Zukunft welcher Weltordnung: „Ein Krieg zwischen den USA und China ist nicht mehr unvorstellbar“
Herr Westad, in Ihrem neuen Buch „Der kommende Sturm“ schreiben Sie, dass unsere Welt anders sei als alles, was irgendjemand von uns je erlebt habe. Können Sie das erklären?
Der Ausgangspunkt für dieses Buch war, dass mich der Vergleich der heutigen Zeit mit dem Kalten Krieg ärgerte. Er ist nicht nur vereinfachend und oberflächlich, sondern auch falsch. Deshalb habe ich nach anderen Analogien gesucht, wenngleich klar ist, dass keine davon perfekt sein würde. Unsere Zeit sieht eher dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ähnlich. Zum einen weil unsere Welt multipolar ist: Großmächte und zahlreiche Regionalmächte konkurrieren innerhalb desselben globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das ist anders als bei der Sowjetunion, die sich von diesem System isolierte und es von außen zerstören wollte. Zum anderen sehen wir tiefgreifende Veränderungen – wirtschaftlich, technologisch und politisch –, die mit der Intensität und Dynamik zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichbar sind.
Nach dem Kalten Krieg galten die USA als unangefochtene Supermacht. Diese Position, folgern Sie, stehe nun infrage.
Ähnlich wie Großbritannien im 19. Jahrhundert waren die USA im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert zweifellos die stärkste Großmacht. Zunächst in dem bipolaren System, wo die Sowjetunion der größte Rivale war und seit dem Ende des Kalten Krieges allein verbleibend. Doch seit anderthalb Jahrzehnten erodiert die Macht der USA. Nicht unbedingt militärisch, aber auf jeden Fall ökonomisch. Das ähnelt dem, was Großbritannien im frühen 20. Jahrhundert widerfahren ist. Die USA verspielen ihre überlegene Position – wie Großbritannien damals – durch unnötige Kriege, unklare strategische Prioritäten sowie sozialen und wirtschaftlichen Niedergang im eigenen Land. Andere Staaten nutzen die Chancen, um ihre Position auf globaler Ebene zu stärken.

Was bedeutet das für alle anderen?
Das führt zu einer komplexeren und komplizierteren Welt. Viele hatten auch in der Vorkriegszeit 1914 das Gefühl, dass ihnen die damalige Form der Globalisierung keinen Vorteil gebracht hatte. Nationalismus und Populismus waren im Aufstieg begriffen. Der Protektionismus nahm zu, die Zölle wurden erhöht, auch das Misstrauen zwischen den Großmächten stieg. All das sehen wir heute ebenso. Der Übergang von einer alten zu einer neuen Welt läuft nie reibungslos ab. Wir müssen die Warnsignale aus der Geschichte erkennen, um nicht in eine Situation zu geraten, in der die erhöhten Spannungen zu einem Krieg zwischen den Großmächten führen. Ich fürchte, dass wir uns genau darauf zubewegen. Würde eine Krise wie im Sommer 1914 ausbrechen, wären wir nicht in der Lage, damit umzugehen. Wir sind nicht besser aufgestellt als die damaligen Entscheidungsträger.
Insbesondere die Europäische Union scheint schlecht vorbereitet.
Die Europäer müssen endlich die Verantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen. Das bedeutet, den Weg hin zu einer gemeinsamen europäischen Verteidigung bestreiten – nicht gegen die NATO und nicht innerhalb des NATO-Bündnisses. Es muss neue Formen der integrierten Verteidigungsplanung geben. Das betrifft die militärische Einsatzbereitschaft, die Waffensysteme, die operative Planung. Nun sagten mehrere Europäer zu mir, dass das nicht möglich sei. Es sei unmöglich, 27 Armeen zu integrieren, und das auch noch rapide. Doch Europa stand bereits mehrfach vor solchen Herausforderungen. Damals behaupteten einige: Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl sei undenkbar, der Binnenmarkt sei ein Wunschtraum, der Euro würde niemals funktionieren. Durch das Gefühl der Dringlichkeit haben sich die europäischen Integrationsmechanismen im Krisenmodus bewährt. Die Herausforderungen sind gewaltig, aber sie jetzt nicht anzugehen, wäre der größte Fehler, den die EU seit ihrer Gründung begehen würde.
Jüngst bezeichnete US-Präsident Donald Trump die NATO als „Papiertiger“ und drohte mit einem Austritt. Ist das Verteidigungsbündnis tot?
Ja, in der Form, in der es gegründet worden ist. Sie steht vor der größten Herausforderung, die sie je erlebt hat. Die Zeiten, in denen die NATO nach der Logik funktionierte, wonach die USA unter allen Umständen die Sicherheit Europas garantierten, sind vorbei. Die Abschreckungsfähigkeit nimmt ab, weil Trump die Glaubwürdigkeit von Artikel 5 untergräbt. Zudem destabilisiert er mit seiner Abneigung gegenüber der NATO die internationale Ordnung. Ein amerikanischer Rückzug aus Europa würde Möglichkeiten für Konflikte eröffnen, die es auf dem Kontinent seit 1945 nicht gegeben hat.
Der indische Analyst C. Raja Mohan hat kürzlich der Behauptung der Multipolarität widersprochen. Die USA seien „in die Lage versetzt worden, bisherige Beschränkungen abzulegen und ihre Macht noch aggressiver auszuüben.“ Hat er damit recht?
Viele amerikanische Kommentatoren sagen, die amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran würden zeigen, dass nur die USA über die Fähigkeit zu solchen Interventionen verfügen und diese Macht auch nutzen werden. Jedoch ist das Vorgehen eine Ablenkung von dem, worauf sich die USA eigentlich konzentrieren sollten: Die Lage in Europa und Ostasien durch Abschreckung zu stabilisieren. Der Irankrieg schwächt die Macht der USA. Nur weil die Vereinigten Staaten einen viel schwächeren Gegner angreifen, heißt das nicht, dass wir plötzlich wieder in einer unipolaren Welt leben. Es zeigt lediglich, dass dominante Großmächte, wenn sie unter Druck geraten, beginnen, um sich zu schlagen. Der Niedergang der einstigen Supermacht wird eher beschleunigt.

Der Begriff „multipolar“ ist, vor allem im Westen, umstritten. Können Sie präzisieren, was Sie darunter verstehen?
Großmächte wie China, Russland und Indien definieren Einflusssphären, die ihren Sicherheitsinteressen entsprechen sollen – auch wenn nicht alle Pole gleich mächtig sein werden. Chinas Forderung nach einer multipolaren Welt ist – ähnlich wie das amerikanische Bestehen auf Überlegenheit – ein Ausdruck der Hoffnung, dass die eigenen Interessen eine neue Weltordnung herbeiführen könnten. Indien verfolgt das Ziel, die dominante Macht in Südasien zu werden. Es wird um 2050 ein immer noch junges Land mit einer Bevölkerung von 1,7 Milliarden sein – 25 Prozent größer als Chinas viel ältere Bevölkerung. So etwas schafft Multipolarität.
Lassen Sie uns auf Ihre historische Analogie zurückkommen. Sie vergleichen die USA mit Großbritannien und China mit dem Wilhelminischen Kaiserreich. Warum?
Genau wie Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg ist auch China in seinem Erfolgsstreben auf der internationalen Bühne von einer sehr ungesunden Mischung aus Größenwahn und Furcht getrieben. China und das Wilhelminische Kaiserreich stehen beziehungsweise standen im Zentrum von zwei wichtigen Teilen der Welt: Europa und Ostasien. Zudem sind sie ökonomisch rasant gewachsen. So ein Wandel führt oft zu Instabilität. Nicht zwangsläufig wegen des Verhaltens der aufstrebenden Mächte, sondern durch das kollektive Versagen, sie in ein internationales System zu integrieren, das ihre Interessen und Ängste tatsächlich ernst nimmt. Die etablierten Mächte in Europa, insbesondere Großbritannien und Frankreich, haben dies im Hinblick auf Deutschland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert versäumt. Genauso wie wir daran gescheitert sind, China in die Sicherheitsarchitektur Ostasiens zu integrieren, als wir in den Neunzigerjahren die Chance dazu hatten. Damit will ich weder Deutschland von seiner Verantwortung für den Krieg freisprechen, noch China in irgendeiner Weise für die zunehmend aggressive Außenpolitik, die es in seiner Region verfolgt.
Welche Ziele verfolgt China dabei?

Die chinesische Führung, so mein Eindruck, strebt auf internationaler Ebene zumindest kurzfristig ein gewisses Maß an Stabilität an. Ich habe in Peking unter anderem Militärs getroffen. Bei ihnen reift die Erkenntnis, was für eine Katastrophe ein Krieg zwischen den Großmächten für China und die Welt wäre. Die Gesamtzahl der Menschen, die in den hundert Jahren zwischen 1815 und 1914 in Konflikten zwischen Großmächten getötet wurden, ist kleiner als die Zahl der Verluste an der Somme im Sommer 1916. Zwischen Juli und November 1916 gab es mehr als eine Million Tote und Verwundete. Dieser Dimension sollten wir uns bewusst sein, wenn wir über Großmachtkriege sprechen.
Der Politikwissenschaftler Graham Allison prägte 2017 den Begriff „Thukydides-Falle“. Er stellte in seiner Studie fest, dass von 16 historischen Fällen, in denen eine aufstrebende Macht eine bestehende Großmacht herausforderte, zwölf in einem Krieg endeten.
Ein Krieg zwischen den USA und China ist nicht mehr undenkbar. Der Konflikt um Taiwan ist ein wenig wie die Konflikte um Elsass-Lothringen, Bosnien und Belgien auf einmal. Für die Kommunistische Partei ist der Anspruch Chinas auf Taiwan ein zentraler Bestandteil ihrer politischen Identität, ähnlich wie 1914 der Anspruch auf Elsass-Lothringen für die Dritte Französische Republik oder der auf Bosnien für die Regierung Serbiens. Die USA verfolgen eine Politik der „strategischen Ambiguität“, die, nicht ganz unähnlich der britischen Bündnispolitik vor 1914, offenlässt, ob sie im Fall eines Angriffs der Volksrepublik Taiwan verteidigen würden. Außerdem verkaufen sie weiterhin Waffen an Taiwan, um dessen Fähigkeiten zur Selbstverteidigung aufrechtzuerhalten.
Was heißt das für die Zukunft?
Der Status quo besteht darin, den Rahmen beizubehalten, der dem Frieden nun schon seit langer Zeit dient. Alle Konfliktparteien wissen um das Taiwan-Dilemma. Jedoch ziehen die USA, China und Vertreter von Parteien auf der Insel an unterschiedlichen Fäden. Dadurch wird der Knoten immer schwerer zu entwirren. Das ist eine explosive Mischung.
Sie analysieren, wie Ängste, Ressentiments und Nationalismus zu Gewalt führen können. Wo auf der Welt sehen sie sonst die Gefahr großer Kriege?
Die größte Gefahr für einen weiteren Konflikt liegt in Südostasien. China und Japan streiten sich seit Jahren um die Senkaku-Inseln nördlich von Taiwan. Für Vietnam und Indonesien spielen die territorialen Streitigkeiten im Südchinesischen Meer eine zentrale Rolle bei ihrer Orientierung in Sicherheitsfragen. Zudem die angespannte Situation zwischen Nord- und Südkorea, die Lage in Tibet, ein Krieg im Himalaya hört sich zwar sehr unwahrscheinlich an, aber auch hier konkurrieren China und Indien um den Einfluss in Asien.
Wir leben in einer Zeit, wo Groß- und Regionalmächte sich wie Zocker verhalten. Was können wir aus der Geschichte lernen, um vom geopolitischen Sturm nicht weggerissen zu werden?
Eine wichtige Lehre aus der Welt vor 1914 lautet, dass regionale Konflikte, die lange ungelöst bleiben, die Pulverfässer sein können, die einen Weltbrand entfachen. Wenn sich Ängste – vor Demütigung, Niederlagen, Betrug – und Ressentiments mit ungelösten geopolitischen Problemen vermischen, steigt die Kriegsgefahr. Um Großmachtkriege zu vermeiden, müssen wir internationale Institutionen stärken, die dazu beitragen können, Ängste und Ressentiments abzubauen. Das tun wir aber nicht. Zudem sollten wir versuchen, uns in andere Staatsführer hineinzudenken. Vor dem Kriegsausbruch 1914 wurde viel geredet, aber wenig verstanden: In Großbritannien haben sie die strategischen Motive Deutschlands nicht begriffen. Und ebenso gab es in Deutschland das Missverständnis darüber, wie Großbritannien seine Rolle nicht nur in Europa, sondern im globalen Kontext sah. Deshalb gilt: Wir müssen es besser machen.
Odd Arne Westad: „Der kommende Sturm“. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 272 S., geb., 26,– €.
Source: faz.net