Curtis Yarvin in Elmau: Hat die Demokratie ausgedient?

Das bayerische Schloss Elmau ist weniger als Heimat von Aristokraten denn als Ort des geistigen und politischen Austauschs bekannt – und wenn man die Künstler und Intellektuellen, die sich hier treffen, trotzdem als Elite bezeichnen mag, dann deshalb, weil sie sich durch Qualitäten auszeichnen, die heute für Status stehen, für Bildung, Kreativität oder auch nur für das Talent, die öffentliche Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Insofern steht das bürgerliche Schloss, das Hotelbesitzer Dietmar Müller-Elmau zu einem Luxushotel ausgebaut hat, für alles, was die liberale Demokratie auszeichnet.

Schloss Elmau, so brachte es der britische Historiker Timothy Garton Ash, selbst das perfekte Beispiel so eines Homo Elmau, in der vergangenen Woche in Elmau auf den Punkt, verkörpert alles, was Europa in den vergangenen Jahrzehnten erreicht hat: Wohlstand und Kultiviertheit, Friedlichkeit, Kosmopolitismus. Und wenn wirklich demnächst das Ende der Welt bevorstehe, scherzte Ash, könne er sich keinen besseren Ort zum Sterben vorstellen als hier inmitten des erhabenen Wettersteingebirges.

In Zeiten, in denen von allen Seiten das Ende der liberalen Idee eingeläutet wird, nicht nur von denen, die daran arbeiten, ist Elmau aber auch das perfekte Sinnbild für alle Auswüchse, für die man die liberale Wirklichkeit kritisieren kann: für die Selbstgefälligkeit und Scheinheiligkeit ihrer Vertreter, die Kumpanei der Gebildeten mit den Mächtigen, den Dünkel der Privilegierten gegenüber den 99 Prozent, denen sie so gern ihre Solidarität versichern. Man kann diesen Zweifel kaum besser bestätigen, als es die Ankündigung des Symposiums tat, zu dem der bulgarische Politologe Ivan Krastev vergangene Woche nach Elmau geladen hatte: Unter dem Titel „World in Pieces“ würden dort „distinguierte politische Denker aus aller Welt (…) aktuelle Trends im politischen Denken diskutieren“. Dabei betonte man, dass „den Gästen und Teilnehmern genügend Zeit bleibt, sich auszutauschen, in den Spas zu entspannen und sich bei Wintersportaktivitäten im belebenden Winterwunderland wieder aufzuladen“.

Demokratiedämmerung an Schwarzwurzel

So billig die Kritik ist, die die Veranstaltung wegen derart luxuriöser Bedingungen schon von vornerein für korrumpiert hielt, so ungeschickt ist es, die ­Debatte über den Untergang der Demokratie als Unterhaltungsprogramm für stinkreiche Urlauber anzupreisen. „Verdient es die liberale Demokratie zu überleben?“ war eine der Fragen, die hier zwischen Saunaaufguss und Saibling an Schwarzwurzel auf der Agenda standen, und man muss keinen besonders revolutionären Eifer in sich tragen, um sich zu denken: in dieser Form vielleicht nicht. Und als wollte man veranschaulichen, wie wirkungsvoll die ungeschriebenen Codes von Zugehörigkeit und Exklusivität auch in Demokratien sind, war das fünftägige Symposium so angelegt, dass die Teilnehmer vormittags die Lage der Welt hinter verschlossenen Türen diskutierten, als ginge es darum, hier im bayerischen Hideaway heimlich die Strategien einer neuen intellektuellen Weltordnung auszuhandeln.

Tagungs-Kurator Ivan Krastev in Elmau
Tagungs-Kurator Ivan Krastev in ElmauThomas Straub/Schloss Elmau

Die besondere Pointe dieses exklusiven Settings war eine Personalie, die schon im Vorfeld wie bestellt für Unruhe gesorgt hatte: Als einen der „distinguierten Denker“ hatte Krastev auch den berüchtigten amerikanischen Internet-Philosophen Curtis Yarvin eingeladen. Der 52 Jahre alte Softwareentwickler hatte sich schon in den Nullerjahren unter dem Pseudonym Mencius Moldbug als Blogger den Ruf eines gefährlichen Untergrunddenkers erarbeitet, seine „neoreaktionären“ Ideen wurden im damals noch eher liberal ausgerichteten Silicon Valley herumgereicht, als wirkten sie wirklich wie die rote Pille aus dem Film „Matrix“, die Yarvin gerne als Wahrheitsdroge gegen liberale Lebenslügen verabreichte: Die Demokratie, die Idee der Gleichheit, das Versprechen des sozialen Fortschritts, all das hält er für Illusionen, die das progressive Establishment nur aufrechterhält, um an der Macht zu bleiben.

„Amerikas rechtsextremster Philosoph“

Dass Yarvin mittlerweile nicht mehr nur als abseitiger Provokateur gilt, sondern als „dunkler Königsmacher“ oder als „Sith-Lord auf Speed“ mystifiziert wird, liegt vor allem daran, dass seine Texte nach dem zweiten Wahlsieg Donald Trumps plötzlich als Drehbuch für die autoritären Aktionen der neuen US-Regierung galten: Schon vor knapp 20 Jahren träumte Yarvin von der Zerstörung staatlicher Institutionen und einem monarchistischem CEO als Staatsoberhaupt mit unbeschränkter Macht. Weil auch prominente MAGA-Fans wie Peter Thiel und Marc Andreessen zu Yarvins Bewunderern und Förderern gehören und auch Vizepräsident J. D. Vance gelegentlich Yarvins Namen droppte, sahen ihn manche als einflussreichen Trump-Flüsterer. Getroffen, sagt er, habe er den Präsidenten nie.

Curtis Yarvin in Elmau
Curtis Yarvin in Elmaustau

Diesem Ruf verdankt Yarvin auch seine Einladung nach Elmau. Schon vor Wochen hatte Müller-Elmau stolz angekündigt, bald „Amerikas rechtsextremsten Philosophen“ begrüßen zu dürfen, alles im Sinne des offenen Dialogs natürlich, für den er sein Schloss bekannt gemacht hat. Diesem hatten sich leider ein paar der anderen Teilnehmer verweigert, unter anderem fehlten Lea Ypi und Quinn Slobodian. Zwar hatten sie ihre Absage nicht offiziell kommentiert, aber man kann schon davon ausgehen, dass ihre Bereitschaft, mit Rechten zu reden, dann doch nicht so weit ging, dies mit einem zu tun, der kurz vorher in einem Tweet Hitler als Genie bezeichnet hatte. Dafür kamen sehr viele Journalisten renommierter Zeitungen aus aller Welt.

Für Krastev, der sich in seiner Besonnenheit auch durch den Gegenwind nicht aus der Ruhe bringen ließ, war die Einladung Yarvins kein Publicity-Stunt. Er wollte jemanden aus dem MAGA-Lager, der nicht einfach ein „Fußsoldat“ der Trump-Regierung sei, sagt er in einem der zwanglosen Gespräche, die man tatsächlich auf wenigen Konferenzen so ausgeruht führen kann wie als Gast in Elmau. Außerdem habe es ihn interessiert, dass er auch konzeptuell anders denke, „wie das Internet, voller Links und Referenzen“. Am wichtigsten war Krastev aber ein diskursiver Effekt: „Wenn Sie jemanden haben, der außerhalb des Konsenses steht, verändert das die Fragestellung“, sagte er. „Wenn wir unter uns wären, würden wir uns fragen, wie man die liberale Demokratie verteidigen kann. Aber er will sie nicht verteidigen, er will sie zerstören. Dann müssen wir uns fragen: Hat sie es verdient, verteidigt zu werden?“

Wie die neuen Rechten die Debatte verändern

Krastevs Gespräch mit Yarvin am Mittwochabend, dem vorletzten Tag des Symposiums, war der Fluchtpunkt der ganzen Veranstaltung, und zwar nicht nur, weil man gespannt darauf wartete, ob sich der hohe Einsatz lohnen würde. Ob es Krastev gelingen würde, woran so viele Teilnehmer im öffentlichen Diskurs regelmäßig scheitern: den Akteuren der neuen Rechten die richtigen Fragen zu stellen. In diesem Sinn aber spukte der Geist von Yarvin von Anfang an durch die Gespräche in Elmau. Und sicher könnte man nun lange darüber diskutieren, ob dieser Schatten vom eigentlichen Thema des Symposiums ablenkte, von einer konzentrierten Diskussion über die Herausforderungen einer neuen Weltunordnung oder gesellschaftlichen Zersplitterung, über Trumps Psychopathologie oder die „gekränkte russische Seele“, über die Ehrlichkeit der Heuchelei und die Heuchelei der Ehrlichkeit.

Aber so aufschlussreich die einzelnen Expertisen gelegentlich waren, so deutlich wurde während aller Gespräche, dass diese Ablenkung das eigentliche Thema ist, und zwar nicht nur auf dieser Konferenz. Die hyperaktive Überlastung von rechts verändert die gesellschaftliche Debatte – und welche Haltung die liberale Öffentlichkeit dazu einnimmt, ist mehr als eine stilistische Frage. In Elmau hatte man meistens den Eindruck, dass sich zwar die meisten Teilnehmer sehr eloquent auf die Diagnose der eigenen Überholtheit einigen können; oder erklären, warum die historischen Bedingungen, die sie ermöglicht haben, nicht mehr gegeben sind – aber eben nur mit den kommunikativen Mitteln von gestern. Mitunter wirkte dieser gepflegte Austausch von Argumenten so rührend wie die Ausübung eines veralteten Kunsthandwerks.

Im Inneren der „Kathedrale“

Was sich der Yarvin bei alldem dachte, fragte man sich in diesen Tagen oft. Kam er sich vor, als sei er im Inneren der „Kathedrale“ gelandet, einer gebauten Version seiner Metapher für die unfehlbare Allianz aus Medien und Universitäten? War er hier, um die Party zu trollen? Um von seinen Feinden zu lernen? Oder hat er tatsächlich ein Interesse an einem Dialog? „Natürlich“, sagte Yarvin, der sich im öffentlichen Teil der Tagung bis zu seinem Auftritt am Mittwochabend völlig zurückhielt, aber mit Journalisten bereitwillig ewig lange Gespräche führte, „Dialog ist immer gut. Das teile ich sogar mit den Leuten der Open Society Foundations, im Prinzip zumindest.“ Dass er nun hinter verschlossenen Türen vertrauliche Gespräche mit Alex Soros führt, einem der Antihelden rechter Verschwörungstheorien, dafür muss sich auch Yarvin seinen Anhängern gegenüber rechtfertigen. Seine Erfahrungen in Elmau hätten aber nur bestätigt, was er sowieso schon wusste: „Es gibt niemanden, der im Zentrum der Dinge das Sagen hat. Niemand weiß, was vor sich geht. Es gibt keine Kabbala, es gibt keine geheime Gruppe von Illuminati.“

Peter Sloterdijk im Gespräch mit Alex Soros
Peter Sloterdijk im Gespräch mit Alex SorosThomas Straub/Schloss Elmau

Man hat, wenn man mit Yarvin redet, schnell das Gefühl, dass man es mit einer Art Scheinriesen zu tun hat. Je näher man ihm kommt, desto harmloser wirkt er. Sein role model für seinen unternehmerischen Staatslenker ist eher Franklin D. Roosevelt als Hitler oder Mussolini, wenn er erklärt, warum, verweist er auf den unverdächtigen Literaturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch. Dass die US-Regierung Social-Media-Profile von einreisenden Ausländern kontrolliert, findet er „unsexy“, ein Zeichen von Schwäche, selbst die Zerschlagung der Universitäten, wie sie Trump derzeit praktiziert, hält er für einen Fehler: Zerstörung ohne positive Vision findet er falsch. Mit seiner Kritik an den Scheinheiligkeiten der liberalen Demokratie klang Yarvin in Elmau auch nicht krawalliger als ein raffinierterer Zyniker wie Peter Sloterdijk, der in seinem Gespräch mit Soros am Montagabend offenbar beweisen wollte, wer der amtliche Machiavellist ist: Demokratie, sagte Sloterdijk, freilich aus der sicheren Distanz des über weltlichen Dingen schwebenden philosophischen Kosmonauten, sei immer eine „false flag operation“, weil nicht der Demos die Macht ausübe, sondern Repräsentanten, ein paar wenige also, weshalb man es im Wortsinn mit einer Oligarchie zu tun habe. Wenn diese falsche Demokratie ihre Versprechen nicht mehr halten könne, würden die Menschen das falsche Spiel durschauen.

Wer von den 18 Leuten ist der Gefährliche?

Was Yarvin betrifft, drängte sich eher der Eindruck auf, dass er vor allem irgendwie dazugehören will zum Kreis der renommierten Intellektuellen: Wenn man ihn auf dem Hotelflur traf, grüßte er freundlich in seinem braunen Akademikersakko, das er statt der schwarzen Lederjacke trug, für die er von anderen medialen Auftritten bekannt ist. Auf manche wirkte es wie eine Verkleidung. Die Kollegen wiederum lobten väterlich seine Höflichkeit oder wunderten sich über seine Zurückhaltung. Der britische Politikwissenschaftler David Runciman zeigte sich fast ein wenig enttäuscht über die Angepasstheit Yarvins: Er hätte gerne einen außenstehenden Beobachter bei den internen Sitzungen am Morgen dabeigehabt, sagte er. Und ihm den Auftrag gegeben: Finde heraus, wer von den 18 Leuten der Gefährliche ist. Derjenige, dessentwegen andere abgesagt haben. Er hätte viel Geld darauf gewettet, dass der nicht Yarvin ausgewählt hatte.

Krastev hatte, als es dann zum Showdown kam, eine andere Strategie, um Yarvin zu entzaubern, eine Art Elmau-Treatment: Er versuchte, ihn tatsächlich ernst zu nehmen, ohne vor seinen „berechtigten Sorgen“ einzuknicken. So kam Yarvin auch auf der großen Bühne vor lauter Freundlichkeiten nicht zum Provozieren. Er lobte Krastevs „sehr, sehr gute Fragen“ und verlor sich in theoretischen Betrachtungen über Demokratie und Gleichheit.

Ob diese Umarmungstaktik eine Strategie ist, die auch jenseits eines politischen Retreats funktioniert, ist die Frage. „Niemand hat hier irgendein Bedürfnis, sich besonders zu inszenieren“, sagte Yarvin über die Gespräche in Elmau. Das gilt auch für ihn. Er war nicht hierhergekommen, um rote Pillen zu verteilen, im Gegenteil. Manchmal wirkte es eher, als habe er die blaue geschluckt.

Source: faz.net