Essays | „An den Rändern“: Elena Ferrante denkt in ihren Essays die Frauenliteratur neu
Bestsellerautorin Elena Ferrante zeigt in vier Vorträgen, wie weibliche Wahrheit auch aus männlichem Erbe entstehen kann – vor allem Dante spielt eine große Rolle. Eine Hymne an das Lesen und das Schreiben jenseits patriarchaler Grenzen
Niemand weiß, wer Elena Ferrante wirklich ist, denn die Autorin verbirgt ihre wahre Identität hinter diesem Pseudonym
Foto: Anna Malgina
Im Jahr 2020 erhielt Elena Ferrante eine Einladung der Universität Bologna, sie sollte dort eine Poetikvorlesung abhalten. Ungewöhnlich daran ist weniger, dass die Pandemie den Plan durchkreuzte – die bereits konzipierten Vorträge wurden später in einem Theater präsentiert – als dass die Autorin nicht physisch hätte erscheinen können. Denn Elena Ferrante ist ein Pseudonym, die Identität der italienischen Bestsellerautorin ist bis heute nicht offiziell bestätigt, aller ambitionierten bis übergriffigen Recherchen von Journalisten zum Trotz.
Ein nicht zu unterschätzender Kniff in dieser Mythologisierung ist die auktoriale Entscheidung, explizit als Frau rezipiert zu werden: Nicht nur der weiblich gelesene Name, auch ihre so lebendigen Protagonistinnen (die mitunter selbst „Elena“ heißen) und das Erzählen von Frauenrealitäten machen es schier unmöglich, sich einen Mann hinter der Feder Ferrantes vorzustellen.
In Form von vier funkelnden Essays füllt Ferrante nun den vagen Begriff des „weiblichen Schreibens“ mit persönlicher Expertise. „Mein aus Texten gemachtes Ich hat vom sechsten Lebensjahr an zum größten Teil männliches Schreiben verwurstet und für universal gehalten, ja meine ganze Schreiblust rührt überhaupt daher“, heißt es einmal. Sie will damit zeigen, wie schwierig, aber umso notwendiger es dieses männliche Erbe an Literatur macht, von den „Wahrheiten“ als Frau zu erzählen.
Elena Ferrante sah sich mit der Frage des Realismus konfrontiert
Feministische Umwertungen der negativ konnotierten „Frauenliteratur“ sind nicht neu: Die französische Poststrukturalistin Hélène Cixous schrieb schon in den 1970ern ein wütendes Manifest, in dem sie an eine kollektive „écriture féminine“ appellierte, die überdies sexuell befreien sollte (Das Lachen der Medusa, 1975). Und die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert analysiert in ihrem lesenswerten Sachbuch Frauen Literatur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021) einen „spezifisch weiblichen Blick auf die Welt“, der männlichen Autoren etwas voraushaben dürfte.
Ferrante sah sich, genau wie ihre bekannteste Protagonistin Elena, mit der Frage des Realismus konfrontiert. „Ich empfand diese Frauenfigur als wahr, von einer Wahrheit, die mich persönlich anging“, philosophiert sie über „ihre“ Elena und macht gleichzeitig klar, woher dieser Eindruck von Authentizität, den Millionen von Leserinnen teilen, rührt: Man dürfe als Autorin nicht die Eitelkeit besitzen, literarisch etwas vollkommen Neues schaffen zu wollen.
„Keine Robinsonade“ dürfe das Schreiben sein, vielmehr ein ständiges Aneignen von Lektüren, Sprachen und Dialekten. Im Prozess des Sich-Einfühlens – das Italienische ist voll solch schöner Reflexivverben – komme man so einer Wahrheitserzählung am nächsten. Als prägendes literarisches Vorbild für jenes Sich-Einfühlen nennt die Autorin ausgerechnet Dante, Gründervater der italienischen Literatur: Mit seiner paradiesischen Frauenfigur Beatrice habe er „einen Akt männlicher Aufwertung weiblicher Möglichkeiten betrieben“.
Lieben, leiden, lesen, heiraten und – Obacht! – schreiben, ist das Schlüsselwerk der Autorin
Nicht nur scheint solch eine Liebeserklärung an einen nicht-weiblichen Autor in diesem Kontext angenehm undogmatisch, auch machen intertextuelle Referenzen der Autorin Spaß, weil sie sich so vielfältig aus ihrer Leselust nähren: von Dante über Emily Dickinson bis hin zu Ingeborg Bachmann.
Das Buch setzt eine gewisse Kenntnis der neapolitanischen Tetralogie Meine geniale Freundin voraus. Die Geschichte der Freundinnen Elena und Lila, die im Italien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lieben, leiden, lesen, heiraten und – Obacht! – schreiben, ist das Schlüsselwerk der Autorin: „Das Erzählen vom Schreiben – von Elenas Schreiben, von Lilas Schreiben und tatsächlich auch dem der Autorin – sollte der Faden sein, der das ganze Zusammenprallen der Freundinnen hält und damit auch die Fiktion der Epoche, in der die beiden leben.“
Wer die vier Bände verstehen will, der sei an dieser Stelle kurz abgeholt: Die Freundinnen machen früh patriarchale Gewalterfahrungen und trösten sich mit dem Kindheitswunsch, Schriftstellerinnen zu werden. Doch während Lila kein Ventil für ihr natürliches Talent findet und sich in Perfidie verliert, strebt Elena nach Wissen, das sie sich von Anderen aneignet. Sie wird zur sogenannten Sozialaufsteigerin. Elena erfüllt sich den Berufswunsch, Lila scheitert.
Kein Wunder, dass sich da psychoanalytische Stimmen regen
Beide Frauenleben sind von einer in der Gegenwartsliteratur einmalig klug konstruierten Ambivalenz geprägt. Zwei Arten zu schreiben seien ihr bekannt: „Die eine gefügig, die andere impulsiv“, sagt Ferrante und führt aus, die Gefügigkeit mit Elena zu verbinden und die Impulsivität mit Lila. Die titelgebenden Ränder auf liniertem Schulpapier werden zum Bild ihrer Poetik: „In meinem Drang zu schreiben, der mich seit früher Jugend begleitet, spielt die Drohung der roten Ränder … eine ebenso große Rolle wie der Wunsch und die Angst, sie zu missachten.“
Ein altes Schulheft ist mit abgedruckt, die krakelige Kinderschrift eine schöne Reminiszenz an die noch zu werdende Autorin, deren echten Namen wir ja nicht kennen. Eine Inszenierung als Autorin, die die „sorgfältige“ Elena und die „entgrenzte“ Lila in sich trägt – kein Wunder, dass sich da in der Wissenschaft psychoanalytische Stimmen regen, die Elena und Lila als ein und dieselbe Figur interpretieren. In An den Rändern gelingt es Ferrante erneut, unaufdringlich und präzise auf das beste Werkzeug gegen Ohnmachtsgefühle als Frau hinzuweisen: blicken und lesen. Über alle „Ränder“ hinweg.
An den Rändern Elena Ferrante Barbara Schaden (Übers.) Suhrkamp 2026, 94 S., 20 €