Digitaler Antisemitismus: „Unser Verlag löscht täglich Hasskommentare“
Seit der Verbrecher Verlag ein Buch über „Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk“ auf Facebook und Instagram ankündigte, erhält er Hasskommentare, ein Geschäft wird bedroht. Es ist nicht das erste Mal
Nur weil der Hass digital ist, heißt es nicht, dass er nicht ankommt
Illustration: der Freitag
Ich bin Mitinhaber eines Verlags. Und ich weiß: Wer sich in die Öffentlichkeit stellt, muss sich nicht beschweren, wenn er kritisiert wird. Doch seit einigen Monaten verändert sich der Ton in den Kommentarspalten unserer Social-Media-Kanäle ins ausgesprochen Abstoßende.
Denn wenn mein Verlag Hinweise oder Rezensionen bei Facebook oder Instagram zu Büchern postet, in denen es um Antisemitismus oder den Holocaust geht, fühlen sich immer mehr Menschen bemüßigt, antisemitische Statements rauszuhauen. Dass es gar keinen Judenhass gäbe, heißt es dann, dass antisemitische Angriffe nie stattgefunden hätten oder dass „die Rothschilds“ die Schuld am Holocaust trügen, „mit ihrem Reichtum“.
Diesen digitalen Schmutz gibt es seit Anbeginn der Social-Media-Ära, das ist schnell gelöscht. Doch diese schon fast klassisch zu nennenden antisemitischen Aussagen, die eher aus extrem rechter Ecke kommen, werden neuerdings immer öfter von antisemitischen Statements von eher „linken“ oder „alternativen“ Autoritätsgläubigen getoppt.
Von der sonst beschworenen linken Solidarität war da wenig zu spüren
Einige Beispiele: Als vergangenen Herbst rechte Hetzportale und die AfD verlangten, dass linke Verlage wie der unsrige vom Deutschen Verlagspreis ausgeschlossen werden müssten (und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dem damals, anders als beim Buchhandlungspreis, nicht nachgab), fanden sich neben rechten Drohungen, in denen „Vollzug“ nach einer kommenden „Machtübernahme“ angekündigt wurde, weitaus mehr Kommentare, in denen uns vorgeworfen wurde, das Preisgeld vom „Zionisten-Büttel“ Weimer anzunehmen. Von der in linksautoritären Kreisen sonst stets beschworenen linken Solidarität war da wenig zu spüren.
Dem maßen wir zunächst kaum Bedeutung bei, denn wir werden als Verlag, dessen Bücher auch den Fans von Netanjahus Regierung nicht gefallen, oft von verschiedenen „linken“ Gruppen attackiert, denen es schwerfällt, Argumente auszuhalten, die ihr Weltbild erschüttern könnten.
Jeder Text wird angegriffen, der jüdisches Leben für schützenswert erachtet
Seit Anfang dieses Jahres allerdings hat sich der Ton grundlegend geändert – nun wird jeder Text, in dem jüdisches Leben für schützenswert erachtet wird, angegriffen, jeden Tag müssen wir Hasskommentare löschen. Die Takes sind dabei erstaunlich. So wurde etwa unter die Nachricht vom Tod der Holocaustüberlebenden Bela Winkens geschrieben, dass dieser Post „nur vom Genozid ablenken“ solle.
Kommt das Wort Antisemitismus in einem Buchtitel vor, so wird den Autor*innen oder Herausgeber*innen umgehend unterstellt, sie seien „Kindermörder“. Offenkundig wird nicht mal der Text des Postings gelesen. Bei einem Buch zu jüdischen Identitäten im Punk (in dem viele pro-palästinensische und regierungsfeindliche Bands aus Israel zu Wort kommen) ging es sogar so weit, dass bei einem Geschäft, das dieses Buch auf seinen Social-Media-Kanälen zur Vorbestellung empfahl, die Kommentarspalte unter dem Post binnen zweier Tage hunderte Beiträge aufwies, in denen der Laden und seine Belegschaft bedroht wurden. Es gab auch persönliche Drohanrufe, zudem wurde die Fassade beschmiert.
Dem Antisemitismus wird mit erschreckender Leidenschaft gefrönt
Es geht hier nicht darum, jene zu diskreditieren, die Kritik an der israelischen Kriegsführung und der Repressionen gegen die eigene Bevölkerung äußern. Ganz im Gegenteil. Wem aber zu allen jüdischen Menschen weltweit nichts anderes mehr als „Kriegsverbrecher“ oder „Kindermörder“ einfällt, der übertreibt oder polemisiert nicht etwa, nein, der bestätigt nur das Satre’sche Diktum, demzufolge der Antisemitismus „keine Denkweise“ sei, sondern „eine Leidenschaft“.
Und die Leidenschaft, mit der diese Leute ihrem Antisemitismus frönen – nicht selten unter Klarnamen –, ist erschreckend intensiv. Sie leiten oft sogar moralische Überlegenheit aus ihrer Menschenverachtung ab, indem sie Kriegsopfer instrumentalisieren.
Wie das Beispiel des Geschäftes, das unser Buch beworben hatte, zeigt, verlässt diese „Leidenschaft“ auch den digitalen Raum und tobt sich in der Realität aus. Das ist angesichts der eh schon drastisch gestiegenen antisemitischen Gewalttaten seit dem 7. Oktober 2023 alarmierend. Die Gesellschaft muss dagegen einstehen – mit Missbilligung und Bildung. Indem wir die Hasskommentare konsequent abblocken. Indem wir die Täter benennen. Indem wir uns an die Seite der Bedrohten stellen.