Papstkritik, Grönemeyer und eine ehrliche Finderin
Hallo,
im frühlingshaften Italien, manche lagen schon am Meer, war das Fußball-WM-Aus schnell vergessen. Dafür redete man im Dorf über Benzinpreise (günstiger als in Deutschland!). Und über den Papst. Wie würde sich Leo gegenüber Trump verhalten? Diese Frage stellte sich unser Autor Michael Jäger gleich nach der Papst-Wahl und ahnte bereits, dass der US-Amerikaner zum Gegenspieler Trumps werden könnte. Aber so scharf?
Leo XIV., der in den USA geboren ist und auch eine peruanische Staatsbürgerschaft besitzt, hatte den Krieg in Iran, Gewalt und Imperialismus klar verurteilt. Trump schlug zurück, der Papst sei „schwach“ und „schrecklich“. Dann veröffentlichte Trump auf der Plattform Truth Social ein KI-generiertes Bild, auf dem er als Jesus erscheint – und brachte alle Gläubigen gegen sich auf. Mittlerweile hat er es gelöscht.
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Über viele Jahre verehrten Teile der religiösen Amerikaner diesen Präsidenten. Das könnte, nach der Kritik von Papst Leo XIV. und dem Jesus-Fiasko over sein. Die Geistlichen stellen sich hinter den Pontifex und dessen Anti-Kriegs-Rhetorik. Kardinäle und Bischöfe in den USA kritisieren insbesondere die Migrationspolitik von Trump. Der Papst ist eine echte Gefahr für Trump geworden. Kann Leo Frieden bringen?
So wie einst Papst Leo der Große, der es laut Legende bei einem Treffen mit dem Hunnenkönig Attila geschafft hatte, diesen vom geplanten Angriff auf Rom abzubringen. Das Treffen der beiden im Jahr 452 n. Chr. wird im Fresko von Raphael wiedergegeben, es war Vorlage für Hollywoodfilme und Songs.
Auch wenn der Papst sicher kein „Marxist“ ist (so hatten Maga-Anhänger ihn beschimpft), die Katholiken in den USA könnten Trump die bevorstehenden Mid-Terms verderben. Da staunt eine Atheistin wie ich.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Ehrliche Finderin! Sie kennen das. Man möchte sorglos durch eine Sehnsuchtsstadt flanieren, den Tag verschleudern und dann seinen Begleiter auf einen Drink einladen. Aber wo ist das Portemonnaie? Hä? Ich hatte es doch gerade noch. Liegen gelassen, aber wo? Geklaut? Schock. Cool bleiben. Ausweis. Alle Karten. Sofort sperren! Besinnung aufs Wesentliche. Kinder sind gesund. Die Sonne scheint. Wir lassen uns nicht die Stimmung versauen. Solche Momente ersetzen jeden Coach.
Als ich, zurück in Berlin, gerade anfangen wollte, die Ämter abzuklappern, rief meine Kollegin an. Eine Italienerin habe sich in der Redaktion gemeldet. „Sie hat Dein Portemonnaie gefunden und will es Dir zurückschicken!“ Das musste ein Wunder sein. Es gibt noch ehrliche Menschen! Die Frau hatte auf allen Kanälen versucht, mich zu erreichen und schließlich gesehen, wo ich arbeite, also mailte sie dem Freitag. Sie hat ein Paket gepackt und schickt es nach Berlin. Wir wollen uns irgendwann mal treffen.
Und ich habe beschlossen, mir eine Bauchtasche zuzulegen. Sowas war in den 80ern schick, aber es muss ja nicht neongrün sein.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen: Es war 1988, Ostberlin, wir hatten von einem bayrischen Bekannten meiner Eltern eine Kassette bekommen: schwarz-grün-metallic. Herbert Grönemeyer stand in Handschrift darauf, auf der einen Seite 4630 Bochum, auf der anderen Ö. Wir hörten die Lieder in Dauerschleife im Auto: Jetzt oder Nie, Keine Heimat. Meine Eltern kannten Was soll das? auswendig, sangen laut mit.
Daran musste ich denken, als die Schauspielerin Nina Hoss in der Doku zum 70. Geburtstag von Herbie erzählt hat, wie sie „mit Shampoo oder mit Haarbürste in der Hand Was soll das hoch und runter vor dem Spiegel gesungen“ hat. Sie sei, wie mehrere Generationen, mit Grönemeyers Musik aufgewachsen.
Ich blieb hängen.
Weltfußballer Toni Kroos tauchte auf, geboren in Greifswald, sein Vater habe ihn früher zu Grönemeyer-Konzerten mitgenommen, sagte er. Beide lieben Fußball. Grönemeyer sagt, nur der Gang auf den Rasen vor einem Fußballmatch sei aufregender als der auf die Stadionbühne. Es ist mehr als ein Happy-Birthday-Porträt, die Frage, wie man mit Angst umgeht, mit Rückschlägen, zieht sich durch den Film. Menschen aus Grönis Hinterland kommen zu Wort, wie sein langjähriger Bodyguard.
Bochum, der Ruhrpott, das Arbeitermilieu, aus dem er stammt, es wird nahbarer. Natürlich geht es um Musik. Um Grönemeyers Umgang mit der deutschen Sprache. Die ersten Lieder, für die er verlacht wurde, seinen Aufstieg zum Popstar.
Wir waren in der Waldbühne, im Jahr 2002. Als er mit Mensch auf Tour war, es war das erste Album nach dem Tod seiner großen Liebe. Ich werde diesen Abend nie vergessen. Diese Stille beim Lied Der Weg. Es wurde das meistverkaufte deutschsprachige Album aller Zeiten, für Grönemeyer war es der Weg zurück ins Leben. Ein paar Akkorde, seine Rettung.
4. Lese-Empfehlung
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➜ Die turbulente Geschichte des linken Deutsch-Rap: Meine Tochter singt heute eine Cover-Version von Du liebst mich nicht nach, ich hörte damals das Original von Sabrina Setlur, aber das war eher Mainstream, so wie die Fantastischen Vier. Mein Kollege und Freitag-Musikkolumnist Konstantin Nowotny erzählt in seinem Text vom Gegenstück. Von Rap-Gruppen wie Anarchist Academy, deren Songs und Texte sich explizit um Rassismus drehten und mit der Frage beschäftigten, wer überhaupt Deutsch sein darf.
Und er beschreibt, wie sich in den 2000ern dann zunehmend weibliche, migrantische und queere Künstler*innen wie Lena Stoehrfaktor, Ebow oder Sookee etablieren konnten.
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„Ich hab ein’n grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf. Dies bedingt, dass ich mir oft die Haare ’rauf“ – mit diesen Zeilen fing vielleicht nicht alles, aber doch einiges an. Anfang der 1990er Jahre, wo deutsche Reisepässe noch nicht europäisch und daher armeegrün statt weinrot sind, ist Rap auf Deutsch ein noch vergleichsweise junges Phänomen.
Mit Advanced Chemistry sticht aber bereits in diesen Pionierjahren eine hochpolitische Gruppe heraus. Die Single Fremd im eigenen Land (1992) erscheint im selben Jahr, in dem Rechtsextreme unter Applaus der lokalen Bevölkerung ein Wohn- und ein Asylbewerberheim im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen verwüsteten.
Kofi Yapko alias „Linguist“ beginnt den Track mit einer Erzählung über seinen von Diskriminierung und Rassismus durchzogenen Alltag in einem Deutschland, in dem er geboren und aufgewachsen ist: „Ein echter Deutscher muss auch richtig Deutsch ausseh’n. Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr. Gab’s da nicht ’ne Zeit, wo’s schon mal so war?“
➜ zum ganzen Text
Feedback
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Das war’s von mir für heute, die Woche schwankt so langsam Richtung Ende. Ich hoffe, dass Sie nicht irgendwo was liegen lassen. Und vielleicht hören Sie nochmal ein paar alte Grönemeyer-Songs. Oder lieber Hip-Hop?
Viele Grüße,
Ihre Maxi Leinkauf
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