurz darauf gestorben.“

„Wie alt war er?“

„Etwas über 40.“

„War es Krebs?“

„Die Einzelheiten kenne ich nicht.“

Ich schlenderte in die verbotene Zone

Diese Anekdote sagte mehr über den Fahrer aus als über den Reaktor oder die Atomkraft. Ein Mensch ist jedenfalls für eine Stichprobe nicht sehr viel. Wir fuhren wieder durch Reisfelder, meine Stirn war heiß und juckte; ein Insektenstich vielleicht. Wir kamen an zwei Hunden vorbei, die ohne Leine vor dem Rathaus von Kawauchi herumliefen, und erreichten den inneren Kreis, wo eine Reihe Polizisten mit ihren blauen Westen mit den gelben Leuchtstreifen stand. Die weißen Masken bedeckten ihr Gesicht vom Kinn bis an den Nasenrücken, und die weißen, in die Augen gezogenen Helme saßen ihnen fest und gerade auf dem Kopf.

Ihre weiß behandschuhten Hände hingen locker herunter, die Stiefel glänzten. Sie verboten uns die Weiterfahrt, also ließ ich den Taxifahrer umkehren und einen Block weiter parken, in einer Straße, in der die Einheimischen ganz nach Belieben durch einen unbemannten Kontrollpunkt fuhren und sich selbst die wenig beeindruckende Schranke anhoben. All diese Menschen hatten es eilig. Wann immer die Dolmetscherin und ich sie zum Halt winkten, sagten sie, ganz entgegen der berühmten Höflichkeit der Region Tohoku: „Keine Zeit!“

Ihr Ziel war ausnahmslos die Große Palette. Ich schlenderte in die verbotene Zone, nur um sagen zu können, dass ich dort gewesen war. Die Dolmetscherin kam mir ein, zwei Schritte weit nach und blieb dann stehen. Der Fahrer saß mit hochgekurbelten Fenstern im Wagen. Jedes Mal wenn ich zu ihm hinüberblickte, ließ er ungeduldig den Motor an. Hatte ich darauf bestehen sollen, dass er weiter in die Zwangsräumungszone fuhr?

Eine Reihe Sandsäcke, zum Schutz vor Tsunamis vielleicht

Mein Dosimeter hatte keinen neuen Strahlungsanstieg registriert; was Gamma-Strahlung anging, schien das Risiko nicht zu groß zu sein, und vielleicht wäre diese Story dramatischer ausgefallen, wenn ich aggressiver vorgegangen wäre, aber wer weiß – denn was hätten wir zu sehen bekommen außer mehr leeren Häusern und Erdbeben- und Tsunamischäden und dann den Reaktor, der auf den Drohnenaufnahmen in der Zeitung aussah wie jede x-beliebige matschige Baustelle? Ich glaube, der Fahrer wäre weitergefahren, wenn ich ihn darum gebeten hätte; was meine treue und mutige Dolmetscherin angeht, die sagte schlicht: „Ich werde Ihnen folgen.“

Vielleicht hätten wir beide uns mit Atemmasken, gelben Küchenhandschuhen und dem ganzen Rest ausstaffieren und dann zum Kraftwerk Nr. 1 marschieren sollen. Ehrlich gesagt, mir fehlte die Rücksichtslosigkeit, das von ihr zu verlangen. Ich hätte natürlich auch alleine losziehen und die beiden dort auf mich warten lassen können. Warum habe ich es nicht getan? Vielleicht hatte ich Angst und wollte sie mir nicht eingestehen; aber ich glaube, ich sah einfach keinen Sinn darin … Hinter einer Außentür stand eine Schiebetür weit offen.

Wir riefen und riefen, aber niemand antwortete. Ich informierte die Polizei am Kontrollpunkt, weil der Taxifahrer von gestern Abend gesagt hatte, in der geräumten Zone seien inzwischen Einbrecher unterwegs. Im Schatten eines alten Holzhauses standen neben sauberen Schaufeln ganz ordentlich ein paar Fahrräder angelehnt. Eine Reihe Sandsäcke, zum Schutz vor Tsunamis vielleicht, lief rund ums Haus.

Was soll man sagen zu diesem Ort? … Ein Bus passierte den Hauptkontrollpunkt, dann ein Laster, dann drei Autos, die Polizisten winkten sie alle mit ihren weiß behandschuhten Händen durch, dann schlossen sie die Schranke wieder, und alle fuhren zurück in Richtung Koriyama. Da näherte sich ihnen von unserer Seite aus ein Mann auf einem Motorrad.

„Wenn Sie keinen ganz besonderen Grund haben, darf ich Sie nicht durchlassen“, erklärte ihm ein Polizist.

„Aber mein Bruder ist in der Zone. Gibt es noch einen anderen Weg?“

„Vielleicht kommen Sie noch ein kleines Stück weiter“, sagte der Polizist.

Also fuhr der Motorradfahrer weiter zu dem unbemannten Kontrollpunkt, durch den die Dolmetscherin und ich uns geschummelt hatten. Später berichtete der Taxifahrer, der mit dem Mann gesprochen hatte, er habe sich über ein brennendes, prickelndes Gefühl beklagt, eines der ersten Symptome massiver Verstrahlung natürlich. Psychosomatisch vielleicht oder irgendeine allergische Reaktion; niemand, den wir in Koriyama oder gar in der Großen Palette befragten, hatte von einem Fall von Strahlenkrankheit gehört.

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„Ich prüfe ich jeden Tag die Strahlung im Gemeindebüro“

Dann rief der Fahrer uns zu sich. Er hatte einen echten Einheimischen entdeckt: bärtig und grau, mit einem hochroten Arbeitergesicht, in blauer Regenjacke und Mütze; er dürfte um die 50 gewesen sein. Er trug grüne Handschuhe, einen Mundschutz und grüne Stiefel. Das Eisengitter der Showa-Shell-Tankstelle war nur halb hochgezogen. Gebückt stand er direkt davor und spritzte mit einem Schlauch ein Stück Gehweg ab.

Während er mit uns sprach, arbeitete er ohne Unterbrechung weiter. Er bat uns nicht in sein Haus nebenan, wo kurz der Vorhang hinter dem Fenster im ersten Stock aufging und eine wunderschöne weibliche Hand aufblitzte, die über der Vorhangstange ein Handtuch zusammenlegte; diese Ehefrau oder Tochter erledigte drinnen offenbar die Wäsche. Die Vorhänge schlossen sich wieder.

Der Arbeiter sagte: „Dies ist das Gebiet, wo man im Haus bleiben muss. Das ist mein Gebiet. Wir werden bald gehen. Wir haben eine Katze, die drinnen bleiben muss, und es tut uns so weh, dass wir sie nicht nach draußen lassen können. Ich bin hier der Chef der Feuerwehr, also prüfe ich jeden Tag die Strahlung im Gemeindebüro. Heute haben wir 0,38 Millisievert. Am 17. sind alle weg …“ Er unterbrach seine Arbeit nicht, bis ich ihm meine beste Atemschutzmaske zum Geschenk machte und er innehielt, um sich tief zu verbeugen, dann machte er hastig weiter … Ich ging eine letzte Auffahrt hinauf und klingelte. Die Glocke läutete und läutete; die Tür war abgeschlossen.

Es gab Anzeichen menschlichen Lebens!

Am deutlichsten sind mir aus irgendeinem Grund die Fahrräder im Gedächtnis geblieben, säuberlich an die leeren Häuser gelehnt, die ihnen Schatten spendeten. Wann immer ich zu ihm hinsah, ließ der Fahrer eifrig den Motor an. Er erinnerte mich an den verlorenen Jungen, der unmittelbar vor den heißen Quellen von Sendai auf dem verschneiten Gehweg zu stehen hat, nur um sich zu verbeugen, falls ein Besucher kommt. Schließlich fragte ich ihn nach seinem Befinden. „Wirklich besorgt bin ich nicht“, sagte er, „aber irgendwie ist mir unbehaglich.“

„Was bereitet Ihnen das größte Unbehagen?“

„Ich sehe die Autos, aber keine Menschen.“

Ich erbarmte mich und bat ihn, uns auf den Rückweg zu bringen. Sehr langsam fuhren wir auf dem glatten Pflaster zur Gabelung der Straßen 399 und 36, und als der Weg dann wieder aufwärts in die Hügel führte, lange vor Herrn Satos Haus, ließ ich den Fahrer erneut anhalten, denn ich hatte noch eine Chance erspäht, als Journalistengeier auf etwas herabzustoßen: Es gab Anzeichen menschlichen Lebens! Ein älteres Paar, beide mit dem nahezu nutzlosen Papiermundschutz, eilte aus dem Haus, die geschotterte Auffahrt hinab, jeder zu seinem Wagen.

Ich lief hin und wollte sie aufhalten, und die Dolmetscherin verbeugte sich allerhöflichst und bat sie, uns fünf Minuten zu gewähren, aber die Frau sagte: „Wir haben keine Zeit. Wir haben gerade zum ersten Mal nach unserem Haus gesehen, seit wir nach Tochigi umgesiedelt sind.“ – „Wie lange ist das her?“ Sie ließ die ganze berühmte Geduld und Höflichkeit von Tohoku fahren und kreischte: „Wir haben keine Zeit, wir haben keine Zeit!“ Worauf sie ohne Abschiedsgruß in ihre Autos sprangen – der Mann schwitzte rund um seinen Mundschutz – und mit geradezu verkehrsgefährdendem Tempo die Straße 399 in Richtung Koriyama und Tochigi hinaufbrausten.

Sie wirkten verängstigt, merkte der Fahrer an.

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„Das war offizielle Regierungspolitik“

Wir befanden uns auf dem Rückweg auf der Straße 399, es ging bergauf in Richtung Koriyama, vorbei an terrassierten Hängen und Pflaumenblüte, in meinen Handgelenken ein seltsames Stechen, bestimmt nur vom Sonnenbrand oder dem Potassiumjodid; nun ging es wieder bergab, silbrig glitzerte ein brauner Fluss in der Sonne, und da sprang das Dosimeter auf 2,8 Millirem um. Ich sagte nichts. Im Rückspiegel sah ich im traurigen Blick des Fahrers Verwirrung und Angst.

„Seit zwei, drei Tagen tränen mir die Augen“, sagte er. „Hat das mit der Radioaktivität zu tun?“ Dieser liebenswürdige, sture, regeltreue Mensch, geboren in einem Haus mit traditionellem Strohdach und stolz auf die gute Gesundheit seiner 86-jährigen Mutter, der mir seine Quittung schon im Voraus ausgestellt hatte und daher entschieden jede Zuzahlung für die beiden Extrastunden verweigerte, die mein Trödeln in Anspruch genommen hatte – von dem Gefahrenzuschlag, den ich ihm geben wollte, ganz zu schweigen (einen Bruchteil davon nahm er an) –, machte auf mich den Eindruck eines jener Toren, wie sie den Mächtigen auf der ganzen Welt so nützlich sind. Ich fragte ihn, ob er wisse, was Radioaktivität sei, und er sagte: „Keine Ahnung. Verdunstet das? Ist das eine Flüssigkeit?“

„Sollte Tepco bestraft werden?“, wollte ich wissen.

„Das war offizielle Regierungspolitik“, sagte er treu ergeben. „Sie haben es für die Nation getan.“

Ideologien des Brennstoffzeitalters (Band 1: Wir Idioten, Band 2:Keine unmittelbare Gefahr, Band 3: Keine gute Alternative) William T. Vollmann Georg Bauer, Noël Reumkens und Robin Detje (Übers.), Freunde & Friends, 1.136 Seiten, 80 €

William T. Vollmann wurde 1959 in Los Angeles geboren, studierte am Deep Springs College und erwarb einen Bachelor in Komparatistik an der Cornell University. Er veröffentlicht Sachbücher und Romane, u. a. Europe Central , der den National Book Award erhielt und dessen deutsche Übersetzung von Robin Detje mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Seine Reportagen über Reisen in Kriegs- und Krisengebiete erscheinen u. a. in The New Yorker. Er lebt in Kalifornien

Eine Verlagsbeilage in Zusammenarbeit mit dem Verlag Freunde & Friends