40 Jahre nachher GAU: Wer hat die Katastrophe von Tschernobyl zugelassen?
Aufbrechen. Anders denken. Der neue sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow dringt ab Mitte der 1980er Jahre auf Ehrlichkeit. Er mahnt die Delegierten des KPdSU-Parteitags im Februar 1986: „Die Kommunisten brauchen immer und unter allen Umständen die Wahrheit.“ Schönfärben und Verschweigen schade, warnt er, „der Autorität der Parteipolitik und kann daher in keiner Form geduldet werden“.
Freie Rede? Die Menschen im Vielvölkerstaat haben zu schweigen gelernt. Es ist ihnen mehr als ein lang vertrauter Mantel, in den man sich hüllt, wenn man das Haus verlässt. Schweigen hieß unter Stalin, zu überleben, vielleicht. So wurde es ihnen zur zweiten Natur. Denn das will man doch, leben. Oder?
Als nach Stalins Tod Nikita Chruschtschow die Führung übernimmt, öffnet sich die Gesellschaft allmählich. Aber noch die Parteitagsrede, worin Chruschtschow 1956, drei Jahre nach Amtsantritt, die stalinistischen Verbrechen teilweise benennt, ist geheim, ihre Kenntnis Auserwählten vorbehalten. Unter seinem Nachfolger Leonid Breschnew schließt sich ab 1964 der Sarkophag der Stille wieder überm Land. Tragisch. Denn es wird sich beweisen, dass Schweigen Tod ist.
Das sowjetische Schweigen funktioniert perfekt
Seit 1949 verfügen die Sowjets über Atombomben, die dem Feind hinterm Eisernen Vorhang Paroli bieten. Nun soll die Kernspaltung auch „friedliche Energie“ liefern. Überlegungen dazu sind geheim, auch intern. Du darfst – Physiker, Ingenieur, Arbeiter – den Abschnitt kennen, dem du zugewiesen bist, mehr nicht.
Irgendwo oben, weit über dir, residieren „zuständige Organe“, die fügen eins und eins zum anderen. Sie wissen, verstehen alles, treffen die richtigen Entscheidungen. Dieses Denken haben die Sowjets nicht exklusiv. Das Kind bekanntlich muss zuvor ertrinken, ehe auf den Brunnenrand ein Gitter kommt. Was das sowjetische Schweigen besonders macht: dass es so perfekt funktioniert.
Die US-Amerikaner stellen sich in den 1960er Jahren „Druckwasserreaktoren“ ins Land, die kompakt konstruiert sind und als sicher gelten – bis zum Harrisburg-GAU 1979. Den Sowjets fehlen dafür Know-how und Ressourcen. So ist es an Physikern und Ingenieuren, eine Alternative zu finden.
Nach dem Prinzip „überholen, ohne einzuholen“ greifen sie auf Ideen aus der Anfangszeit der Atomforschung zurück und konstruieren einen „Reaktor großer Leistung vom Kanaltyp“ (RBMK), einen leichtwasser-graphitmoderierten Druckröhrenreaktor. Ein kleinteilig aufgebautes System. Anspruchsvoll zu bedienen. Weil ähnliche Anlagen Uran für den Bau der Bombe anreichern, ist der RBMK mega-top-secret.
Graphit an den Spitzen der Bremsstäbe: Fehlkonstruktion aus Sparsamkeit
Und so funktioniert er: In etwa 1.700 Röhren steckt Uran, das enorme Hitze erzeugt. Wasser strömt daran entlang, verdampft, so wird die Energie nutzbar. Dass dieser Vorgang läuft, dafür sorgt Graphit. Der Graphit bremst freie Neutronen, nur verlangsamte Neutronen können Urankerne spalten.
Bei der Spaltung werden wiederum Neutronen frei, sie „schießen“ im System umher, lösen weitere Kernspaltungen aus – die atomare Kettenreaktion, der Energielieferant. Sie aber muss im Zaum gehalten werden, darf nicht eskalieren. Dafür nutzt man Borcarbid-Stäbe, die sich in das System einfahren lassen. Borcarbid schluckt Neutronen, verringert also die Aktivität des Reaktors.
Die Spitzen dieser Bremsstäbe sind jedoch fatalerweise beim RBMK aus Graphit gefertigt, weshalb die Stäbe, anstatt beim Einfahren die Kernspaltung sofort zu drosseln, diese zunächst kurzzeitig befeuern. Eine Fehlkonstruktion aus Sparsamkeit. Eine Sollbruchstelle. Weitere kommen hinzu. – Den sowjetischen Chef-Entwicklern sind die „Exaltiertheiten“ ihres Reaktors bekannt. Sie sehen sie jedoch als beherrschbar an. Und der politische Erfolgsdruck duldet keine Zweifel.
Elf Jahre vor Tschernobyl schrammt Leningrader Kraftwerk knapp an Katastrophe vorbei
Schon der erste RBMK ist einer der leistungsstärksten Nuklearreaktoren der Welt. Er wird unweit von Leningrad errichtet. Einen Prototyp baut man nicht. Block eins des Kraftwerks geht 1973, der zweite 1975 ans Netz. In jenem Jahr absolviert der junge Diplomingenieur Nikolai Steinberg dort ein Praktikum. Er soll lernen, was er in Kürze in dem bereits im Aufbau befindlichen Werk im ukrainischen Tschernobyl an Kenntnissen brauchen wird. In einer TV-Dokumentation von 2023 erzählt er: „Ich wusste, wie der RBMK auf dem Papier aussah. Aber das hier war ein laufender, funktionierender Reaktor. Sehr interessant.“
Dann kommt die Schicht vom 30. November 1975, und ganz „offensichtlich war etwas passiert. Da gab es viele Anweisungen. Unmöglich durchzublicken. Und schon kam der Befehl: Alle von außerhalb raus!“ Druckröhren brechen. Radioaktivität tritt aus. „Man isolierte uns. Erst zwei Wochen später wurden wir wieder reingelassen. Aber alle Mitarbeiter schwiegen. Es war nicht möglich, etwas zu erfahren.“
Elf Jahre vor Tschernobyl schrammt das Leningrader Kraftwerk knapp an einer Katastrophe vorbei. Was war passiert? Und wie gelang es, den GAU abzuwenden? Das Wissen verschwindet im Tresor. „Wir hätten die Probleme früher gesehen, wenn unsere Kollegen uns über den Unfall etwas erzählt hätten. Wir lernten dazu, ja. Aber wir waren auf uns allein gestellt.“
Keine Echtzeitdaten: Reaktor-Aktivität steigt unbemerkt
Im Norden der Ukraine, nahe der belorussischen Grenze, am Prypjat, wird ab 1970/71 das Atomkraftwerk Tschernobyl gebaut. Die parallel entstehende Wohnstadt benennt man nach dem Fluss: Prypjat. Helle Neubaublöcke, Kindergärten, ein Kulturpalast im Zentrum. Badestrände. Wälder. Tragflächen-Schnellboote verkehren mehrmals täglich ins nur 140 Kilometer entfernte Kyjiw. Zuletzt leben in Prypjat 45.000 Menschen, ihr Durchschnittsalter 26. Der Aufbau des Kraftwerks allerdings verzögert sich erheblich. Erst im Oktober 1977 kann Block eins in Betrieb genommen werden. Zwei RBMKs erzeugen ab Ende 1978 Strom. 1983 schließlich geht Block vier ans Netz.
Am 26. April 1986, gleich nach Mitternacht, wird hier ein Sicherheitstest durchgeführt. Man simuliert einen Stromausfall. Danach soll Block vier abgeschaltet und gewartet werden. Zunächst wird der Reaktor auf geringe Leistung heruntergefahren. Um 1.23 Uhr wird die externe Stromversorgung gekappt. Das Notstromaggregat springt an. Test gelungen, scheinbar.
Allerdings ist die Aktivität in Teilen des Reaktors stark gestiegen, unbemerkt von der Crew. Sie hat keine Echtzeitdaten, der Rechner hinkt bis zu einer halben Stunde hinterher. Als der Reaktor nun, wie geplant, vollständig abgeschaltet wird, also die Bremsstäbe eingefahren werden, fachen deren Graphitspitzen die Kettenreaktion weiter an. Dampfblasen, die sich aufgrund der enormen Hitze in den Druckröhren bilden, treiben die Reaktion zusätzlich. Die Leistung im RBMK steigt exponentiell. Der Reaktor, heiß wie die Oberfläche der Sonne, explodiert. Sein Kern liegt plötzlich frei. Der Graphit brennt. Die atomare Strahlung ist gigantisch.
„Liquidatoren“: So gut wie keiner überlebt
Kaum acht Wochen nach Michail Gorbatschows leidenschaftlichem Appell ist sie jetzt dringend gefragt, die neue Offenheit. Aber die sowjetische Nomenklatura schweigt, streitet ab, gibt Teilwahrheiten zu, immer zu spät. Gorbatschow selbst agiert als gelernter Stalinist. Er bleibt fast drei Wochen unsichtbar. Bis er sich endlich am 14. Mai in einer Fernsehrede zur Katastrophe äußert.
Der Strahlentod kommt nicht sofort. Der Körper funktioniert noch Tage. Der Mensch ist aber bereits verloren. Er stirbt qualvoll bei vollem Bewusstsein. Die „Liquidatoren“, jene Männer, denen befohlen ist, den brennenden Graphit vom Dach des Turbinenhauses zu schippen, sind Abkommandierte zum Tod. Ebenso die Feuerwehrmänner. Die Bergleute. So gut wie keiner überlebt.
Die russische Autorin Swetlana Alexijewitsch hat in ihrem Buch Eine Chronik der Zukunft Zeugen und Hinterbliebenen, auch belorussischen, den heute am meisten vergessenen, eine Stimme gegeben. Es ist ein gewaltiges Requiem, das sie für die Opfer schuf. Ljudmila Ignatenko, Frau des Feuerwehrmanns Wassili Ignatenko, erinnert sich: „Um zehn Uhr vormittags starb der Anlagenfahrer Schischenok, er als Erster. Valera Khodemtschuk konnte nicht rausgeholt werden. Er wurde einbetoniert.“
Kranke werden nach Moskau geflogen. Ihre Frauen fahren ihnen nach. Ljudmila: „Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann. Die Schwestern warnten mich: ‚Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor.‘ Ich liebte ihn doch aber! Wir hatten gerade geheiratet! Er konnte nicht mal mehr trinken. Oder ein rohes Ei schlucken. Die Mutter seines Kollegen Wolodja Prawik betete: ‚Herr, nimm mich, nimm doch mich!‘ Jeden Tag hörte ich: tot. Tischtschura: tot. Titenok: tot. – Wasjas letzte Worte waren: ‚Ljussja, Ljussenka!‘ In der Leichenkammer zogen sie ihm seine Paradeuniform an.“
Wer sich seit Tschernobyl noch Illusionen macht über „friedliche“ Atomkraft, ist blind. Wer wissend Söldnerdienst tut für die Nuklearlobby – von der Leyen, Macron, Söder –, soll verflucht sein!