Staffel 3 von „Euphoria“: Von dieser High School in den Stripclub

Was zum Teufel hat Rue Bennett die ganze Zeit getrieben? Die Frage dürfte viele Fans der Coming-of-Age-Serie „Euphoria“ bewegt haben. Vier Jahre mussten sie auf die dritte Staffel warten. Die Geschichte der bipolaren, mehrfach abhängigen, 17 Jahre alten Halbwaise Rue (Zendaya), die sich in ihre Transgender-Freundin Jules (Hunter Schafer) verliebt, begeisterte und berührte Kritiker und Zuschauer gleichermaßen. Es war das grell stilisierte und doch treffende Sittenbild einer amerikanischen Jugend in der vermeintlichen kalifornischen Vorstadtidylle, in der Drogen und Sex allgegenwärtig sind.

Klar gab es Stereotype: die Footballspieler, die Schönen, die weniger Schönen, die Neue. Aber keine Figur wurde flach erzählt, die Bilder waren wunderschön und transportierten – mal in hellem oder kaltblauem Neonlicht, mal in warmem Bernstein – die Gefühle der Menschen, von deren Leben Rue als nicht immer zuverlässige Erzählerin aus dem Off berichtete.

Zeitgeistig war „Euphoria“ im besten Sinne. Beobachtend statt belehrend griff die Serie die aktuellen Themen der Gen Z auf, mal sensibel, mal ziemlich provokant und brutal – das Aufwachsen im digitalen Zeitalter, die amerikanische Opiatkrise und das Aushandeln geschlechtlicher Identität, um nur drei Motive zu nennen. Zudem war Sam Levinsons Serie das Sprungbrett für eine neue Generation talentierter Schauspieler, die mittlerweile von Teenager-Idolen zu erwachsenen Hollywoodgrößen gereift sind.

Vom Coming-of-Age-Drama zu einer tarantinoesken Gangsterstory

Was uns wieder zur Eingangsfrage bringt: Wie ist es Rue nach der Schulzeit ergangen? Dass sie, mittlerweile Anfang 20, zu einer Bordellmatrone und Waffenhändlerin in einem Neo-Western wird, damit hätte wohl kaum jemand gerechnet. Zu Beginn der ersten drei Folgen, die HBO der Presse bereitgestellt hat, erfahren wir, dass sie als Drogenkurierin ihre unbezahlten Schulden bei der Dealerin Laurie (Martha Kelly) abarbeiten muss. Als sie ein Päckchen Ecstasy in einer Villa abliefert, lernt sie den Stripclubbetreiber Alamo (Adewale Akinnuoye-Agbaje) kennen, der eine „Ressource sammelt, wertvoller als Gold, Öl und Uran zusammen“. Man kann sich schon denken, was gemeint ist. Fünf der „unanständigsten“ Etablissements in Kalifornien nennt er sein Eigen, vermarktet unter dem Motto: „Nackte Haut, voll versaut.“

Ein „Traumjob“ für Rue, die bei Alamo als Mädchen für alles anheuert, hinter den Kulissen für das Wohlbefinden der Stripperinnen sorgt und am Ende sogar Sturmgewehre vertickt. Die Figur des Alamo, weißer Cowboyhut und goldener Revolver, und seines ernsten Handlangers B. in Siebzigerjahre-Optik – runder Afro, breitkragiger Ledermantel – könnte von Quentin Tarantino stammen. Doch was in „Pulp Fiction“ und „Jackie Brown“ funktioniert, sorgt bei „Euphoria“ für Irritation. Wie kamen wir von einem Coming-of-Age-High-School-Drama zu einer tarantinoesken Gangsterstory?

DSGVO Platzhalter

Levinson selbst nennt die dritte Staffel die „God and Country“-Season. Das Erwachsenwerden fühle sich heutzutage an wie der „Wilde Westen“. Eine Metapher, deren direkte Umsetzung ins passende Genre befremdlich wirkt. Von der sensiblen, verletzlichen Rue ist kaum noch etwas zu sehen. Zendaya spielt wunderbar nonchalant, doch wirkt die Figur erschreckend eindimensional. Rues schwere Suchterkrankung? Ihre psychischen Probleme? Alles nur Randnotizen.

Und auch bei den anderen wichtigen Protagonisten steht die Sexarbeit im Vordergrund: Der manipulative Ex-High-School-König Nate (Jacob Elordi) hat das Immobiliengeschäft seines Vaters übernommen. Statt Erfolge häuft er Schulden an, was es schwierig macht, die finanziellen Ansprüche seiner Verlobten Cassie (Sydney Sweeney) zu erfüllen. Die träumt vom Influencerinnen-Dasein und liebäugelt mit einer Karriere als Erotikmodel auf OnlyFans. Jules, Rues große Liebe, bricht ihr Kunststudium ab, um sich ihr Leben als Sugarbabe von älteren Männern finanzieren zu lassen, denen sie im Gegenzug ihren Körper hergibt.

Zweideutige Bildsprache: Cassie (Sydney Sweeney) läuft Vanilleeis über die Hand
Zweideutige Bildsprache: Cassie (Sydney Sweeney) läuft Vanilleeis über die HandAP

Was uns Levinson über die sexuelle Selbstausbeutung als vermeintlichen Schlüssel zu Reichtum und Unabhängigkeit sagen will, lässt die Serie in den ersten drei Folgen offen. Angesichts schwindelerregender Summen, die manche Betreiberin eines OnlyFans-Accounts erwirtschaftet, und der Selbstverständlichkeit, mit der teils sehr junge Frauen sich für Männer zum Objekt machen, ist das Thema gut gewählt. Im Kontext der Serie erscheint es aber als willkürlich. Zudem macht sich Levinson die sexualisierte Ästhetik mit seiner Bildsprache erkennbar zu eigen.

Sydney Sweeney wird für neuen Debattenstoff sorgen

Ausgerechnet die von Sydney Sweeney gespielte Cassie muss auch in der Fortsetzung für schlüpfrige (teils lächerliche) Posen herhalten. Man kann das als provokanten, selbstreferenziellen Kommentar zur Male-Gaze-Debatte deuten – also zur Frage, ob Frauen in Filmen und Serien vor allem zur Begierde eines heterosexuellen, männlichen Publikums in Szene gesetzt werden –, in deren Mittelpunkt Sweeney bereits in den ersten Staffeln stand. Neuen Diskussionsstoff liefert Levinson in jedem Fall. Das ist vielleicht das Beste, was man nach drei Folgen über diese Staffel sagen kann.

„Euphoria“ ist großartig inszeniert und gespielt und lohnt sich allein schon deshalb, um zu erfahren, wie es Rue und ihren Freunden ergangen ist. Aber manch einer dürfte enttäuscht oder gar erzürnt darüber sein, wohin Levinson seine Figuren führt. Man hätte viel erzählen können von diesen Frauen der Gen Z, die in einem gespaltenen Land erwachsen werden, in dem die Geschlechter noch mehr um ihre Rolle kämpfen als zu Beginn der Serie im Jahr 2019. Ihre Leben hätten unzählige Versionen mit mehr Tiefe zugelassen als die abgedrehte Neo-Western-Sexarbeiter-Version, für die sich Sam Levinson entschieden hat. Spannend ist das, aber erstaunlich nichtssagend.

Euphoria läuft bei HBO Max, Sky und Wow.

Source: faz.net