TV-Serie „King and Conqueror“: Ein Teppich mit zweihundert Pferden

Mittelalterliche Zustände sind in vielerlei Hinsicht wieder in Mode. Sie scheinen auf in Serien wie „Vikings“ über das Gemetzel bei dem Wikinger-Überfall auf das Inselkloster Lindisfarne 793, „The Last Kingdom“ über die Geburt Englands im neunten und zehnten Jahrhundert oder „Vikings: Valhalla“ über den Anfang vom Ende der Wikingerzeit in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. Die neueste Lieferung heißt „King and Conqueror“. Wieder so viele Gesichter, dass man anfangs nicht mitkommt. Aber das schleift sich ein, und in Großbritannien, wo die Serie im Sommer vergangenen Jahres anlief, weil sie für die BBC und CBS produziert wurde, kennt ja jedes Schulkind die Namen.

Allerdings wohl auch die Fakten. Wer eine Serie über „William, den Eroberer“ dreht, der England die normannische Invasion 1066 bescherte, muss sich nicht wundern, wenn dramaturgische Verzerrungen zu Kritik führen. In zahlreichen Foren im Netz beschweren sich Geschichtsnerds über harmlose Verdichtungen, lästige Modernisierungen, unnötige Abweichungen (William mit Bart und Harold ohne?) und auch schwerwiegende Fehler (wie zwei Morde).

Dramaturgische Verzerrungen führen zu Kritik

Klar war, dass „King and Conqueror“ kaum dieselbe Wirkung entfalten würde wie der vor 950 Jahren entstandene „Teppich von Bayeux“, der das Geschehen festhält. Man kann als Fernsehmacher nach Island fahren, um erhabene Kulissen zu finden, die sich der Zuschauer als England oder Normandie vorstellen kann. Man kann die kernigsten Schauspieler haben wie Nikolaj Coster-Waldau aus „Game of Thrones“, der William spielt, James Norton als Harold Godwinson, dem die Rolle Williams vom Alter her sehr viel besser gestanden hätte, oder Eddie Marsan, der sich in seinem Part als frommer König „Edward the Confessor“ sichtlich wohl fühlt.

Aber was ist das gegen den Teppich, der Williams Taten in einer Farbpracht huldigt, die in der fahlgrauen Optik von „King and Conqueror“ keinen Platz hat? Das 68 Meter lange Kunstwerk mit 623 dargestellten Personen, 202 Pferden und 41 Schiffen, ist ein Faszinosum. Es wurde möglicherweise von Williams Halbbruder Odo von Bayeux (Léo Legrand) in Auftrag gegeben und ist vom kommenden Herbst an – eine diplomatische Geste des französischen Präsidenten Emmanuel Macron – für eine Weile im Britischen Museum in London zu sehen. Mit etwas Glück übersteht das Werk den Transport.

DSGVO Platzhalter

Die Serie beginnt mit der Schlacht von Hastings. Irgendwann ist jemand zu sehen, der „William!“ ruft, und ein Zweiter, der „Harold!“ zurückbrüllt. Dann die Vorgeschichte, in der ebenfalls gerade gekämpft worden ist. Eine hochschwangere Frau fährt per Kutsche an einem Gewässer voller Leichen vorbei. Das ist Matilda (Clémence Poésy), die Tochter Balduins V. von Flandern (Oliver Masucci). Blutrot eingeblendete Lettern erklären: Wir befinden uns in der Normandie. Es geht drunter und drüber. Dass Matilda nicht zimperlich ist, wird sich später noch zeigen.

Matildas Gatte, Herzog Willliam, hat das jüngste Gemetzel mit einem Kratzer am Arm überlebt. Er sitzt mit seinem Sympathieträgerlächeln zwischen den Seinen, als Matilda eintrifft, und erfährt von ihr, zur Krönung eines Verwandten in England geladen zu sein. Wofür man nicht alles Zeit haben soll! Der weißbärtige König Heinrich von Frankreich (Jean-Marc Barr), der als Dritter das Lager erreicht, rät von der Teilnahme ab – weil doch einst er für William, den vaterlosen „Bastard“, dagewesen sei und nicht die bucklige Verwandtschaft in England.

Sie ist mit von der Partie im Machtkampf: Matilda (Clémence Poésy) Foto: Paramount
Sie ist mit von der Partie im Machtkampf: Matilda (Clémence Poésy) Foto: Paramount

Eine einflussreiche Dame mit Lady-Macbeth-Qualitäten

Mit dieser Verwandtschaft verhält es sich so: William ist der uneheliche Sohn des verstorbenen Robert I., einem Nachfahren des ersten Normandie-Herrschers Rollo. Der Verwandte in England, der heiraten soll, heißt wiederum Edward und ist der Sohn von Williams Großtante „Emma von der Normandie“ (Juliette Stevenson). Die einflussreiche Dame mit Lady-Macbeth-Qualitäten war in erster Ehe mit König Æthelred von England verbunden, dem Vater von Edward, in zweiter mit Knut dem Großen, der ebenfalls König von England war und ein „Nordseeimperium“ führte. Und auch Hardiknut, ein Sohn von Emma und Knut, wurde englischer Herrscher – bis er sich bei einem Gelage 1042 zu Tode trank. Emma muss aufpassen, dass sie da nicht die Zügel verliert.

Der echte William in der Normandie ist zu diesem Zeitpunkt vierzehn, und von seiner Anwesenheit bei der Krönung Edwards 1043 darf man wohl auch nicht ausgehen. In „King and Conqueror“ reist ein erwachsener William zur Feier – und begegnet schon auf dem Weg einem Mann, der ihn aus einem Hinterhalt rettet und fast so gut aussieht wie er: Harold Godwinson, Sohn des mächtigen Godwin von Wessex (Geoff Bell). Harold ist der zweite und tragische, mit einem eigenen Erzählstrang bedachte Held. Wer hier eine Männerfreundschaft heraufziehen sieht, liegt völlig richtig. Und doch ist uns das Ende bewusst: Harold wird Williams Gegner auf dem Schlachtfeld von Hastings sein.

Dieser epischen Schlacht – der die Schlacht von „Stamford Bridge“ vorausgeht, der letzte große Wikingerangriff auf England – läuft die Serie in acht Folgen entgegen. Der Weg scheint lang und mit vielen Worthülsen gepflastert. Aber Michael Robert Johnson, der Schöpfer von „King and Conqueror“, will eben nicht nur die Vorgeschichte abreißen oder bildgewaltige Massenszenen darbieten. Er ist auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Machtspiele aus, und das klappt doch recht unterhaltsam, wenn man ausblenden kann, dass Faktentreue hier wenig gilt. Aber auch nur dann.

King and Conqueror läuft auf Paramount+.

Source: faz.net