Argentiniens Präsident: Milei wie singender Ehrengast in Jerusalem

Jedenfalls einer hat in diesen Tagen prächtige Laune in Israel: Javier Milei. Als am Sonntagabend die Zeremonie für Israels Unabhängigkeitstag vorab aufgezeichnet wurde, entzündete Argentiniens Präsident wie vorgesehen auf der Bühne eine Fackel. Danach brachte er den Ablauf der Show jedoch durcheinander: Milei ging zu zwei Sängern hinüber und begann spontan und inbrünstig, mit ihnen das Lied „Libre“ des spanischen Sängers Nino Bravo zu singen – einen Klassiker, den er bisweilen bei Wahlkampfauftritten zum Besten gibt.
Die eigentliche Zeremonie ist erst für Dienstagabend geplant, wenn der Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer endet und in den Unabhängigkeitstag übergeht. Die Aufzeichnung wurde nur für den Fall gemacht, dass die Veranstaltung nicht wie geplant stattfinden kann. Ein Video von Mileis ungewöhnlichem Auftritt verbreitete sich jedoch umgehend.
Mileis Enthusiasmus steht in markantem Gegensatz zu den Misstönen, die es in Israel auch dieses Jahr wieder um den Unabhängigkeitstag gibt. Der 55 Jahre alte Politiker ist für seine Nähe zum Judentum bekannt. Zum Dank wird er in Israel mit Ehrungen überhäuft. Am Sonntag traf Milei zu seinem dritten Besuch ein, seit er 2023 gewählt wurde. Er fuhr direkt zur Klagemauer in Jerusalem. Bei einem anschließenden Treffen mit Benjamin Netanjahu pries dieser Mileis „moralische Klarheit“ und „Mut“. Israels Ministerpräsident verkündete auch die Aufnahme einer Flugverbindung zwischen Tel Aviv und Buenos Aires, der ersten Direktroute nach Südamerika. Berichten zufolge ist das nur möglich, weil seine Regierung der Fluglinie El Al etwa 15 Millionen Dollar pro Jahr zuschießt.
Trump will nicht kommen
Auf ein anderes Symbol für die Nähe beider Länder muss Netanjahu weiter warten: 2025 hatte Milei versprochen, er werde die argentinische Botschaft nach Jerusalem verlegen – was aus Israels Sicht den Anspruch auf die gesamte Stadt untermauern würde. In einem Interview vor seiner Abreise hielt er sich jedoch bedeckt. Der Zeitpunkt liege in Gottes Hand, sagte Milei. Dafür verkündeten er und Netanjahu eine diplomatische Initiative, die „Isaakabkommen“, benannt nach dem Vorbild der „Abrahamabkommen“. Sie sollen die Beziehungen zwischen Argentinien, Israel und „gleichgesinnten Partnern in der westlichen Hemisphäre“ stärken, vor allem in Südamerika. Ein Fokus ist das gemeinsame Vorgehen gegen Irans Einfluss.
Jemand wie Milei ist wichtig für Israel in Zeiten, in denen immer mehr Länder Distanz zur Regierung in Jerusalem wahren. Wohl auch deswegen gehört er in diesem Jahr zu den Fackelentzündern. Es ist das erste Mal, dass ein ausländisches Staatsoberhaupt zu den zwölf ausgewählten Personen gehört, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren. Ein Grund könnte auch gewesen sein, dass man nach einem ranghohen Ehrengast suchte. Denn Donald Trump erhält zwar in diesem Jahr einen Israel-Preis, die höchste Auszeichnung des Landes. Der amerikanische Präsident beschloss aber, nicht zu der Preisverleihung am Mittwoch zu kommen.
Die Fackelentzünder sollen Israels Vielfalt repräsentieren. Aber auch in diesem Jahr gibt es Kritik. Etwa an Avraham Zarbiv, einen Rabbinatsrichter, der in der Siedlung Beit El lebt. Eine Organisation reichte eine Beschwerde ein, weil seit dem Jahr 2000 eine Abrissanordnung gegen sein Haus besteht, das auf palästinensischem Land gebaut wurde. Zarbiv rief auch dazu auf, „Gaza plattzumachen“ und alle Bewohner zu vertreiben. Andere stören sich daran, dass Gal Hirsch eine Fackel entzünden darf. Er war der Beauftragte für die Geiseln im Gazastreifen – hat laut vielen Angehörigen aber vor allem versucht, Kritik an der Regierung zu unterbinden.
Insgesamt, so ergab eine für den „Kanal 12“ durchgeführte Umfrage, halten 45 Prozent der Israelis die Zeremonie zum Unabhängigkeitstag für politisiert. Ein ähnlich großer Anteil sagt, er fühle sich durch die Fackelentzünder nicht repräsentiert. Mehr als 5000 Personen unterzeichneten eine Petition, in der die Fernsehsender dazu aufgerufen werden, die Zeremonie nicht zu übertragen.
Source: faz.net