Streit wegen Irankriegs: Der Papst braucht Trump nicht zu fürchten

Donald Trump hat so viele Tabus gebrochen. Da könnte man meinen: Was ist schon die persönliche Diffamierung eines Papstes oder die eigene Darstellung als Jesus Christus, wenn NATO-Austritt, Grönland-Besetzung und Zivilisationsvernichtung zur Debatte standen? Peinlich und geschmacklos, mehr nicht. Aber das würde zu kurz greifen. Der amerikanische Präsident dokumentiert damit so deutlich wie nie zuvor, dass er selbst vor religiösen Autoritäten und Gefühlen keinen Respekt hat. Das ist nicht nur für Katholiken noch einmal eine neue Dimension.

Ganz überraschend kommt diese Erkenntnis zwar nicht. Dass Trump jedoch auf alle taktischen Erwägungen pfeift, um seiner Wut über einen Papst Luft zu machen, ist ein nahezu beispielloser Vorgang. Seit Napoleon Pius VI. und Pius VII. in Gefangenschaft hielt, ist ein Papst nicht mehr so respektlos behandelt worden. Allein schon taktische Überlegungen sprachen dagegen. Trump hingegen hat die Frage, wie viele Divisionen der Papst habe, offenbar in Stalins Sinne beantwortet: Keine.

Maßlos egozentrisch

Er sieht sich sogar als indirekter Papstmacher. Leo XIV. sei nur gewählt worden, weil er zuvor Präsident der Vereinigten Staaten geworden sei, behauptet Trump. Er unterstellt, die Kardinäle hätten allein deshalb für Robert Prevost gestimmt, um einen Antitrump zu installieren, der ihn Mores lehrt. Das ist nicht nur maßlos egozentrisch, sondern falsch. Leo wurde nicht gewählt, weil, sondern obwohl er Amerikaner ist.

Wie auch in anderen Fällen trifft Trump damit allerdings einen Punkt. Schon unmittelbar nach der Wahl Prevosts verbreitete sich ebenjene Lesart, derer sich nun auch der amerikanische Präsident bedient. In die Welt gesetzt wurde sie von Trump-Gegnern und dem medialen Bedürfnis nach Zuspitzung.

Leo war klug genug, nicht in diese Falle zu tappen. Er war sich allem Anschein nach im Klaren darüber, dass jedes seiner Worte auf die Trump-Waage gelegt werden würde. Bis heute bleibt er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Franziskus stets besonnen. Auch zu Beginn des Irankrieges formulierte der Papst seine Kritik zunächst noch allgemein und zurückhaltend.

Lange hielt sich Leo XIV. in Sachen Iran zurück

Die ausdrückliche Verurteilung der amerikanischen und israelischen Angriffe als völkerrechtswidrig überließ er seinem Kardinalstaatssekretär, den Hinweis, dass der Waffengang nicht die Voraussetzungen der kirchlichen Lehre vom „gerechten Krieg“ erfülle, einem amerikanischen Kardinal. Erst als Trump und seine Leute den Irankrieg zunehmend religiös verbrämten der Präsident drohte, eine Zivilisation zu vernichten, wurde der Papst deutlicher.

Trump wirft dem Papst vor, dass er Politik mache und die Agenda der radikalen Linken verfolge statt sich um Glauben und Kirche zu kümmern. Diesem Vorwurf sehen sich auch andere Kirchenleute regelmäßig ausgesetzt. Er wird auch keineswegs nur von Trump erhoben und ist auch nicht immer falsch.

Aber ein Papst kann nicht schweigen, wenn ein amerikanischer Präsident damit droht, eine Zivilisation auszulöschen. Ein Papst folgt auch nicht einer radikalen linken Agenda, wenn er sich nicht damit abfinden will, dass die Einwanderungspolizei in den Vereinigten Staaten Ausländer wie Freiwild durch die Straßen jagt.

Der Vatikan braucht keinen Atomschirm

Der Konflikt zwischen Trump und Leo ist auch in anderer Hinsicht denkwürdig. Es ist traurig, aber wahr: Der Papst ist wohl der einzige Akteur auf der weltpolitischen Bühne, den Trump nicht unter Druck setzen kann, gegen den er nichts in der Hand hat: Der Vatikan braucht seinen Atomschirm nicht, er vertraut auf einen höheren Beistand. Er muss keine amerikanischen Zölle fürchten. Der vatikanische Export in die Vereinigten Staaten beschränkt sich auf einige Sonderbriefmarken, Gedenkmünzen und Segensurkunden.

Auch ein weiteres Druckmittel, das Päpste in vielen anderen Fällen zur Zurückhaltung gegenüber Despoten und Diktatoren veranlasste, steht Trump nicht zu Gebote: Die Drohung mit Repressalien gegen die katholische Minderheit im Land. Der Papst indes hat gegenüber Trump etwas in der Hand, was kein westlicher Staatsmann aufbieten kann: Die geistliche Autorität eines Oberhauptes von 1,4 Milliarden Katholiken. Auch jeder fünfte Amerikaner ist Katholik. Manches spricht dafür, dass Trump seine eigene Machtlosigkeit in diesem Fall durchaus bewusst ist und er deshalb umso wütender reagiert.

Ob alle Katholiken in den Vereinigten Staaten die Auffassung von Vizepräsident J.D. Vance teilen, dass der Präsident mit seiner Papstschelte recht habe, erscheint zweifelhaft. Bismarck warf den deutschen Katholiken einst vor, sie seien vaterlandslose Gesellen wie die Sozialdemokraten, weil sie dem Papst in Rom mehr gehorchten als dem Kaiser und seinem Kanzler in Berlin. Dem Papst mehr zu gehorchen muss nicht immer schlecht sein.

Source: faz.net