Sommerspiele: Was bedeutet die Olympia-Bewerbung für jedes die deutschen Städte?








Bald fällt die Entscheidung über die deutschen Olympia-Bewerber. Aber welche Konsequenzen hätte die Großveranstaltung für die austragende Stadt und ihre Bewohner?



2036, 2040 oder 2044? Was nach ferner Zukunft klingt, spielt in vielen deutschen Großstädten schon jetzt eine entscheidende Rolle: Es geht um die Frage, in welcher Stadt die olympischen Sommerspiele ausgetragen werden könnten – und wann.

Mit einer klaren Mehrheit von 66,7 Prozent stimmte München bereits im vergangenen Oktober für eine Olympia-Bewerbung. Ganz so weit sind die Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen und Hamburg noch nicht: In Köln und Düsseldorf sollen sich die Einwohner am 19. April für oder gegen Olympia entscheiden. In Hamburg landen die Briefwahlunterlagen in der kommenden Woche in der Post, ehe am 31. Mai darüber abgestimmt wird, ob die Hansestadt beim Rennen um die Sommerspiele mitmachen soll.


In Berlin steht kein Referendum an, trotzdem formiert sich ein Volksbegehren namens „Nolympia“, das schon mehr als 20.000 Unterschriften gegen olympische Wettkämpfe in der Hauptstadt gesammelt hat.

Sobald die konkreten Konzepte stehen, wird der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sich auf einen Standort festlegen. Aber: Was genau heißt es für die Städte, sich auf den Bewerbungsprozess einzulassen? Und welche finanziellen Folgen könnte eine Zusage des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Regionen haben?




Was kostet eine Olympia-Bewerbung?

„Keiner der einzelnen Bewerberstandorte kann aktuell allen Kriterien Rechnung tragen“, sagte Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule der „Sportschau“. Das wollen die Bewerber ändern, aber zuerst die Meinung der betroffenen Einwohner dazu einholen. Diese Abstimmungen sind teuer: München kostete das Votum im vergangenen Oktober 6,7 Millionen Euro. Für den Entscheid in Hamburg am 31. Mai sind rund 7,1 Millionen Euro eingeplant. Der Verbund Köln und Rhein-Ruhr muss für sein Referendum am 19. April etwa 11,3 Millionen Euro locker machen. Diese Zahlen hatte die „Sportschau“ veröffentlicht.


Berlin kommt dagegen ohne solche Ausgaben davon: In der Landesverfassung der Hauptstadt ist eine Volksabstimmung über die Olympia-Bewerbung nicht vorgesehen.

Alle Bewerber rühren zudem die Werbetrommel, um die Einwohner von einer Ausrichtung der Spiele zu überzeugen. In NRW zum Beispiel fließen zusätzlich 2,5 Millionen Euro in Werbemittel. 





Auch das Ausarbeiten der Konzepte kostet Geld: Hamburg plant etwa in den kommenden Monaten, bis zu 18 Millionen Euro auszugeben, Berlin geht von sechs Millionen Euro Kosten aus. Für die Region Rhein-Ruhr mit Köln sind es insgesamt 17 Millionen, in München rechnet man mit 7,7 Millionen Euro. Bis zum Herbst 2026 fließen laut „Sportschau“ mindestens 50 Millionen Euro in die Bewerbungen der Regionen.

Welche Effekte erhoffen sich die Befürworter?

Die Unterstützer der Olympia-Bewerbung argumentieren unter anderem mit wirtschaftlichen Vorteilen. „Wir können mit den Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg Gewinn machen“, sagte Steffen Rülke, Leiter der Hamburger Olympiabewerbung, dem „Deutschlandfunk“

Und der Professor für politische Kommunikation Erik Flügge erhofft sich von dem Megaevent einen Push für städtische Vorhaben: Einige Projekte, wie der Ausbau von S- und U-Bahn-Linien, der Neubau von Brücken und sonstige Projekte, die der Infrastruktur dienen, könnten beschleunigt werden, sagte der Politikberater dem Sender.





In Köln ist sogar ein neuer Stadtteil geplant: In Kreuzfeld sollen die Athleten unterkommen, zudem soll dort eine Arena entstehen. Nach den Spielen sollen die Bauten in ein neues Wohnviertel umgebaut werden. Ähnlich wurde 1972 das olympische Dorf in München umgewandelt. Nachdem die Wettkämpfe beendet waren, entstand dort ein eigenes Viertel mit Wohnraum, das bis heute genutzt wird.

Unterstützer einer deutschen Olympia-Austragung erwarten außerdem eine Verbesserung der Stimmung und des Gemeinschaftsgefühls in der Gastgeber-Region und dem ganzen Land. Die Olympischen Spiele könnten einen „sehr positiven Effekt auf das Image“ haben, meint Wirtschaftswissenschaftler Klaus Wohlrabe.

Was entgegnen Kritiker?

„Jeder Euro, der in das 30-Tage-Megaevent fließt, fehlt zum Beispiel bei Bildung, Mobilität, Wohnungsbau und sozialen Einrichtungen“, kritisiert die Initiative „Nolympia“ in Hamburg. Das Bündnis bemängelt die finanzielle Unsicherheit, die Olympia auslösen könne. In Paris habe das Großereignis dem IOC einen Gewinn von einer Milliarde Euro eingebracht, während die Kosten für die öffentliche Hand bei rund sechs Milliarden Euro gelegen hätten. Selbst wenn der Bund dem Austragungsort die Hälfte der Gelder abnehmen würde, müssten demnach trotzdem drei Milliarden selbst gestemmt werden, moniert die Initiative.





Nicht nur die möglichen Kosten für die Stadt schrecken die Kritiker ab, auch den Bewohnern drohen laut „Nolympia“ finanzielle Belastungen. „Die Olympischen Spiele der vergangenen Jahrzehnte zeigen: Die Mieten werden sich dadurch spürbar verteuern“, sagte Eckart Maudrich, Aktivist der Initiative.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) befürchtet zudem negative Auswirkungen auf die Umwelt. „Die Folgen für Mensch und Natur, für Klima, Stadtentwicklung, Wohnungsmarkt, Verkehr und andere Bereiche wären größtenteils negativ. Das lassen die Erfahrungen früherer Ausrichter-Städte klar erwarten“, äußert der BUND. 

Wann wird entschieden?

Der DOSB will bis Herbst 2026 entscheiden, welches Konzept ihn am meisten überzeugt hat. Bis dahin wird das Prozedere drei Phasen durchlaufen haben:


Zuerst hatten alle Bewerber bis Ende Mai 2025 ihre Vorschläge einreichen können. Aus diesem Pool an Einsendungen wählte der DOSB Ende September vergangenen Jahres die Rhein-Ruhr-Region und die Städte Hamburg, Berlin und München aus. Bis Anfang Juni haben die Städte laut DOSB nun Zeit, ein Bürgerreferendum abzuhalten, „sollte dies politisch nötig sein“.

Was passiert danach?

Die endgültige Entscheidung über die Austragungsorte der Olympischen Spiele obliegt dem Internationalen Olympischen Komitee. Da die Wettkämpfe 2028 in Los Angeles, USA, und 2032 in Brisbane, Australien, schon fest vergeben sind, kommen für Deutschland die Spiele 2036, 2040 oder 2044 infrage. Derzeit ist nicht abzusehen, wann das IOC diesbezüglich seine Entscheidung trifft. 

Die Olympischen Sommerspiele 2028 und 2032 vergab das IOC am 21. Juli 2021 an Los Angeles und Brisbane – immerhin sieben beziehungsweise elf Jahre vor dem tatsächlichen Ereignis.

yra

Source: stern.de