Finanzskandal: Brasiliens Wolf of Wall Street

Wenn Daniel Vorcaro feierte, konnte es nie genug sein. Zu seiner Verlobung lud der Brasilianer in die Hadriansvilla, eine antike Palastanlage in Rom. Zum Karneval in Rio de Janeiro bat er Geschäftspartner seiner Bank und Freunde zu Partys, die umgerechnet mehrere Millionen Euro gekostet haben sollen, wie brasilianische Medien berichten: Hochdekorierte Küchenchefs servierten erlesene Speisen, bekannte brasilianische Künstler traten auf. Der 15. Geburtstag seiner Tochter, in Brasilien ein wichtiges Datum auf dem Weg zum Erwachsenwerden, stellte alles in den Schatten: Vorcaro soll damals sogar vielen Bewohnern des Stadtviertels, in dem die Party stattfand, eine Nacht im Hotel finanziert haben, damit die Tochter und ihre Gäste ungestört feiern konnten.

Heute sitzt der Zweiundvierzigjährige im Gefängnis. Denn was viele angesichts dieses extravaganten Lebensstils schon länger ahnten, scheint sich nun zu bestätigen: Bei Vorcaros Geschäften ging wohl vieles nicht mit rechten Dingen zu. Zwar bestreitet der Banker alle Vorwürfe, aber die Beweise gegen ihn sind drückend. Vorcaro, das kann man schon jetzt sicher sagen, steckt inmitten des größten Finanzskandals in der Geschichte Brasiliens. Und er könnte auch einen Teil der Elite des Landes mit sich in den Abgrund reißen.

Lebensmotto: Geld verdienen

Die brasilianische Presse hat den Banker darum in Anlehnung an den amerikanischen Betrüger Jordan Belfort den brasilianischen „Wolf of Wall Street“ getauft. Manche bevorzugen auch den Namen „Wolf der Faria Lima“ – so heißt die Straße in São Paulo, in der brasilianische Großbanken und Investmenthäuser ihren Sitz haben. Doch der Vergleich mit dem eher grobschlächtigen Belfort wird Vorcaro nicht ganz gerecht. Er ging sein Vorhaben gerissener an, knüpfte Kontakte zu hochrangigen Politikern und sogar zu Verfassungsrichtern. Nur so konnten seine dunklen Geschäfte jahrelang verborgen bleiben. Relativ offen hat Vorcaro auf einer Veranstaltung einmal gesagt: „Networking ist sehr wichtig für Unternehmer. Man muss Verbindungen aufbauen, die dem eigenen Geschäft dienlich sind.“

Das beherzigte der Sohn eines Immobilienunternehmers aus Belo Horizonte von klein auf. In seiner Heimatstadt, die deutschen Fußballfans durch den 7:1-Sieg der Nationalmannschaft gegen Brasilien 2014 in Erinnerung ist, schaffte es Vorcaro schon in jungen Jahren, öffentliche Gelder für sein Lieblingsprojekt zu mobilisieren: Ein Luxushotel mit 37 Etagen und einem großen Veranstaltungszentrum sollte entstehen. Daraus wurde nie etwas. In Belo Horizonte ist man seitdem nicht mehr allzu gut auf Vorcaro zu sprechen.

Doch der ließ sich nicht beirren, wollte unbedingt in die Finanzwelt. Er legte sich die Attribute zu, die in dieser Welt bis heute Erfolg versprechen. Er studierte Betriebswirtschaft, machte zusätzlich einen MBA-Abschluss und entsprach in seinem äußeren Auftreten ganz dem Klischee des Investmentbankers: durchtrainiertes Kreuz, zurückgekämmtes Haar, dunkle Anzüge. Dazu sagte er gerne Sätze wie: „Es gibt keine Rendite ohne Risiko, kein Unternehmertum ohne Risiko, das ganze Leben ist ein Risiko.“ Auf seinem Instagram-Profil präsentierte er sich häufig leger, aber stets in möglichst luxuriöser Umgebung. Jene, die auf ihn vertraut haben, dürften all das im Nachhinein als Hohn empfinden.

So inszenierte sich Daniel Vorcaro auf Instagram.
So inszenierte sich Daniel Vorcaro auf Instagram.

Geld verdienen – und zwar mit welchen Methoden auch immer, das scheint schon früh Vorcaros Lebensmotto gewesen zu sein. Nach dem gescheiterten Bau des Luxushotels schloss er sich eine Zeit lang einer Gruppe von Freunden an, die ihr Geld mit dem Betrieb privater Friedhöfe verdienten. Seine große Chance sah Vorcaro dann 2017 gekommen: Man überließ ihm für einen symbolischen Betrag eine Bank in Schwierigkeiten, die auf Immobiliengeschäfte spezialisiert war. Warum die brasilianischen Behörden das damals einem Mann mit Vorcaros Vorgeschichte erlaubten, ist bis heute Gegenstand wilder Gerüchte. Die einfache, wenig spektakuläre Wahrheit könnte sein: Man war froh, dass jemand versuchen wollte, die Bank zu erhalten.

Vorcaro gab ihr einen neuen Namen, sie hieß nun Banco Master. Dann baute er in Windeseile ein Geschäft auf, das zunächst außerordentlich erfolgreich schien, aber bei Fachleuten schon früh Zweifel weckte: Die Bank gab in Brasilien übliche spezielle Anleihen heraus, für die sie enorme Renditen in Aussicht stellte. Das kam vor allem bei Privatanlegern gut an. Das Geld aus den Anleihen floss allerdings in hochriskante Investitionen. „Distressed assets“ ist der international übliche Fachbegriff dafür. So klar dürfte das den meisten Anlegern nicht gewesen sein; zumal ihnen Vorcaro stets versicherte, die gesetzliche Einlagensicherung komme im Fall der Fälle dafür auf.

Exklusive Firmenfilialen, exzellente Verbindungen in die Politik

Dem Bankeigentümer gelang es geschickt, sich trotz dieses höchst anfälligen Geschäftsmodells als seriös zu verkaufen. Dazu gehörte es, Firmenfilialen an exklusiven Standorten zu eröffnen – beispielsweise im amerikanischen Miami, einer Stadt, die viele wohlhabende Brasilianer gerne im Urlaub besuchen. So sollte der Eindruck entstehen, Banco Master sei überall. Dass die Büros am Ende nie so richtig bezogen wurden, fiel lange niemandem auf.

Wichtiger aber waren Vorcaros Verbindungen in die Politik. Dort kam gut an, dass er gerne erzählte, man müsse „ein neues Narrativ“ prägen und insbesondere im Ausland positiver über die Geschäftschancen in Brasilien sprechen. Vor allem aber hatte der brasilianische Banker finanzielle Argumente auf seiner Seite: So engagierte er den früheren Finanzminister Guido Mantega und zahlte ihm ein fürstliches Honorar. Sogar zu den obersten Richtern des Landes knüpfte er Verbindungen. Die Frau des mächtigen Richters Alexandre de Moraes, der beispielsweise das Verfahren gegen den früheren Staatspräsidenten Jair Bolsonaro leitete, hatte einen hoch dotierten Beratervertrag mit Banco Master abgeschlossen. Ihr Anwaltsbüro soll umgerechnet mehrere Millionen Euro für ihre Dienste erhalten haben. Ein anderer Richter flog noch im vergangenen Jahr auf Kosten der Bank im Privatjet zu einem Fußballspiel. Die brasilianische Öffentlichkeit reagiert darauf nun mit Empörung, zumal das oberste Gericht bislang keinen Ethikkodex hat wie beispielsweise das deutsche Bundesverfassungsgericht. Aber solange die Verbindungen unter der Oberfläche blieben, waren sie für Vorcaro äußerst nützlich.

Irgendwann wuchs die Angelegenheit dem Brasilianer über den Kopf. Es ist fast logisch, dass ein derart riskantes Geschäftsmodell auf Dauer nicht durchzuhalten war. Denn viele der Investitionen, auf die Vorcaro und seine Leute setzten, gingen schief. Seine Kunden mussten also befürchten, ihr Geld nie wiederzusehen. Als studierter Betriebswirt dürfte Vorcaro geahnt haben, dass dieser Tag früher oder später kommen würde. Folgt man der Berichterstattung brasilianischer Medien, tat er trotzdem alles, um den Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuzögern. Wieder kam er auf die Idee, seine guten Kontakte in die brasilianische Hauptstadt Brasilia zu nutzen.

Er versuchte, sich einer regionalen Bank der Hauptstadt anzudienen, die im Staatsbesitz ist. Im Banco de Brasília oder kurz BRB traf sein Ansinnen auf Interesse, was wenig verwunderlich ist. In der von der Regionalregierung kontrollierten Bank sprach man sich bald dafür aus, Vorcaros Institut zu übernehmen. Die stolze Summe von umgerechnet rund 300 Millionen Euro wollte man dafür ausgeben. Vor allem Abgeordnete aus dem Lager des früheren Staatspräsidenten Bolsonaro unterstützten die Idee. Vorcaro und seine Familie hatten den Politiker mit Spenden unterstützt.

Wäre das Geschäft geglückt, wäre Vorcaro alle seine Sorgen los gewesen. Denn so hätte seine angeschlagene Bank ausgerechnet der brasilianische Staat übernommen – eine Art Gütesiegel, welches ihm das Vertrauen der Kunden weiter gesichert hätte. Und der Banker und seine Leute hätten auch noch Geld für den Kauf durch den Staat erhalten. Das war ein gerissener und unanständiger Plan zugleich.

Dass so gut wie alle Finanzexperten des Landes von dem Vorhaben abrieten, hätte es trotzdem fast nicht verhindert. Die politischen Verbindungen, die Vorcaro aufgebaut hatte, schienen sich ein weiteres Mal auszuzahlen. Als die brasilianische Zentralbank sich die Details der Übernahme näher anschauen wollte, versuchten Abgeordnete, im Kongress ein neues Gesetz durchzubringen mit nur einem Ziel: den Präsidenten der Zentralbank abzulösen.

Verhaftung am Flughafen

So weit aber kam es dann doch nicht. Die Behörden machten gerade noch rechtzeitig einen spektakulären Fund öffentlich, der sich beim Durchleuchten der Bücher aufgetan hatte. Danach waren viele der vermeintlich von Banco Master geführten Konten in Wahrheit erfunden. Anders gesagt: Vorcaro und seine Kompagnons hatten ihre Bank als solider dargestellt, als sie eigentlich war. Bei diesem Bilanzbetrug erheblichen Ausmaßes soll es um eine Summe von umgerechnet rund zwei Milliarden Euro gehen. Banco Master wurde daraufhin abgewickelt. Die Debatte, wie all das so lange unentdeckt bleiben konnte, wird in Brasilien nun jeden Tag lauter.

Ende des vergangenen Jahres wurde Daniel Vorcaro am Flughafen in São Paulo verhaftet, als er gerade einen Privatjet in Richtung Malta besteigen wollte. Angeblich sei dies eine lange geplante Reise gewesen, ließ er später über seine Anwälte ausrichten. Aus dem Gefängnis ließ er außerdem mitteilen: „Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Mann von Ehre bin. Ich werde nicht ruhen, bis ich nachweisen kann, dass ich Opfer eines beispiellosen Missbrauchs geworden bin.“ Er sei sich sicher, dass das Verfahren gegen ihn am Ende eingestellt werde. Aus seiner Zeit in Gewahrsam ist bislang vor allem ein Bild in Erinnerung geblieben: Es zeigt Vorcaro mit einer Bibel in den Händen.

Source: faz.net